Der Radiomann macht den Wind sichtbar

Ein Dia-Abend muss nicht in den Kampf gegen müde Augenlider und das verstohlene Schielen auf die Uhr münden. Zumindest dann nicht, wenn Reeto von Gunten bei seinem Programm «iSee more» den Diaprojektor bedient, beziehungsweise die Powerpoint-Presentation.

Meweisafenide/mauwasmes/öuläse/&wasnid. Stimmt nicht ganz – Reeto von Gunten weiss ziemlich genau, was gelesen werden soll und gibt gerne Tipps.

Ein Dia-Abend muss nicht in den Kampf gegen müde Augenlider und das verstohlene Schielen auf die Uhr münden. Zumindest dann nicht, wenn Reeto von Gunten bei seinem Programm «iSee more» den Diaprojektor bedient, beziehungsweise die Powerpoint-Presentation.

Wer andere Menschen spontan zu einem Dia-Abend einzuladen versucht, das zeigt der Selbstversuch, erntet zumindest nicht spontane Begeisterung. Worum gehts da? Was wird denn da gezeigt? Das potentielle Publikum ist zunächst zurückhaltend bis kritisch. Aber hey, es ist immerhin Reeto von Gunten, der da zur Bilderschau mit dem Titel «iSee more» lädt. Der Mann, mit dessen Stimme die Schweiz am Sonntagmorgen auf DRS 3 wach wird und der freundlicherweise von sich aus der Tageswoche ein Interview fast schon aufgedrängt hat.

Das Parterre jedenfalls ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als von Gunten zugibt, bei der Einladung ein wenig geschummelt zu haben. Ist natürlich kein Dia-Vortrag der Abend, sondern eine Powerpoint-Präsentation. Aber damit auf dem Plakat zu werben? Da hätte wohl nicht einmal mehr der Name von Gunten gereicht, um die Leute anzulocken. Befürchtet er zumindest selbst. Und fragt gleich mal, wieviele Leute denn nur deswegen im Saal seien, um zu sehen, «wie der Typ aus dem Radio aussieht»? Es sind entweder wenige – oder es geben es nur wenige zu.

Tut ja eigentlich auch nichts zur Sache. Natürlich kokettiert von Gunten mit seinem Bekanntheitsgrad. Das Programm selbst würde aber wohl auch ohne Promi-Bonus sein Publikum finden. Weil es nicht allein die wohlig-vertraute Stimme ist, die den Abend trägt, sondern der meist überraschende, fast immer lustige, manchmal aber auch nachdenkliche neue Blick auf unsere Umgebung.

Selbstironie als Aufwärmprogramm

Von Gunten, den meisten bislang vor allem als akustisches Phänomen bekannt, wirbt für ein genaueres Hinschauen. Die ersten Bilder aus dem eigenen Familienalbum sind noch vor allem dazu da, das Publikum aufzuwärmen. Witze über sich selbst funktionieren ja eigentlich immer.

Danach aber kommt von Gunten auf den Kern des Abends. Es geht darum, in den Alltag hinaus zu gehen und seine Umgebung durch exakte Beobachtung neu zu erleben. Oder ihr gleich eine neue Bedeutung zu geben. Da hilft plötzlich das Schild vor der Rolltreppe am Zürcher Hauptbahnhof dabei, unser politisches System zu verstehen: «Links gehen. Rechts stehen.» Das kann lustig sein. Sehr sogar.

Was der Welt fehlt, wird ergänzt

Aber von Gunten mag es auch weniger plakativ. Wenn ihm etwas unvollständig erscheint oder unerklärlich, ergänzt er Fehlendes selbst. Ein Schild mit der Aufschrift «Stopp» wirkt doch gleich viel freundlicher, wenn drunter steht: «In the name of love.» Ein wenig gilt hier für ihn Pippi Langstrumpfs Motto: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Auf Klebstreifen geschrieben sind seine «Removables» problemlos zu entfernen. Um so diebischer kann sich von Gunten freuen, wenn sein «Seeräuberschiffe»-Kleber drei Jahre lang an der Anlegestelle in Zürich überlebt. Denn am interessantesten ist doch die Frage, wie die Menschen auf seine kleinen Interventionen reagieren. Oder umgekehrt: Warum sie auch auf absurdeste Beschriftungen häufig gar nicht eingehen. Und einfach hinnehmen, wenn Schneematsch vor dem Museum als «Kunstschnee» beschriftet ist.

Von Gunten geht nach New York, bewaffnet mit berndeutsch beschrifteten A4-Blättern, um die Bernifizierung des Amerikanischen voranzutreiben. Und er freut sich, wenn ein Sprayer die Ecke zwischen zwei Überwachungskameras geistesgegenwärtig mit «Toter Winkel» beschriftet. Er bemängelt aber auch: «Das hätte er schöner schreiben können. Wenn er schon nicht überwacht wird.»

Von Gunten lässt Bäume für sich arbeiten

Als von Gunten ankündigt, dass er nun auch Kunst mache und eine Ansammlung von feinen Strichen auf weissem Hintergrund präsentiert, wird gelacht. Das ist von ihm so angelegt – und eigentlich schade. Denn diese Bilder sind der poetischste, stillste Moment des Abend. Von Gunten hat die Bilder nicht selbst gezeichnet. Er hat Stifte an Bäumen befestigt und lässt die Bewegung der Äste die Arbeit erledigen. Sichtbar wird so der Wind, der durch die Blätter gestrichen ist.

Am Ende des Abends gehen die Zuschauer vielleicht mit einem etwas wacheren Blick aus dem Programm und wagen öfter einmal den Blick vom iPhone weg, hin auf die Welt, die sie unmittelbar umgibt. Und wenn nicht, wurden sie wenigstens blendend unterhalten. Da kann es Reeto von Gunten glatt wagen und den nächsten Abend gleich als Powerpoint-Präsentation ankündigen.

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