Denis Handschin: Nichts ist Kunst

Denis Handschin zeigt an der «Regionale»-Ausstellung in der Fabrikculture etwas Einzigartiges: Nichts. Genau genommen ist er gar nicht vertreten. Und wir fragen uns: Gibt es diesen Künstler überhaupt?

Da gibt es nichts zu sehen! Künstler Denis Handschin. (Bild: Hans-Joerg Walter)

Denis Handschin zeigt an der «Regionale»-Ausstellung in der Fabrikculture etwas Einzigartiges: Nichts. Genau genommen ist er gar nicht vertreten. Und wir fragen uns: Gibt es diesen Künstler überhaupt?

Etwas über Denis Handschin im Internet herauszufinden, ist nahezu unmöglich. Da ist einfach nichts. Zumindest fast nichts. Ein paar Eckdaten auf der DOCK-Webseite, ein minimalistisches ZHdK-Profil und zwei, drei Fotos eines Dunkelhaarigen mit Sonnenbrille.

Auch die Webseite des Basler Künstlers ist keine Hilfe. Nichts als ein grosses schwarzes Loch:





Denis Handschin lacht, als ich ihm von meiner misslungenen Recherche erzähle. «So ist es ja auch gemeint», sagt er schmunzelnd. Handschin hat sich nämlich auf genau das spezialisiert, was mir die Suche nach ihm im Netz erschwert hat: auf nichts. Sämtliche Informationen über sich selbst oder zu seinen Werken sind entweder gar nicht oder nur mit einigen Kniffen im Netz zu finden. 

Dieses Prinzip zieht der 33-Jährige auch an der diesjährigen «Regionale» durch: In der Fabrikculture Hégenheim steht zwar Handschins Name auf dem Saalblatt, eine Arbeit von ihm sucht man jedoch vergebens. Wie kann man denn einfach nichts ausstellen? «Nichts ist eben trotzdem immer was», sagt Handschin, Abwesenheit sei immer auch eine Anwesenheit, ein Hinterfragen von heutigen Zuständen der Reizüberflutung, des Leistungsdrucks und Überschusses, der in der Welt vorhanden sei.

7000 Franken für einen Tag lang Nichtstun

Seine Arbeit sieht Handschin als Gegenpol zu diesen Zuständen. Ein Gegenpol, der so verrückt wie genial ausfallen kann. Und nicht immer überall ankommt: 2014 scheiterte Handschins «Stipendium fürs Nichtstun» beim Kunstkredit und bekam die 20’000 Franken nicht zugesprochen, die Handschin dafür brauchen wollte, einer Person 7’000 Franken für einen Tag lang Nichtstun zu geben. 7’000 Franken! Handschin lacht und scheint es selber kaum zu glauben. «Es ging halt darum, sich kritisch mit dem Stipendien- und Subventionswesen auseinanderzusetzen und das Verhältnis von Leistung und Geld zu hinterfragen.»

Im «Büro fürs Nichtstun» arbeitet niemand, nie.

Im «Büro fürs Nichtstun» arbeitet niemand, nie.


Eine ähnliche Arbeit zeigte der Baselbieter kürzlich auch an einer Ausstellung in Glarus, wo er in einem alten Güterschuppen Menschen für sieben Franken eine Minute lang beim Nichtstun filmte. «Die taten natürlich alle trotzdem was, standen herum, schauten um sich oder hingen ihren Gedanken nach.»

Das heisst aber nicht, dass das Projekt «Nichtstun» gescheitert war, ganz im Gegenteil. Es verkörperte genau das, was Handschin im Nichtstun sieht: Eine Form von Aktivität, ja sogar von Produktivität. Eine paradoxe Situation, die der Künstler in derselben Ausstellung auf die Spitze trieb, indem er ein «Büro fürs Nichtstun» eröffnete und jemanden einstellte, der nie vorbeikam. 

Die Bewerbung vom Strand aus abgeschickt

Nichtstun als eine Form von Produktivität – diesen Ansatz verfolgte Handschin auch, als er seine Bewerbung für die «Regionale» verfasste. Der Künstler war für drei Wochen zu Besuch bei verschiedenen Freunden in der Algarve, die ein Nomaden- und Aussteigerleben führen. Am Strand von Lagos, mitten unter selbst gebauten Unterkünften, habe er sich dann entschieden, etwas einzureichen. «Also machte ich einen Tag lang ein Brainstorming, ging darauf zum kleinen Druckerladen und schickte schliesslich fünf Konzepte in die Schweiz.»

