Der Untergang der Abendunterhaltung

Poetry Slam hat sich als Bühnenformat in der Kulturszene etabliert. Der Boom hat auch Basel erreicht, wo mit dem «Slam Basel» eine weitere Reihe startet. Ist Poetry Slam im Mainstream versandet?

Poesie-Performances in ungezwungener Atmosphäre: Poetry Slam hat die Institution Live-Lesung säkularisiert. (Bild: Nils Fisch)

Poetry Slam hat sich als Bühnenformat in der Kulturszene etabliert. Der Boom hat auch Basel erreicht, wo mit dem «Slam Basel» eine weitere Reihe startet. Ist Poetry Slam im Mainstream versandet?

Es gibt da diesen Witz, der geht so: «Poetry Slam ist genau wie Paralympics: Auch wenn du gewinnst, bist du immer noch behindert.»

Pardon. Man verzeihe mir den politisch unkorrekten Start. Aber er beschreibt die Krux mit dem Imageproblem von Poetry Slams recht passabel. Denn Poetry Slam, dieser Dichterwettstreit also, bei dem per Textvortrag um die Zuneigung eines Publikums gekämpft wird, galt lange als Problem­zone der Literatur. Poetry Slam war das Schmuddelkind in der Vorlese­familie, das es jeweils im Keller zu verstecken galt, wenn der Herr Bürgermeister für die Salonlesung zu Besuch kam.

Als ich zum Beispiel vor vielen Jahren zum ersten Mal für einen kleinen regionalen Literaturpreis nominiert war, wurde mir vonseiten der Ausrichter nahegelegt, in meiner Mappe auf die Bezeichnung «Poetry Slammer» zu verzichten und mich stattdessen als «Bühnendichter» zu deklarieren. Die Jury könne drum mit so neuartigem Zeug wenig anfangen. (Um das hier mal zu klären: Poetry Slam wurde 1986 erfunden. Man kann Slam durchaus «neu» nennen, aber dann muss man auch die Synthiepopper von Depeche Mode als Newcomer betiteln.) Item.

Eine Form der Ruhestörung

Zu laut, zu pubertär, zu simpel, zu feucht-fröhlich: Poetry Slam wurde von den Ratingagenturen der Literaturkritik lange Zeit nicht als Bühnenplattform oder Experimentierformat wahrgenommen, sondern primär als Ruhestörung. Das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Ein wenig zumindest.

Die grundsätzliche Skepsis des Literaturbetriebs gegenüber Autorinnen und Autoren, die sich nicht nur als Weisheiten murmelndes religiöses Medium, als Dolmetscher der Weltformel verstehen, sondern sich – ganz und gar handwerklich – mit ihren eigenen Texten auf der Bühne aus­einandersetzen, ist der Erkenntnis gewichen, dass der Literatur kein Zacken aus der Krone fällt, wenn sie auch ein wenig an ihr Publikum denkt.

Als der einstige Bauarbeiter Marc Kelly Smith Mitte der 1980er-Jahre in Chicago das Format Poetry Slam «erfand», hatte er genau das im Sinn: Durch den vermeintlichen Wettbewerbs­charakter die Bräsigkeit herkömmlicher Literaturlesungen zu brechen, künstliches Drama zu kreieren. «Das gibt dem Publikum einen guten Grund, aufzupassen, was auf der Bühne passiert», sagte Smith vor zwei Jahren gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Es ist vielleicht eines der grössten Missverständnisse des ­Poetry Slams, dass der Wettbewerb als Hauptsache interpretiert wird und nicht als das, was er ­eigentlich sein sollte: ein Aufmerksamkeits-Trojaner, der den Vortragenden – und schliesslich der Poesie – den Boden bereitet.

Funktioniert hat Marc Smiths Idee allemal: Poetry Slam hat es als basis­demokratische Veranstaltung geschafft, die bewachten Schützengräben zwischen Bühne und Publikum ein bisschen zuzuschütten. Sogar in der Schweiz, wo jeder Feuilletonist ein geladenes Sturmgewehr unter dem Schreibtisch liegen hat. Chapeau.

Dem etablierten Literaturbetrieb hat die Erfrischung aus der Slam Poetry gut getan – das zeigen Beispiele wie jenes der Lyrikerin Nora Gomringer, des Mundartdichters Pedro Lenz oder des Kabarettisten Marc-Uwe Kling, die alle zumindest teilweise in der Poetry-Slam-Szene gross geworden sind und nun zu den gewichtigsten Stimmen ihres Fachs gehören.

Doch auch für die Szene selbst besteht wenig Grund zur Klage. Gerade im deutschsprachigen Raum ist Slam mittlerweile so fest etabliert im Kulturleben, dass er regelmässig in renommierten Theaterhäusern, auf Kabarettbühnen, in Schulzimmern, in der Wissenschaft und sogar in Altersheimen stattfindet.

Slammer sind Eier legende Wollmilchsäue der Abendunterhaltung, die manchmal sogar noch reimen können. Viele der bekannteren Köpfe aus der Szene verdienen ihren Lebensunterhalt mit Slam, umtriebige Veranstalter wie der Kulturpavillon in Basel, das Casinotheater in Winterthur, Gapevents in St. Gallen und Rubikon in Zürich haben den Slam in den Städten etabliert. Grossverlage drucken Anthologien und nehmen Slam-Poeten unter Vertrag, Slammer sind gern gesehene Gäste, sowohl bei Kabarettpreisen als auch bei Poesiefestivals. Slam überlappt sich zu Teilen mit dem Kabarett, manchmal mit dem Hip-Hop – die Grenzen sind erfrischend fliessend. Das gestaltet es schwierig, die Szene fassbar zu machen. Und das ist vielleicht auch ein Problem.

