Das sind die fünf Nominierten für den Basler Pop-Preis

Der RFV Basel hat die Nominierten für den 8. Basler Pop-Preis bekannt gegeben. Die Auswahl der Fachjury zeigt, dass «Pop» am Rheinknie auch die Erfolge in den Nischen im Auge behält.

So schön könnte das Leben sein, wenn die Förderbeiträge fliessen. Mit dem Pop-Preis allein reichts dazu aber auch für das Duo Klaus Johann Grobe nicht – falls es denn gewinnt.

Der RFV Basel hat die Nominierten für den 8. Basler Pop-Preis bekannt gegeben. Die Auswahl der Fachjury zeigt, dass «Pop» am Rheinknie auch die Erfolge in den Nischen im Auge behält.

Am 9. November vergibt der RFV Basel den 8. Basler Pop-Preis in der Höhe von 15’000 Franken. Nominiert von einer unabhängigen (und mehrheitlich überregionalen) Fachjury wurden fünf Acts, die sowohl Breite als Ausdauer der lokalen Bandszene widerspiegeln – von Metal bis Dream-Pop, von Garage-Rock bis Pop mit Krautrock-Einschlag sind die unterschiedlichsten Genres dabei. Und zeigen, dass «Pop» am Rheinknie auch die Erfolge in den Nischen im Auge behält.

The Lombego Surfers

Wäre die Verleihung des Preises von der Zahl bespielter Bühnen und den dabei vergossenen Litern Schweiss abhängig, käme niemand anders infrage als die Lombego Surfers. (Wers nicht glaubt: Ein ganzes Konzert aus dem vergangenen Jahr gibts hier zu hören.) Nach 2012 zum zweiten Mal nominiert, gehörten sie eigentlich jedes Jahr auf den Zettel: Kaum eine Band ist so beständig aktiv und in ihrer Sparte so heiss geliebt wie das Garage-Rock-Trio um Sänger und Gitarrist Anthony Thomas.

In mehr als 25 Jahren veröffentlichten sie eine nur schwer überschaubare Zahl Alben, Singles, EPs und Kollaborationen mit anderen Bands. Sie tourten im Norden, Süden, Osten und Westen des Kontinents und sowieso in jeder Ecke der Schweiz, ohne jedoch ihre Ungeschliffenheit zu verlieren. Kein Name, der je von der Frontseite eines Massenmagazins leuchten wird – aber an Konstanz und Selbsttreue eine kaum zu überbietende Truppe.«Wir sind hartnäckig im Underground dabei», sagt Thomas zur Nomination, «und haben in unserem Genre europaweit eine Fanbase – schön, dass man das erneut registriert.»

Der Preis käme der Band stets gelegen, denn die Lombego Surfers sind konstant aktiv: Jedes Jahr spielen sie zwei Tourneen durch Europa, das nächste Album ist bereits in Planung, soll 2017 erscheinen und auf Tourneen vorgestellt werden. «Wie immer bei uns, das ändert sich nicht. Nach so vielen Jahren wäre die Anerkennung durch die Jury daher eine schöne Sache», sagt Thomas.

Anna Rossinelli

 

Eine Nomination, die lange auf sich warten liess: Seit Anna Rossinelli und ihre beiden Mitmusiker Manuel Meisel und Georg Dillier vor fünf Jahren am Eurovision Song Contest plötzlich nationale Bekanntheit erlangten, findet ihre Karriere schweizweit statt. Drei Alben hat das Trio seither veröffentlicht, zuletzt «Takes Two To Tango» im Dezember 2015, doch erst jetzt folgt die Anerkennung durch die vom RFV bestellte Jury für eine der bekanntesten Stimmen der Region. «Uns ist das auch aufgefallen», sagt Anna Rossinelli, «aber nach Gründen haben wir nie gesucht.» Eine mögliche Erklärung kann sie sich schon vorstellen: «Vielleicht glaubte man, die Rossinelli ist etabliert und verdient genug Geld mit ihrer Musik, sodass sie keinen Preis mehr braucht.»

