Bianca Pedrina: Ein Auge fürs Detail

Eine Plastikkamera stand am Anfang von Bianca Pedrinas Schaffen. Damit knipste sie, was sich knipsen liess. Heute fesseln vor allem Architekturdetails ihren Blick, wie man auch an der «Regionale» sehen kann – aber nicht nur.

(Bild: Nils Fisch)

Eine Plastikkamera stand am Anfang von Bianca Pedrinas Schaffen. Damit knipste sie, was sich knipsen liess. Heute fesseln vor allem Architekturdetails ihren Blick, wie man auch an der «Regionale» sehen kann – aber nicht nur.

Bianca Pedrina kann stundenlang auf dem Boden liegen und die Decke anstarren. Jeder Riss in der Tapete, jede Linie in der Betonstruktur erregt ihre Aufmerksamkeit. «Es hat mich immer schon interessiert, wie und aus was die Welt gebaut ist», sagt die Künstlerin. Ihr Vater, Architekt von Beruf, nahm sie als Kind oft mit auf Baustellen. «Ich liebte es, und ich nehme an, dass dies mein Bewusstsein für das Thema früh geschärft hat.»

Die Baslerin trat jedoch nicht in die Fussstapfen ihres Vaters, sondern konzentrierte ihre berufliche Energie auf ihre zweite Leidenschaft, die Fotografie. «Mit elf war ich im Besitz einer ersten analogen Plastikkamera», erzählt die heute 29-Jährige. «Ich war süchtig danach, anders kann man es nicht beschreiben.» Und so lag es wohl nahe, dass sie nach dem Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Basel ein Praktikum bei einem Fotografen in Berlin machte, fest im Begriff, den Fotografenberuf zu erlernen.

Doch bekanntlich kommt alles anders, als man denkt, und Bianca Pedrina merkte, dass Studio- oder Porträtfotografie wohl doch nicht ihr Ding ist. «Ich habe viel gelernt, vor allem auch im technischen Bereich, was für meine Arbeit heute sehr wichtig ist», sagt sie. «Doch ich muss frei arbeiten können.»

Sie schrieb sich an der Hochschule der Künste in Bern ein und machte dort ihren Bachelor in Fine Arts – bei Renate Buser, die sich ihrerseits der Architekturfotografie verschrieben hat. An der Städelschule in Frankfurt vertiefte sie danach das Gelernte und kehrte nach einem iaab-Aufenthalt in Paris schliesslich vor drei Jahren nach Basel zurück, wo sie seither arbeitet: als freie Künstlerin im Atelier in der eigenen Wohnung, und daneben noch in drei verschiedenen Jobs, weil es sich von der Kunst (noch) nicht leben lässt. Seit Kurzem ist sie zudem kuratorisch tätig fürs Team der «Schwarzwaldallee».

Architekturelemente und Wolken

Trotzdem bleibt noch genug Zeit für intensive Architekturbetrachtung – zum Beispiel in einem alten Haus an der Riehentorstrasse, das den Laden «Ahoi Ahoi» beheimatet. Dort waren es die Kehlleisten an der Decke, dekorative Elemente, die Pedrina so sehr faszinierten, dass sie die Kamera zückte. Die Detailaufnahmen wurden im letzten Januar vor Ort ausgestellt und sind nun ein zweites Mal zu sehen, an der «Regionale» im Kunsthaus Baselland.

Neben den sechs schwarzweissen, gerahmten Fotografien kann man am selben Ort noch eine zweite Arbeit von ihr betrachten: Seit bald einem Jahr ziert das grossformatige «Cloud Atlas» die Aussenfassade des Gebäudes. Darauf ist keinerlei Architektur zu sehen, sondern viel blauer Himmel, eine Wolke und der Kondensstreifen eines Flugzeuges. Und dann sind da noch – in der linken oberen Ecke – zwei Lichtpunkte, ein roter und ein blauer.

Sie sind der Hinweis darauf, dass es sich hier um eine Fotografie handelt – nicht um Realität, sondern um die Betrachtung des Himmels durch die Kameralinse. Damit ist ein zweiter zentraler Punkt in Pedrinas Schaffen angesprochen: Die Frage, inwieweit Fotografien Verlässlichkeit und Echtheit vermitteln können.




«Cloud Atlas» ziert die Aussenfassade des Kunsthauses BL. (Bild: )

Die Künstlerin nutzt Fotografie aber nicht nur als zweidimensionales Medium, sondern geht damit in den Raum hinaus – oder hinein, wie man es lieber hätte. Das kann eine kleinere Intervention sein, zum Beispiel das Foto einer Wolke, das vom Himmel auf einen Torbogen gefallen und liegen geblieben ist. Oder es sind grössere räumliche Installationen, wie etwa die Arbeit «Landowski»: eine zwischen zwei Stahlträger gespannte Fotografie, die im Kunsthaus Baselland vor zwei Jahren mit der Perspektive des Raumes und derjenigen der Betrachter spielte.

«Wahrnehmung ist eine zentrale Motivation in meinem Schaffen», sagt Pedrina. «Die Frage nach der Wahrnehmung der Betrachter einerseits, aber auch meine ganz eigene. Ich mache darum auch gerne Ausstellungen – weil ich erst da ein Werk im fertigen Zustand sehen und seine Wirkung abschätzen kann.»

Wichtig ist ihr die Interaktion zwischen Raum und Betrachter. Dass man sich die Hinterseite eines Werkes anschauen kann zum Beispiel, wie man sich in einem Raum bewegt und welche Bilder dabei im Kopf entstehen. Die Zeit, die Bianca Pedrina braucht, um einer Idee auf die Spur zu kommen, um etwa Wände oder Betonstrukturen zu betrachten, die sollte man sich vor ihren Werken deshalb auch nehmen. Sie ist unabdingbar.

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Regionale 15, bis 10. Januar 2015. Diverse Orte, Detailinfos unter www.regionale.org.
Bianca Pedrina stellt im Kunsthaus Baselland aus. Am 3. Januar um 15 Uhr führt sie einen Workshop im Kunsthaus BL durch, für Erwachsene und Kinder. Mitbringen sollte man eine Handy- oder andere digitale Kamera.

Ihr Werk «Cloud Atlas» kann noch bis zum 15. Januar betrachtet werden: Dann gibt es eine kleine Finissage um 18 Uhr.

Die TagesWoche porträtiert während der Ausstellungsdauer der Regionale 14 mehrere Künstler und Künstlerinnen. Bereits erschienen: Mathieu Boisadan, Jonas Baumann und Denis Handschin.

Im Fokus: «Regionale»-Porträts

An der «Regionale» zeigen Künstler und Künstlerinnen aus dem Dreiländereck ihre Werke. Einige davon porträtieren wir im Laufe der Ausstellung bis Ende Januar 2015. Alle Artikel finden Sie im Dossier.

Konversation

  1. Schön, wie es Karen N. Gerig immer wieder schafft, das Werk eines Künstlers/erin ins richtige Licht zu rücken, sodass einem der Blick auf das Werk gelingt!

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