Catherine Leutenegger hat den Untergang von Kodak-City mit der Kamera festgehalten

In der Fotogalerie Oslo 8 zeigt die Lausannerin Catherine Leutenegger eine subjektive Dokumentation über den Fall und Aufstieg der Stadt Rochester, auch genannt Kodak-City.

Die Fotografin Catherine Leutenegger sieht ihre Arbeit als Hommage an den Kodak-Gründer George Eastman.

(Bild: Olivier Christe)

In der Fotogalerie Oslo 8 zeigt die Lausannerin Catherine Leutenegger eine subjektive Dokumentation über den Fall und Aufstieg der Stadt Rochester, auch genannt Kodak-City.

«Ich kam in diese Stadt und spürte, wie etwas zu Ende geht.» Die Lausanner Fotografin Catherine Leutenegger spricht von Rochester im Bundesstaat New York, auch Kodak-City genannt. Ihre gleichnamige Fotoarbeit über den Hauptsitz des einstigen Fotogiganten, der 2012 Konkurs ging, ist zurzeit in der Fotogalerie Oslo 8 auf dem Dreispitz zu sehen. Es ist eine subjektive Dokumentation über die Kodak-Stadt und das Ende der Analog-Fotografie.

Begonnen hat alles vor 130 Jahren. George Eastman, Sohn einer Bauernfamilie, erfand damals zu Hause den ersten Rollfilm aus beschichteter Zellulose. Vier Jahre darauf entwickelte er die dazu passende Kamera und gründete schliesslich 1892 in Rochester die Eastman Kodak Company. Kodak, weil Eastman den Buchstaben K mochte und «Kodak nach was klang».

Vor dieser Erfindung wurden in der Fotografie fragile Glasplatten belichtet, und den Entwicklungsprozess musste jeder selbst durchführen. Das war teuer und erforderte chemische Grundkenntnisse. Mit Eastmans Erfindung stand die Fotografie jedoch schlagartig jedem zur Verfügung, der sich für zehn Dollar ein Set bestehend aus Kamera, Rollfilm à 100 Bilder, Entwicklung, Abzügen und neuen Film laden leisten konnte. Nur, leisten musste man es sich können.

 Zwei Drittel aller weltweiten Fotodienste liefen über Rochester.

Seine Erfindung vermarktete Eastman mit dem Slogan: «You press the button, we do the rest». Der Fotoapparat, so hat er später gesagt, solle so praktisch werden wie ein Füllfederhalter. Er hat damit eine Goldgrube entdeckt, die Kodak und Rochester ein über 100-jähriges Wirtschaftsmärchen bescherte. Zum Höhepunkt des Erfolgs Ende der 1980er-Jahre arbeiteten in Rochester über 60’000 Menschen für Kodak, und die Firma machte Gewinne im zweistelligen Milliardenbereich. Zwei Drittel aller weltweiten Fotodienste liefen über sie und damit die Stadt am südlichen Ufer des Lake Ontario, unweit der kanadischen Grenze mit rund 250’000 Einwohnern.

Catherine Leutenegger schwärmt aber nicht nur von Eastmans Erfinder- und Unternehmergeist: «Er war ein Philanthrop und richtete für seine Arbeiter ein grosszügiges Krankenversicherungs- und Pensionssystem mit Pioniercharakter ein. Dazu gründete er in Rochester Universitäten, Spitäler, Musikkonservatorien und Theater. All dies mit Firmengeldern. Meine Arbeit ist auch eine Hommage an diesen weitsichtigen Visionär, den man nicht vergessen darf und der noch heute ein Vorbild sein muss.»

Eine leere Stadt

Im Jahr 2007, elf Jahre nach dem Rekordjahr, reiste die Fotografin zum ersten Mal nach Rochester. Von der Stadt wusste sie damals nur wenig, und die Reise diente vor allem der Erholung von ihrem damaligen Leben in Manhattan.

Dort angekommen, umgab sie eine grosse Leere. Vom Wirtschaftsmärchen war nur noch wenig zu spüren. Die Strassen schienen ausgestorben, die Leere erdrückend. Das Gefühl verstärkte sich, als sie zum Kodak-Hauptsitz mit seinem 360 Meter hohen Turm kam und der endlose Firmenparkplatz zu mehr als der Hälfte leer stand – an einem Wochentag morgens um zehn.



Der halbleere Parkplatz vor dem Kodak-Verwaltungsgebäude bestärkte Leuteneggers Gefühl einer leeren Stadt.

Der halbleere Parkplatz vor dem Kodak-Verwaltungsgebäude bestärkte Leuteneggers Gefühl einer leeren Stadt. (Bild: Catherine Leutenegger)


Sie nahm wahr, was sie kurz darauf in Zahlen las: Die Mitarbeiterzahl von Kodak in Rochester sank zwischen 1985 und 2007 von über 60’000 auf knapp 10’000. Bis 2012, dem Jahr der Insolvenz, hat sie sich nochmals halbiert, und seit der Entlassung aus dieser bei rund 7000 eingependelt. Für den Neustart 2013 musste aber ein Grossteil der Patente verkauft werden, und so ist Kodak heute ein Spezialist für professionelle Drucklösungen. Von der fotografischen Vergangenheit ist nur noch wenig übrig.