Eine Erklärung, die entfernt an die jüngste Kontroverse um die Verleihung des Schweizer Musikpreises an Sophie Hunger erinnert – aber auch die nicht restlos geklärte Funktion des Basler Pop-Preises berührt. «Es scheint nicht ganz klar, ob es sich dabei um einen Förder- oder Anerkennungspreis handelt», rätselt Rossinelli. Man denkt dabei unweigerlich an die letztjährige Ausgabe zurück, als der Preis überraschend an die rasant aufgestiegenen Newcomer von Serafyn anstelle gestandener Grössen ging. «Wenn es sich um eine Anerkennung für bisher Geleistetes handelt, ist unsere Nominierung schon in Ordnung», lacht Rossinelli in den Hörer.

Denn getan haben sie für «Takes Two To Tango» einiges: Die Band ist drei Monate durch die USA gereist, hat mit lokalen Strassenmusikern die Trottoirs beschallt, in Wohnstubenjams mitgemacht und die Eindrücke in einem Studio in New York verarbeitet. Das hört man: Instrumente wie Steel Drum, Blues Harp oder Pedal Steel verleihen dem Trio einen gehörigen Schuss Americana, «womit wir unseren Sound gefunden haben», sagt Rossinelli. «Ich glaube, man hört uns an, dass wir uns von Album zu Album weiterentwickeln.»

Entwickeln soll sich auch die Karriere, wozu der Basler Pop-Preis zwecks Finanzierung des Nachfolgers von «Takes Two To Tango» gelegen käme, allerdings liegt der Fokus weiterhin auf der Schweiz. «Der Gang nach Deutschland wäre ein logischer nächster Schritt», sagt Rossinelli, «aber wir wissen auch, wie viel man dafür investieren muss. Man beginnt wieder von Null, und vorläufig gibt es in der Schweiz für uns genug zu tun.»

Bleu Roi

Grosse Türme, die ebensolche Ambitionen illustrieren: Hoch wachsen die Wolkenkratzer von New York in den Himmel im Teaser-Clip zu «Of Inner Cities», dem kommenden Album von Bleu Roi. Die Kulisse widerspiegelt nicht nur blosse Sehnsuchtsorte: Das Material, das Jennifer Jans und ihre Band im Dezember in der Kaserne taufen werden, ist zu grossen Teilen während eines längeren Aufenthalts am Hudson River entstanden. Für die Aufnahmen flog die Band schliesslich nach Göteborg.

Obwohl betreffend Karrieredauer einer der jüngeren Acts unter den diesjährigen Nominierten – «Of Inner Cities» wird ihr erster Longplayer sein –, gehörte der Blick ins Ausland von Anfang zu Bleu Roi. Ihren kristallenen Dream-Pop haben Bleu Roi dieses Jahr am Reeperbahn-Festival in Hamburg erstmals in Deutschland vorgestellt, weitere Daten sind in Planung. Die Preissumme des Pop-Preises käme da gelegen, wie Jennifer Jans sagt: «Zur Deckung unserer Promotionskosten in der Schweiz und im Ausland, und zur Finanzierung einer Tournee in Deutschland, Skandinavien und anderen Ländern.»

Bleu Roi haben bereits mit ihrer Debüt-EP vor zwei Jahren eine Nominierung zum Pop-Preis erhalten, nun folgt die Bestätigung – für Jans eine Form von Anerkennung für ein Musikschaffen, das über Bleu Roi hinausgeht. Jans war früher Teil der Band Mañana, ihre drei Mitmusiker waren Teil verschiedener regionaler Bandprojekte wie Cloudride, Glaze oder Victor Hofstetter. Kommt hinzu, dass Jans als Präsidentin des Vereins BScene sowie ehemalige Booking-Assistentin in der «Kuppel» über reichlich Fachwissen in der lokalen Musikszene verfügt.

«Als Band sind wir noch nicht so weit wie andere Nominierte, als Musiker jedoch bringen wir jahrelange Erfahrung mit. Das hat möglicherweise mit hineingespielt», sagt Jans. Viele anerkennende Vorschusslorbeeren also, auf die mit «Of Inner Cities» nun eine ausgereifte Bestätigung folgt.

Klaus Johann Grobe

 

Bitteschön wer? Man muss schon über die Hecken der lokalen Bandszene hinausschauen, um die fast märchenhafte Geschichte des Duos Sevi Landolt (aus Basel) und Dani Bachmann (aus Zürich) mitgekriegt zu haben. Vor fünf Jahren verkaufte Landolt einem Engländer über eine Internet-Börse eine Platte aus seiner Privatsammlung – und legte gleich noch die erste EP seines soeben gegründeten Duos Klaus Johann Grobe bei. Der Empfänger war begeistert – und weil er in England ein Plattenlabel führt, nahm er sie gleich unter Vertrag.