Über mangelnde Abwechslung darf man sich als reisender Poet nicht beklagen. Ob ein Luftschutzbunker in Aarau, ein Blumenladen in Konstanz, eine U-Bahn in Bayern, Opernhäuser in Niedersachsen, Badeanstalten am Zürichsee oder Bahnhofsunterführungen in Hamburg: kein Ort zu abwegig, um nicht als Slam-Bühne herzuhalten. Verdammt, ich habe sogar mal vor einer Fuchshöhle in den Urner Alpen performt. Und wenn ich mich recht erinnere, hat der Fuchs verloren. Vollkommen zu Recht. Aber eben: «The points are not the point. The point is poetry.»

Es ist eine Pointe, nicht Hitler!

Dass unter «Poetry» jeder etwas anderes versteht, liegt in der Natur der Sache. Ein Slam ist primär immer noch ein offenes Veranstaltungsformat, bei dem grundsätzlich jeder und jede mittun kann. Womit dieses Format gefüttert wird, hängt von den teilnehmenden Poetinnen und Poeten ab. Dass sich die hiesige Szene in den letzten Jahren grob in Richtung Humor verschoben hat, ist nicht zu leugnen. Auch ich trage eine Schuld daran, dass Poetry Slam in der Schweiz heute als «lustig» wahrgenommen wird. Sorry. Aber ich möchte dem in der Kunst herrschenden Generalverdacht gegenüber jedwelcher Lacher Folgendes entgegenstellen: Herrje, kriegt euch mal wieder ein. Es ist eine Pointe, es ist nicht Hitler! Slam-Poeten in den USA zum Beispiel beneiden den deutschen Ansatz, unterhalten zu wollen.

Überdies: Zu argumentieren, Poetry Slam habe seine Bedeutung verspielt, nur weil ein paar der auftretenden Poeten im Dunstkreis des Kalauers oszil­lieren, ist genau so einfältig, wie wenn man sagen würde, die Erfindung des Buchdrucks sei grundsätzlich Scheisse, nur weil es auch Bücher gibt von Konsalik oder Thilo Sarrazin.

Dass sich die Slam-Szene immer wieder rechtfertigen zu müssen glaubt, hat natürlich auch seltsame Nebenwirkungen. Wenn ich beispielsweise in Interviews zum x-ten Mal beschwören muss, dass Poetry Slam zeige, dass «Literatur eben auch Spass machen kann», dass «Literatur nicht langweilig und ernsthaft sein muss», fühle ich mich recht schnell wie ein idiotischer Animationsprediger in einer dieser elend flippigen Jugendfreikirchen, wo gebetsmühlenartig immer und immer wieder wiederholt wird, was für ein cooler, fetziger, zugänglicher und easy Typ dieser Jesus doch eigentlich gewesen war.

Säkularisierte Live-Lesungen

Man darf Poetry Slam vieles vorwerfen. Man kann aber sicher sagen: Poetry Slam hat die Institution der Live-­Lesung zumindest säkularisiert. Ich wage zu behaupten, dass es noch nie ein derart breites und riesiges Angebot an Literaturveranstaltungen, Schreibworkshops an Schulen und Gedichtepublikationen gegeben hat wie heute.

Mit ein Grund, warum Slams so beliebt sind, warum viele junge Menschen in der Schweiz zu uns kommen und nicht ins Kabarett oder ins Theater, ist: Die Eintrittspreise in den klassischeren Häusern sind vielen jungen Leuten zu hoch. Wir können uns durchaus mal fragen, wie ernst wir «politisches Kabarett» eigentlich nehmen wollen, wenn dieses in der Schweiz oft darin besteht, dass hundert Zahnarztgattinnen und Lehrer 60 Franken Eintritt dafür zahlen, einem Mann mit dem Monatseinkommen eines Gymnasialrektors dabei zuzuschauen, wie er zwei Stunden lang über die Ungerechtigkeiten des ­sozialen Systems referiert. (Zum Vergleich: Der Eintritt zum neuen «Slam Basel» im Sud kostet 20 Franken.)

Wie es weitergeht mit Poetry Slam, bleibt abzuwarten. Womöglich werden sich einzelne weiter professionalisieren und ihre eigenen Formate kultivieren. Laurin Buser, der beste Slam-Poet ­­Basels, versucht sich gerade im Theater, in der Musik, in der Kleinkunst. Das ist auch gut so. Denn Slam ist auch ein Sprungbrett, eine Talentabschussrampe. Die Basis in der vitalen und bestens vernetzten Szene rückt so oder so ständig nach.

Man kann das mit einem ­etwas martialischen Bild veranschaulichen: Da draussen, in den Studen­tenstädten Europas, in den siffigen Kulturkellern, in den Käffern und an den Schreibtischen aus Buchenfurnier, da hockt eine riesige, heterogene Kleinkunst-Armee; Hunderte von jungen Bühnenpoetinnen und -poeten auf Pikettdienst, mit gepacktem Nécessaire und GA, die bereits jahrelang durch das Stahlbad der Provinzauftritte gegangen sind und nun auf grös­sere Bühnen drängen. Slam-Poeten als mobile ethnische Minderheit der Literatur.

Gabriel Vetter (29) ist amtierender Schweizer Meister im Poetry Slam und
derzeit Hausautor am Theater Basel.
Seine neue Solo-CD nimmt er im Parterre Basel auf: Mi, 26. 9., 20.30 Uhr.

 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 07.09.12

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