Bevor die Mauern fallen, fällt dieses Haus zum ersten Mal auf

Ein Abrisshaus zwölf Künstlern aussetzen – kann das gut kommen? Der neuste Streich der Deli Projects beweist: Es kann.

Ohne Ziegel siehts sich besser: Demian Wohler und Benedikt Wyss im eigens konstruierten Control Tower.

(Bild: Siri Dettwiler)

Ein Abrisshaus zwölf Künstlern aussetzen – kann das gut kommen? Der neuste Streich der Deli Projects beweist: Es kann.

In den Schauerromanen des 18. Jahrhunderts kommt es immer wieder vor: Ein Haus als Organismus, mit Fenstern als Augen und Wänden, das «Jahrhunderte alte Geschichten atmet» und Spuren längst vergessener Gräueltaten trägt. Meist befindet sich so ein Haus in desolatem Zustand, kurz vor dem Zerfall, wie seine Bewohner, die zombiesk in den dunklen Fluren rumschlurfen. Im Verlauf der Geschichte kommt üblicherweise irgendein Jüngling daher, nistet sich ein, bringt Licht und Liebe und ein paar Tage Glückseligkeit, bevor auch er wahnsinnig wird und sich mitsamt Haus ins Verderben stürzt.

Glücklicherweise befinden wir uns heute nicht mehr in der schwarzen Romantik. Es gibt Lachyoga und Wohlfühloasen und Beta-Blocker. Wahnsinnig werden die wenigsten, und schon gar nicht wegen zerfallenen Gemäuern. Häuser mit Organismus-Potenzial aber gibt es noch – und in ganz glücklichen Fällen die Jünglinge dazu.

Kahlschlag in der Neuweilerstrasse

Demian Wohler und Benedikt Wyss stehen auf dem Dachboden eines alten Wohnhauses in der Neuweilerstrasse und blicken auf das, was wohl einmal ein Garten gewesen sein muss. Glaubt man Google Earth, hat es hier einmal so ausgesehen:




Glaubt man dem Video, das Wyss und Wohler kurz vor Beginn des Projekts auf Youtube gestellt haben, sah es beim Einzug so aus:

Und steht man jetzt neben Wyss und Wohler und blickt vom Dachboden runter, siehts so aus:




Wieso man da so gut runtersieht? Die Jungs haben ein Stück Dach rausgebrochen, um die Ziegel Thomas Jeppe zur Verfügung zu stellen, der im «Garten» eine Untergrundgalerie baut. Dafür hat der australische Künstler ein rund sechs Quadratmeter grosses und ein Meter tiefes Loch gegraben, in dem er gerade ein grosses blaues Bild adjustiert. Neben ihm steht ein zum Swimmingpool umfunktioniertes Biotop* und etwas näher zur Strasse hin ein Hügel aus Aushub. «Sybren wollte da noch ein Matterhorn draus formen», sagt Wyss und stemmt die Hände in die Hüften.

Er redet von Sybren Renema, der im noch bedachten Teil des Dachstocks diverse Röhrenbildschirme verstaut hat, um sie in der folgenden Woche einmal pro Tag zu selbst komponierter Musik aus dem Fenster zu werfen. Renema sitzt gerade vor einem Schlagzeug in seinem Zimmer im ersten Stock und tippt etwas in seinen Computer.



Hier spielt die Musik.

Hier spielt die Musik. (Bild: Siri Dettwiler)

Im Zimmer nebenan haben Gabriel Flückiger und Margrit Säd eine Eso-Stube mit Lebensberatungs-Angebot eingerichtet, und auf der anderen Seite des mit Aushub gepflasterten Flurs befindet sich ein Raum der amerikanischen Künstlerin Juliana Irene Smith, den man an dieser Stelle gar nicht beschreiben kann, so wundervoll verstörend ist er. 

Weiter unten im Haus reisst Marina Pinsky ihren Boden heraus, Pedro Wirz staubsaugt sein Raucherzimmer (gelbe Wände, wohin das Auge guckt – hustet alte Geschichten wie kein anderes Zimmer im Haus), Carole Louis seilt sich in ein gegrabenes Kellerloch ab, und hauseigener Fungus Radikalus grassiert über die Wände. Ein ganz normaler Tag im Haus#99.