Bald waren Partner in den USA und in Deutschland mit an Bord, wo Klaus Johann Grobe ihr im vergangenen Frühling erschienenes zweites Album «Spagat der Liebe» auf ausführlichen Tourneen vorstellten. Besonders die zwei Konzertreisen durch die USA – wovon sie die zweite im Vorprogramm von Unknown Mortal Orchestra vor jeweils bis zu 1000 Besuchern absolvierten – gerieten zu einer «schönen Erfahrung», sagt Sevi Landolt. «Wir haben von anderen Musikern, die bereits in den USA getourt haben, gehört, mit welcher Ernüchterung sie zum Teil von dort zurückgekehrt sind. Schön, dass wir so herzlich aufgenommen wurden.»

Die guten Erinnerungen an die USA sind umso erstaunlicher, als Klaus Johann Grobe deutsche Texte singen. Wobei diese hinter der Instrumentalität ihrer Songs zurücktreten, sagt Landolt: «Die spielen im Vergleich zur Musik eine untergeordnete Rolle.» Tatsächlich besticht das schlank gehaltene Instrumentarium der Band vor allem durch ausgeklügelte Rhythmen und Arrangements. Die Nähe zum Krautrock, die ihr deutsche Rezensenten unterstellen, sei so falsch nicht, sagt Landolt, «aber davon haben wir uns mit dem zweiten Album wegbewegt. Zwischen den Genres fühlen wir uns am wohlsten.»

Klaus Johann Grobe sind eine unkonventionelle Nomination, die trotzdem völlig zu Recht erfolgt ist: Sie zeigt, dass man den Heimmarkt von Anfang an hinter sich lassen kann. In Basel spielte das Duo in den vergangenen Jahren erst ein einziges Konzert, und auch die erste Schweizer Tournee steht – nach Dutzenden Konzerten in Deutschland, Holland und den USA – noch aus: Sie folgt erst im Januar 2017.

Schammasch

 

Apropos raus aus dem Land: Auch Schammasch haben rasch eingesehen, dass die Region zu klein ist für ihren spirituell aufgeladenen Avantgarde-Metal. Und holen sich die Lorbeeren anderswo: Im vergangenen Frühling erschien bei einem Genre-Label in den USA ihr drittes Album – und was für eines. «Triangle» ist ein Dreifachalbum mit 100 Minuten Spielzeit, das in Fachmagazinen bereits als «Machtdemonstration» und «ausserordentlich gelungene Symbiose aus Meditation und Aggression» gefeiert wird. Zu abseitig, zu unentschlüsselbar für die lokale Musikszene, vermutete Sänger und Gitarrist Chris S.R. noch kürzlich, als er die der Band vorenthaltene Aufnahme ins diesjährige Programm der BScene kommentierte.

Umso mehr freut er sich, dass bei der Nominierung für den Basler Pop-Preis auch Metal Gehör findet: «Eine angenehme Überraschung – lange hatte man ja das Gefühl, Metal werde in der Region nicht ernst genommen. Dass aber nach Zatokrev im Vorjahr nun auch wir nominiert wurden, belegt die Offenheit des RFV und der Jury», sagt Chris S.R.

In der Tat gehörten Schammasch jüngst zu den durch die RFV-Förderung besonders Bedachten: Für «Triangle» und die dazu gehörige Tournee erhielt die Band bereits Unterstützungsbeiträge aus dem Regiosoundcredit, mit der Nomination für den Pop-Preis folgt eine weitere Würdigung. «In der Region ist Metal eine Randerscheinung», sagt Chris S.R., «aber dank unseren mehrmonatigen Tourneen und den Labelkontakten in die USA sind wir in unserem Genre vorne gut mit dabei. Schön, dass diese Ambitionen anerkannt werden.»

Das Preisgeld könnte die Band gut gebrauchen: «Wir würden damit die Restschulden unseres Dreifachalbums abzahlen», sagt Chris S.R., «dafür haben wir privat Schulden auf uns genommen.» Sie meinen es ernst, die vier Apokalyptiker von Schammasch.

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Für den Publikumspreis gibt es auch dieses Jahr ein Online-Voting. Mitmachen kann man unter diesem Link bei der bzbasel: «Stimmen Sie ab! Wer holt den Pop-Preis Basel?»

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