Kodak als Dampfer, die Digitalisierung als Eisberg

Wie die sinkende Mitarbeiterzahl zeigt, kam die Insolvenz nicht überraschend. Kodak hatte Mühe, sich in der schnelllebigen digitalen Welt zurechtzufinden, und die Gewinne stammten auch noch Mitte der 1990er-Jahre fast ausschliesslich aus dem traditionellen Analoggeschäft.

Angefangen hat das digitale Zeitalter für Kodak aber ganz anders: 1976 gelang Steve Sasson, einem Mitarbeiter, die Entwicklung der ersten tragbaren Digitalkamera mit einer Auflösung von 0.1 Megapixel, und 1994 entwickelte Kodak für Apple gar die erste marktfähige Digitalkamera, die Apple Quick Take 100. Kodaks Problem mit der Digitalität lässt sich an diesem zweiten Beispiel aber gut erkennen. Statt die Kamera als Kodak zu verkaufen, bevorzugte man Apple als offiziellen Hersteller.

Kodak wollte durch die Digitalkamera nicht das eigene, zu jener Zeit noch sehr erfolgreiche Filmgeschäft gefährden. Die Firmenleitung konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass die digitale Fotografie schon bald den Fotofilm verdrängen könnte. Die Entwicklung der beiden Unternehmen seither wirkt fast zynisch. Leutenegger fasst zusammen: «Nach Eastman, dem umsichtigen Visionär, kamen nur noch Manager. Leute, die mit dem Fotofilm eine Zauberformel für die Ewigkeit in ihren Händen glaubten.»



Kodak-Mitarbeiter Steven Sasson mit der von ihm erfundenen ersten tragbaren Digitalkamera, 1976.

Kodak-Mitarbeiter Steven Sasson mit der von ihm erfundenen ersten tragbaren Digitalkamera, 1976.

Der Untergang des Kodak-Dampfers steht also stellvertretend für den Untergang der Analog-Fotografie. Ein Thema, mit dem sich Leutenegger bereits vor Kodak-City fotografisch auseinandergesetzt hat.

In einer früheren Arbeit dokumentierte sie den Wandel in Fotoateliers und -labors in der Westschweiz und New York. Und jetzt jenen von Kodak und Rochester. «Ich verstand mich in beiden Arbeiten als Archäologin, die konservierte, was am Verschwinden war.»



Lange konnte sich Kodak eine digitale Zukunft nicht vorstellen. Zu stark war der Glaube an den Fotofilm.

Lange konnte sich Kodak eine digitale Zukunft nicht vorstellen. Zu stark war der Glaube an den Fotofilm. (Bild: Catherine Leutenegger)

Eine Fotografin, die sich als Konservatorin versteht. Eine leere Stadt. Ein stillgelegter Industriekomplex. All das klingt stark nach den unzähligen Fotobüchern, die über Orte mit plötzlichem Bevölkerungsrückgang wie Detroit oder Tschernobyl existieren. Fotografen, die lüstern vor Betonskeletten, den ehemaligen Industrietempeln, stehen und das letzte Leben aus ihnen fotografieren. Ruin-Porn lautet die kritische Bezeichnung für dieses Genre.

Leutenegger hatte Glück. Sowohl bei ihrem ersten Besuch 2007 sowie bei ihrem zweiten im Jahr 2012 erhielt sie kaum Zugang zu den ehemaligen Produktionsanlagen im Kodak-Park, wo sie vielleicht der Ruinen-Pornografie verfallen wäre. Durch informelle Kontakte mit Arbeitern konnte sie nur in wenige Aufenthaltsräume und Büros des Kodak-Konzerns vordringen, wo Bilder entstanden, in denen die Zeit seit Jahrzehnten stillzustehen schien. So ist auf einem davon eine Timeline mit Schlüsselereignissen des letzten Jahrhunderts zu sehen. Sie endet im Jahr 2000.

Auf einem anderen steht gross Innovation an einer Wand, Buchstabe für Buchstabe auf Einzelblättern gedruckt. Beide Bilder stammen aus dem Jahr 2012. Diese zeitlosen Interieurs bilden einen Teil der Arbeit.



Die Timeline endet in einem Aufenthaltsraum von Kodak im Jahr 2000. Aufgenommen wurde das Foto 2012.

Die Timeline endet in einem Aufenthaltsraum von Kodak im Jahr 2000. Aufgenommen wurde das Foto 2012. (Bild: Catherine Leutenegger)

Der verwehrte Zugang zum Grossteil des Kodak-Parks animierte Leutenegger aber zu mehr. Sie entschied sich, zusätzlich die Beziehung zwischen Kodak und Rochester in den Fokus zu rücken. Herausgekommen ist ein trauriges, menschenleeres Bild einer verfallenden Stadt. Um Längen komplexer und interessanter als Industrieruinen.