Auch ein Künstler: Raucherwand im Haus#99.

Auch ein Künstler: Raucherwand im Haus#99. (Bild: Siri Dettwiler)

Ok, wo?

Das Haus#99 ist ein altes Wohnhaus am Ende der 8er-Tramlinie. Monatelang stand es frei, überwachsen und heruntergekommen, schaurige Romantik hundertprozent. Fehlten nur noch die lichtbringenden Jünglinge. So ähnlich wird es sich wohl auch der Architekt gedacht haben, der das Haus vor ein paar Monaten zur Zwischennutzung ausschrieb, als temporärer Ort für ein Kunstprojekt. Wie geschaffen für Wyss und seinen nomadischen Offspace «Deli Projects».

Mit Demian Wohler organisiert Wyss seit einem Jahr auch regelmässig den «Social Muscle Club». Die beiden haben sich also beworben, mit einem Projekt, das der Grösse des Hauses und dem Irrsinn seiner Erscheinung gerecht wurde: Zwölf Künstler wohnen und arbeiten drei Wochen lang im Haus, essen und leben zusammen, und geben, so Wyss, «ihre Privatsphäre zugunsten einer radikalen Begegnung mit dem Publikum auf».

Die Besucher sollen eingebunden werden, und zwar nicht auf diese pseudo-publikumsnahe Art, die die Saalblätter der Weltmuseen immer wieder an den Tag legen, sondern als integraler Bestandteil des Werks, oder – um wieder bei den Schauerromanen zu sein – als Teil des Organismus. Dafür sorgen einerseits konkret Christopher Gylee und Richard Aslan, die beim Eingang des Hauses eine kleine Bibliothek mit Anweisungsprospekten für die Besucher bereitstellen werden:




Andererseits soll im Haus#99 auch der ganze Akt des Besuchens ganz anders funktionieren: Das Publikum soll sich das Ganze nicht einfach bequem anschauen können, sondern wird mit einbezogen. Die Besucher klopfen unten an die Tür, jemand kommt und macht auf, führt sie hinein und stellt ihnen die arbeitenden Künstler vor.

Die Besucher sind also nicht wie in einem üblichen Ausstellungsraum alleine mit Kunstwerken, sie befinden sich in einem einzigen organischen Kunstwerk und können mit dessen verschiedenen Elementen interagieren. Ein radikales Gastgeberprinzip, Licht und Liebe und Glückseligkeit für eine Woche – bevor nicht der Wahnsinn (ok, vielleicht ein bisschen), sondern die Bagger das Haus zerstören werden.

Und wer es jetzt noch nicht begriffen hat, der soll sich das passende «The End» von den Doors anhören, das Wyss und Wohler im Veranstaltungsflyer zitieren:

«Can you picture what can be / so limitless and free / desperately in need of some stranger’s hand / in a desperate land»
 

Oder kurz: Come on baby, take a chance with us.

 

*Wyss und Wohler suchen noch dringend jemand, der weiss, wie man am besten eine löchrige Plane flickt. Sonst muss der Swimmingpool nämlich ständig neu aufgefüllt werden und Mani Matteresk wird sich der Boden mit Wasser füllen, immer mehr und mehr, bis das Haus versinkt und eine solche Flutwelle auslöst, dass ganz Basel ein paar Tage zu früh und zu wortwörtlich von Kunst überschwemmt wird. Wer was weiss, um die Katastrophe zu verhindern: Mail hierhin oder Kommentar.

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Haus #99, Neuweilerstrasse 99, 4054 Basel, Vernissage: Dienstag, 18 Uhr, ansonsten jeden Tag von Mittag bis Mitternacht offen und frei zugänglich.

Konversation

  1. Der Autorin ist neben der Lektüre von Schauerromanen vielleicht noch Gaston Bachelards „Poetik des Raums“ zu empfehlen. Darin wird dem Haus eine andere Symbolik als das Unheimliche zugeschrieben – eine, die vielleicht zum Projekt mehr Bezug hat als das man dies vorerst vermuten könnte. Und ja, Schauerromane sind ja bei diesem Wetter so was von naheliegend, ein Schauer mehr oder weniger …

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