Das Spiel mit der Identität

Sie vertritt als einzige Frau den Schweizer Film im internationalen Wettbewerb von Locarno: Andrea Staka. In «Cure – The Life of Another» schickt sie eine schweizerisch-kroatische Teenagerin auf eine dunkle Reise ins kriegstraumatisierte Dubrovnik.

Sie vertritt als einzige Frau den Schweizer Film im internationalen Wettbewerb von Locarno: Andrea Staka. In «Cure – The Life of Another» schickt sie eine schweizerisch-kroatische Teenagerin auf eine dunkle Reise ins kriegstraumatisierte Dubrovnik.

Gespannt wartete man am Montag in Locarno auf die Rückkehr einer Gewinnerin: Die Schweizer Regisseurin Andrea Staka (*1973) überraschte vor acht Jahren mit ihrem Spielfilm «Das Fräulein» das Publikum wie auch die internationale Jury und gewann den Goldenen Leoparden. Danach konzentrierte sie sich auf Produktionsarbeiten, gebar ein Kind, was die lange Entstehungszeit ihrer nächsten Regiearbeit erklärt.

«Cure» heisst der Film. Ein Titel, der täuscht. «Cure» handelt nicht von der britischen Gothpop-Band (auch wenn deren Poster bei einem Kameraschwenk kurz zu sehen ist – der Film spielt 1993, da waren The Cure den Teenies noch ein Begriff). Nein, Cure ist in erster Linie kroatisch zu verstehen. Zurre ausgesprochen, was man mit Gören übersetzen könnte.

Die tiefen Wunden in den Seelen

Stakas Geschichte kreist um das Schicksal zweier Teenagerinnen. Eta ist 14, hat in Dubrovnik den Kroatienkrieg erlebt, den Vater verloren und in Linda eine neue Freundin gefunden. Linda ist neu in der Stadt, in der Schweiz aufgewachsen, ihr Vater Arzt, der mit ihr in seine alte kriegsversehrte Heimat gereist ist. Er hilft im Spital, die Wunden zu verarzten. Doch das ist Handwerk. Die Wunden, auf die sich Staka in ihrem Film konzentriert, sitzen in den Köpfen. In den Seelen. In den dunklen Gassen dieser Hafenstadt an der Adria.

Ein Coming-of-Age-Drama

Eta zeigt Linda ihren Rückzugsort, wo sie zur Ruhe findet. Auf einem Hügel über dem Meer. «Kommt nicht vom Weg ab», warnt sie ein Fischer, «denkt an die Minen.» Die beiden pubertierenden Mädchen foutieren sich um die Sorgen, übermütig, hormongesteuert wie sie sind. Sie tauschen ihre Kleider, tauschen sich aus – angezogen und abgestossen von den seltsamen Gefühlen, voneinander. Sie lachen, sie rauchen, sie schubsen sich. Bis Eta stürzt, runter, auf eine Klippe. Linda kehrt alleine in die Stadt zurück. An sich die Kleider der Freundin, in sich die Schuld für deren Tod.

Es ist ein dunkles Geheimnis, das Linda fortan durch die Gassen Dubrovniks trägt. Allein, einsam, fremd fühlt sie sich hier. Zwar spricht sie die Sprache. Doch wollen ihr längst nicht alle zuhören. Man schweigt lieber im kriegstraumatisierten Dubrovnik. Mit Linda spricht jedoch Eta: Durch ihr Tagebuch. Und durchs Unterbewusstsein. Sie ermahnt sie, sich nicht in ihre Familie zu schleichen. Doch Linda sucht Halt, findet ihn zunächst bei Etas Grossmutter, bis das Spiel mit der Identität immer bizarrere Züge annimmt, weil die Grossmutter gar nicht mehr wahrhaben will, dass da nicht die Enkelin neben ihr sitzt. Sondern ein fremdes Mädchen.

Die verschwundenen Mädchen von Dubrovnik

Die Geschichte basiert lose auf einer wahren Begebenheit, die ihr eine Cousine erzählt habe, erklärt Staka an der Pressekonferenz in Locarno: Zwei Mädchen seien in Dubrovnik auf einen Berg gestiegen und nie mehr zurückgekehrt. «Die Geschichte ging mir nicht mehr aus dem Kopf», sagt Staka. Weshalb sie sich vor Ort auf Recherchen begab, eintauchte in die Heimatstadt ihrer Grossmutter – und ihre eigene Handlung kreierte.


(Weil das Filmfestival Locarno international ausgerichtet ist, spricht Staka englisch)

In Dubrovnik stiess Staka nach eigenen Aussagen auf «die weiblich mafiöse Welt», in der zwar nicht mit Waffen oder Drogen gehandelt wird, «vielmehr geht es um die Manipulation der Gefühle». 

Man vermisst den überraschenden Twist

Damit lässt sich erklären, warum Staka mit vielen Symbolen und Bildern arbeitet, die Handlung gemächlich vorantreibt, lieber Stimmungen abbildet statt Erklärungen abgibt. Doch auch wenn der Film schön fotografiert ist, auch wenn die jugendlichen Darstellerinnen Sylvie Marinkovic und Lucia Radulovic gute Arbeit leisten: Man wird das Gefühl nicht los, dass der Film nach dem dramatischen Todesfall nicht mehr so richtig in die Gänge kommt. So erhofft man sich zunehmend einen Twist, der der Handlung mehr Drive verleiht und einen neuen Blickwinkel ermöglicht – so, wie ihn Ursula Meier in ihrem Sozialdrama «Sister» elegant angewandt hat. Doch kommt da keiner. Man mag nun entgegnen, dass mit der Nichterfüllung einer Erwartung ja eben gerade Suspense erzeugt wird. Aber für uns ist das am Ende zu wenig, um begeistert zu sein. 

Für Staka ist «Cure» eine Weiterentwicklung. Sie, die sich seit 15 Jahren hinter der Kamera mit Frauenrollen im Balkan beschäftigt, mit der Dualität auch, die sie als Migrantinnentochter selber kennt, wollte für einmal das Unterschwellige stärker hervorheben, psychologische und mentale Aspekte beleuchten. War «Das Fräulein» griffig und ergreifend, so bleibt in «Cure» vieles andeutungsvoll. «Ich möchte weitergehen, mich verändern», sagt Staka in Locarno. Denkbar, dass man «Cure» dereinst als Übergangswerk einer Schweizer Regisseurin deklarieren wird, die sich nach ihrem ersten grossen Erfolg nicht wiederholen wollte. 

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Pathé bringt «Cure – The Life of Another» am 23. Oktober in die Schweizer Kinos. 

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