Doch hat gerade dieses Bild einen Haken. Es stimme, so Leutenegger, nicht mit dem realen Rochester überein: «Rochester unterscheidet sich grundlegend von den unweit gelegenen, ehemaligen Zentren der Automobilindustrie wie Detroit oder Buffalo. Diese zogen vor allem schlecht ausgebildete Arbeitskräfte an, welche nach dem Wegzug der Konzerne vor dem Nichts standen. Kodak und Rochester hingegen benötigten überdurchschnittlich viele und gut ausgebildete Fachkräfte. Als diese ihre Stelle verloren, gründeten viele ihre eigenen Start-ups. In der Stadt wimmelt es davon. Kodak stirbt, Rochester aber lebt.» Eine Arbeitslosenquote von knapp 5 Prozent, intakte städtische Finanzen und eine stabile Bevölkerungszahl bestätigen Leuteneggers Eindruck. 

Das Gefühl der Leere, das also offensichtlich trügerisch ist, führt Leutenegger auf die Umstände ihrer Anreise zurück. Vor ihrer ersten Reise wohnte sie für mehrere Monate in Manhattan. Fast jede Stadt, so Leutenegger, sehe danach wohl etwas leer aus. Zudem sei sie im Stadtzentrum Rochesters angekommen, einem Finanz- und Verwaltungsviertel, wo sich die Leute meist entweder in Autos oder in Gebäuden aufhielten. «Kodak-City soll aber gar nicht versuchen, das reale Rochester zu zeigen. Es ist eine subjektive Interpretation dieser Stadt, die den Aufstieg und Fall der analogen Fotografie miterlebt hat.»

Die Vermittlung einer subjektiven Interpretation

Leutenegger beschreibt so die heikle Seite ihrer Serie «Kodak-City», denn es könnte der Eindruck aufkommen, dass es sich dabei um eine dokumentarische Arbeit handelt. In den unzähligen Strassen- und Parkszenen kommt ein Gefühl von Alltäglichkeit und damit eines «so-ist-es» auf. Die sehr deutliche Verwendung einiger dieser Szenen als Metaphern, etwa ein gespaltener Baum oder eine hinter Glas eingesperrte, miauende Katze, tragen zudem nicht dazu bei, das dokumentarische Gefühl zu brechen. So auch nicht die ungewöhnliche Starre der Bilder.

Dieses mögliche Missverständnis verlangt nach Vermittlung, welche die Fotogalerie Oslo 8 in erster Linie in Form eines Talks am 22. Oktober anbietet. Dort diskutieren die Kunsthistorikerin Barbara van der Meulen und der Fotosammler Peter Herzog über vermeintliche Objektivität, die Bedeutung Eastmans für die Fotografie und das Kodak-Jahrhundert.

_
«Kodak-City» ist bis am 24. Oktober in der Fotogalerie Oslo 8 in Basel zu sehen. Die Galerie ist freitags und samstags von 14-18 Uhr oder nach Vereinbarung geöffnet. Der öffentliche Talk mit Peter Herzog und Barbara van der Meulen vom 22. Oktober beginnt um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Neben Catherine Leuteneggers Arbeit zeigt die Galerie historische Aufnahmen von Kodak-Geschäften in der französischen Provinz und eine Sammlung von Kodak-Fotoapparaten des letzten Jahrhunderts.

Konversation

  1. Ein sehr informativer Beitrag
    Als „Knipser“ hat man sich immer gefragt, was aus diesen Rollfilfirmen geworden ist.
    Tragisch, man verschläft einen Trend und ist „weg vom Fenster“
    Es stellt sich die Frage, ob es niemanden in der Firma gab, der die Entwicklung zum Datenchip gesehen hat, oder galt der Prophet, wie so üblich, in der eigenen Firma nicht?

    Danke Empfehlen (0 )
    1. Stellvertretend für wohl viele Propheten in der Firma steht Steven Sasson, der Erfinder der ersten Digitalkamera. In einem Interview sagt er, dass Kodaks Problem nicht die Fortschritte in der digitalen Technologie gewesen seien, da sie bis Anfang der Nullerjahre führend darin waren. Kodaks Problem, so Sasson, sei vielmehr ein fehlendes Geschäftmodell dafür gewesen. So lag Kodak 2001 zB. an zweiter Stelle auf dem amerikanischen Digitalkameramarkt, verlor aber mit jedem Verkauf 60 Dollar.
      Das Digitale wurde als Experimentierfeld betrachtet, die Sicherheit und das Kerngeschäft sollte aber das Analoggeschäft bleiben. Kodaks Fehler lag also nicht darin, den digitalen Einstieg verschlafen, sondern dem Filmgeschäft zu sehr und langfristig vertraut zu haben. Das Kodak-Management rechnete wohl mit einer sehr viel längeren Übergangsphase.

      Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel