Die Düfte grosser Kunst

Das Museum Tinguely präsentiert mit «Belle Haleine» Kunst für die Nase. Das Resultat ist ein olfaktorisches Erlebnis der besonderen Art.

Eine Riech- und Augenweide: Ernesto Netos Duftinstallation «Mentre niente accade» im Museum Tinguely (Bild: Museum Tingiuely )

Das Museum Tinguely präsentiert mit «Belle Haleine» Kunst für die Nase. Das Resultat ist ein olfaktorisches Erlebnis der besonderen Art.

Das Werk hat etwas Gruseliges. Eine kleine Dose trägt die Aufschrift «Merda d’artista». Zum Glück hat sie der Künstler Piero Manzoni 1961 geruchsdicht verschlossen, so dass man sich die Antwort auf die Frage, ob die Dose nun tatsächlich 30 Gramm seiner Exkremente enthält oder nicht, nur denken muss.



Gruselig: Eine Büchse mit Künstlerscheisse («Merda d'artista n. 78» von Piero Manzoni

Gruselig: Eine Büchse mit Künstlerscheisse («Merda d’artista n. 78» von Piero Manzoni (Bild: Agomstino Osio / 2015, ProLitteris, Zürich)

Aber oh Graus! Eine Vitrine weiter fällt der Blick auf eine geöffnete Dose aus der Serie. 1989 enthüllte der französische Künstler Bernard Bazile in einer Aktion den Inhalt, der zuvor nur als Ahnung existiere. Über eine verschliessbare Riechröhre kann man ergründen, was sich nun wirklich in dieser Dose befindet. Ich gebe zu, ich hab mich nicht getraut, eine Nase voll zu nehmen, so dass das Geheimnis in diesem Bericht nicht gelüftet werden kann.



Noch gruseliger: Die von Bernard Bazile geöffnet Büchse mit Manzonis «Merda d'artista»

Noch gruseliger: Die von Bernard Bazile geöffnet Büchse mit Manzonis «Merda d’artista» (Bild: Mozziconacci et Sibran © Bernard Bazile / 2015, ProLitteris, Zürich)

«Der Duft der Kunst»

Der Begriff «Geheimnisse lüften» passt aber sehr gut zur aktuellen Ausstellung im Museum Tinguely «La belle Haleine – Der Duft der Kunst». «Es ist ein Ausstellungsexperiment», wie Museumsdirektor Roland Wetzel an der Medienführung sagte. Und der Auftakt einer ganzen Ausstellungsreihe, die das Haus den menschlichen Sinnen widmet, die ja nicht nur das Sehen und Hören beinhalten, mit denen man normalerweise Kunst aufnimmt.

Die Ausstellung beinhaltet einen regelrechten olfaktorischen Erlebnisparcours, ausgehend von allegorischen Darstellung von Geruchsempfindungen aus dem 16. Jahrhundert bis zur künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts, die mit Duft-Kunst experimentierte, und zur Gegenwartskunst, die das immer noch tut.

Süsse und weniger süsse Düfte

Es sind bei Weitem nicht nur gruselige Düfte oder Duftideen, die einen beim Gang durch die Ausstellung umlullen. Bereits beim Betreten den Museums wird man von angenehmen Düften empfangen, vom Geruch von Kurkuma, Ingwer und Nelken. Sie stammen von der riesigen Strumpf- oder Stoffinstallation «Mentre niente accade» des Brasilianers Ernesto Neto, die einen grossen Raum nicht nur olfaktorisch füllt.

Dieses Werk mit den aufgestellten und von einer Art Zeltdach herunterhängenden Sand- und Gewürzsäcken bietet auch für das Auge etwas. Das gilt auch für das reizende Rauchmaschinchen («Smoking Machine») des Norwegers Kristoffer Myskja, ein kleines mechanisches Bijou, das eine Zigarette nach der anderen raucht. Allerdings sei davor gewarnt, dass man sich beim Betreten des kleinen Kunstfumoirs des Gefahr des Passiv-Rauchens aussetzt.

Synthetisierten Angstschweiss

Geruchempfindungen können ganz intensiv sein. So intensiv, dass das Museum zum Teil sogar Warntafeln angebracht hat mit dem Hinweis «Strong smell! Starker Geruch!» Zum Teil bekommt man tatsächlich unheimliche Grüche vorgesetzt, etwa mit dem Werk «The FEAR of smell – the smell of FEAR» der in Berlin lebenden Norwegerin Sissel Tolaas, die neben Kunst auch Chemie studiert hat.

In einem leeren Raum wird man mit dem synthetisierten Angstschweiss von elf Männern konfrontiert, die an schweren Phobien leiden. Das Werk, das nur über die Nase aufzunehmen ist, ist ursprünglich als Auftragsarbeit für die Elite-Technologieschmiede MIT (Massachusetts Institute of Technology) entstanden. Und es ist eines, das einem selber das Fürchten lernen kann.

Geruchsideen

(Bild: Sibylle Kathriner)

Da beschreitet die junge Schweizer Künstlerin Anna-Sabina Zürrer mit ihrem Werk «Solitude» einen ganz anderen Weg. Zu sehen ist ein kleines Fläschchen mit einer gelblich-trüben Flüssigkeit, geschützt hinter Glas. Zu riechen ist nichts. Wäre aber, wenn man das Fläschchen öffnen würde, suggeriert zumindest der Saaltext.

Die Künstlerin erklärte an der Medienführung, dass sie die Gerüche sämtlicher Pflanzen im Solitude-Park beim Museum eingefangen und destilliert habe. Drei Kubikmeter Material habe sie eingesammelt, das nun als hochkonzentriertes Destillat von 27 Milliliter Flüssigkeit im Fläschchen eingeschlossen ist.

Eine schöne Geschichte. Wahrscheinlich stimmt sie sogar. Dass Zürrer nämlich Düfte einfangen und sie zu intensiv riechenden Destillaten verdichten kann, ist in der Passarelle zur Galerie nachzuprüfen. Dort kann man die verschiedenen Walddüfte versprühen, die sie für das Kunst-am-Bau-Projekt «Duftspuren» in der Kantonsschule Obwalden entwickelt hat.


«La belle Helaine – Der Duft der Kunst» im Museum Tinguely. Bis 17. Mai 2015. Am Valentinstag, 14. Februar, findet im Museum Tinguely eine Pheromonparty (mit Vorspiel) statt.

Konversation

  1. Ich zum Beispiel fange Licht in Kartoffelsäcken. Drei bis vier reichen für die Beleuchtung im Winter.

    Allerdings besorge ich mir das Licht in Weil.

    Dort ist es bedeutend günstiger, aber leuchtet genau so gut wie unseres.

    Auf künstliches Licht kann ich so verzichten.

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