Der spontane Aufwand lohnte sich: Zwei Projekte wurden ausgewählt, eines ist (oder eben: ist nicht) in Hégenheim zu sehen, das andere befindet sich an einem Ort in Basel, den Handschin nicht nennen will – denn dort ist zwar ein Werk von ihm ausgestellt, sein Name oder sonstige Infos zu ihm als Künstler finden sich aber nirgends in der Nähe des Werkes und sind auch nicht im Programm des Ausstellungsraums aufgeführt. Als eine Art konsequenteste Form von Tod des Autors:



Wer erkennts? Diese Arbeit von Denis Handschin ist während der «Regionale» ausgestellt – Handschins Name ist aber nirgends aufgeführt.

Wer erkennts? Diese Arbeit von Denis Handschin ist während der «Regionale» ausgestellt – Handschins Name ist aber nirgends aufgeführt.

Genauso unsichtbar und trotzdem präsent war Handschin in einer Arbeit für «What we see and make seen», einer Kollaboration der ZhDK und einer Kunsthochschule in Hongkong. Handschin fragte 100 Chinesen, was sie unter Nichtstun verstehen und ob sie bereit wären, mit ihm nichts zu tun.

Es antworteten 30 Menschen, und mit einer Chinesin entwickelte sich ein langer Austausch über Mail, der Handschin nach Hongkong führte, wo er sich mit der Mail-Bekanntschaft traf und einen ganzen Tag mit ihr schweigend in der Stadt verbrachte. Die beiden redeten kein Wort und versuchten vorerst möglichst nichts zu tun, sie liefen umher, schauten sich an und kommunizierten erst über Gestik und Mimik, später aber über ihre Handys und über handgeschriebene Zettel. Am Ende des Tages gingen sie wieder auseinander, ohne ein einziges Wort gewechselt zu haben. Wieder zurück in der Schweiz entstand aus den Zetteln und Aufnahmen der GoPro-Kamera, die Handschin den ganzen Tag lang um den Hals getragen hatte, die Arbeit «Voiceless with Snow».



Grosse Poesie, die keiner Worte bedarf: «Voiceless with Snow»

Grosse Poesie, die keiner Worte bedarf: «Voiceless with Snow» (Bild: Katja Gläss)

Amok-Alarm als Befehl zum Nichtstun

Spätestens hier wird klar: Nichtstun ist längst nicht nur Nichtstun. Nichtstun kann fast noch mehr sein als das Tun, bei Handschin kann es sich sogar in die Leben anderer schleichen und zum Verbindungsmoment werden. Der Baselbieter sieht darin mehr als eine blosse Spielerei, mehr noch: Es ist zu einem Teil seines Daseins geworden.

Lachend erzählt er, wie er nach dem Amok-Alarm beim Toni-Areal (wo er momentan den Master in Transdisziplinarität macht) von allen Seiten gefragt wurde, ob das eine Arbeit von ihm gewesen sei, so ein Alarm sei ja ein regelrechter Befehl zum Nichtstun. «Das wäre mir aber zu riskant gewesen. Und obwohl ich nicht daran schuld war, hatte ich im Nachhinein Angst, dass sie mich verdächtigen würden.» Auch das Nichtstun hat eben seine Grenzen.
 

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Regionale 15, bis 10. Januar 2015. Diverse Orte, Detailinfos unter www.regionale.org
Denis Handschin stellt in der Fabrikculture Hégenheim aus.

Die TagesWoche porträtiert während der Ausstellungsdauer der Regionale 14 mehrere Künstler und Künstlerinnen. Bereits erschienen: Mathieu Boisadan und Jonas Baumann.

Im Fokus: «Regionale»-Porträts

An der «Regionale» zeigen Künstler und Künstlerinnen aus dem Dreiländereck ihre Werke. Einige davon porträtieren wir im Laufe der Ausstellung bis Ende Januar 2015. Alle Artikel finden Sie im Dossier.

Konversation

  1. Man nimmt sich Zeit, für An- u. Abreise und sieht… NICHTS

    Eine einmalige Angelegenheit, eine einmalige Anreise, der kunstinteressierte Betrachter entscheidet sich, gegen weitere Besuche in diesem Kunsthaus.
    Die Regionale eh schon jahrelang eine Farce mit vorbestimmten Teilnehmern.
    Bewerbungen dienen nur dazu, die Anzahl der Dossiers bekanntzugeben um klar zu machen, dass unter soundsovielhundert Bewerbungen es diese und jene Künstler schafften…

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  2. nichts ist nichts und bleibt nichts.
    jeder ist ein künstler.
    ausser er sitzt in der grossen millionen
    blase von findigen aktueren, welche kunst
    wichtiger machen als sie ist.
    (die bild rechte liegen bei mir.)

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