Das etwas andere Kunst-Tagebuch: Tag 4

Am Tag 4 ist die Art endlich fürs Volk geöffnet – und nicht mehr ganz so glamourös wie in den letzten Tagen. Dafür um einiges unterhaltsamer.

«Also wie itz, da dörf me nid ine?»

Am Tag 4 ist die Art endlich fürs Volk geöffnet – und nicht mehr ganz so glamourös wie in den letzten Tagen. Dafür um einiges unterhaltsamer.

«Entschuldigung, aber da dürfen Sie nicht drübertreten.»

«Oh. Also überall da, wo der weisse Strich ist?»

«Genau.»

«Aber das ist ja eine Riesenfläche!»

«Mhm-hm.»

«Und es heisst doch hier Unlimited? Oder? Unlimited?»

«Stimmt.»

«Also ohne Limit.»

«Ja.»

«Aber ich darf hier nicht drüber?»

«Genau.»

Der Herr läuft kopfschüttelnd davon.

Willkommen an Tag 4 der Art Basel, dem Tag der grossen Stunde: Endlich darf das ordinäre Volk auch in die heiligen Kunsthallen! Die Grossen sind abgereist, der Champagner leergetrunken – und die Galeristen entsprechend gereizt: Entweder haben sie nichts verkauft und werden auch jetzt nichts mehr verkaufen. Oder aber sie haben was verkauft und müssen es jetzt per teure Einzelüberwachung bewachen lassen, weil sonst die Töpen irgendeines Nobody das kostbare Werk entwerten.

Entsprechend missmutig hängen sie nun auch in der Halle der Unlimited, wo jetzt Krethi und Plethi durchrauscht und sich an den Werken erfreut. Am liebsten würden sie ihnen dieses Recht entziehen. Aber was wosch, gehört halt dazu.

Das Publikum lässt sich dadurch nicht aus der Stimmung bringen – ganz im Gegenteil. Wir haben reingehört:

 

1. FORT: «Leck»




«Uh nein, das macht mich verrückt! Da krieg ich grad den Stress hey. Und diese Kasse vorne. Schau mal, das Band läuft unentwegt. Das erinnert mich an…»

«…wenn man an der Kasse steht und den Geldbeutel sucht und alle stehen hinter einem…»

«Genau, uäh! So ein Stress!»

«Aber hier gibts ja nichts zu kaufen.»

«Das find ich fast noch stressiger! Wo ist das ganze Zeug?»

Lacht laut: «Die VIPs haben alles leergeräumt!»

 

2. David Claerbout: «The Pure Necessity» 




In dieser Videoarbeit sieht man die Protagonisten des Dschungelbuchs enthumanisiert: Die Schlange verhält sich wie eine Schlange, der Tiger wie ein Tiger, der Bär wie ein Bär. Folge: Nichts passiert, die Tiere lümmeln nur herum, sprechen, singen und tanzen nicht. Die Kinder findens trotzdem toll.

Mutter zu ihren drei Söhnen: «Kommt, wir gehen weiter.»

Der Grösste: «Aber es ist grad so spannend!»

Mutter: «Jetzt hast du dich doch gerade beklagt, dass hier nie was passiert.»

Schweigen. Alle starren zur Leinwand.

Mutter, langsam ungeduldig: «Kommt, es gibt noch ganz viele andere tolle Dinge hier.»

Der Mittlere: «Das stimmt nicht, das ist alles mega langweilig. Kunst ist immer m-e-g-a  
l-a-n-g-w-e-i-l-i-g!»

Der Kleine: «Da! Die Schlange hat sich bewegt!»

Alle starren wieder auf die Leinwand. Die Mutter seufzt.


3. John Knight: «Quiet Quality»




«Siehst du, sowas macht mich eben hässig. Ich mein: Eine Heizdecke!»

«Es geht doch um die Idee.»

«Idee! Wenn ich für all meine Ideen soviel Kohle kriegen würde, wäre ich jetzt reich!»

«Ja Schatz, das wärst du.»

 

4. Philippe Parreno: «Fraught Times: For Eleven Months of the Year its an Artwork and in December it’s Christmas» 




Herr in Hemd und Lederschuhen fingert am Weihnachtsbaum herum.

Art Guard: «Entschuldigung, das dürfen Sie nicht anfassen.»

Herr schaut genervt. Galerist komm herbei geeilt. «Natürlich darf er, er hats gerade gekauft.»

 

5. Mac Adams: «The Bathroom»




«Jesses Gott.»

«Das ist richtig unheimlich, ja.»

«Schau mal, das Wasser läuft sogar noch in die Wanne!»

«Aber irgendwie auch schön. Wie ein Bühnenbild.»

«Und macht Schaum!»

«Oder nein, irgendwie auch ein Bewegtbild, schau mal wie viel Bewegung in all diesen Objekten steckt.»

«Wie sie wohl das ganze Wasser da wieder rauskriegen?»

«Weisst du, woran es mich erinnert? An Tracey Emin. Ein bisschen.»

«Vielleicht mit einem riesigen Tank unter dem Boden.»

«Ihr ungemachtes Bett, das war auch so unheimlich.»

«Vielleicht stehen wir jetzt grad über einem riesigen Tank und wir wissens nicht!»

«Tracey Emin. Die hatte ein Leben, du. Das war noch richtig wild.»

«Und wie kriegt man das Wasser dann wieder aus dem Tank?»

Beide schauen sich ergriffen an.

 

6. John Baldessari: «Ear Sofa; Nose Sconces with Flowers»




«Wäh, wer will schon auf einem Ohr sitzen?»

 

7. Phyllida Barlow: «Untitled: 100banners2015»




«Das gefällt mir jetzt gar nicht.»

«Wieso, ist doch interessant?»

«Es ist mir einfach zu viel. Diese Sitzsäcke…»

«Sind die aus Sand?»

«…das sieht alles so unkoordiniert aus. So…»

«…so hingeworfen gell.»

«Ich weiss nicht. Es ist einfach nicht schön.»

«Aber vielleicht muss es ja so sein.»

«Stimmt.»

 

8. Doug Aitken: «Underwater Pavilions»




Hier gabs gar nichts zu hören. Menschen sind plaudernd rein und kamen ergriffen schweigend raus. Das macht das Werk zu unserem Liebling. Und auch weil es verdammt gut ist. Sollten Sie also selber an die Unlimited wollen – gehen Sie unbedingt in den Doug Aitken!

 

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Konversation

  1. Das etwas andere Kunst-Tagebuch der TagesWoche gehört zum Besten der Art.

    Da die VIP’s und diejenigen mit Geld das aber kaum verstehen, wird es kaum ‚verkauft‘ werden.

    Trotzdem vielen Dank, „you make my Art days“

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    1. @stucki
      da schliesse ich mich gerne an: eine wunderbare rubrik.
      wie Sie ja erwähnen: 99.9% des cashflows ereignet sich anderswo – insofern serviert die erfahrbare umgebung halt den gerngesehenen peterli dran.
      dennoch: ich mag’s, wenn die schreibende zunft antritt gegen den bildertsunami (und mit richtig raffiniertem instrumentarium)

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