Die neu aufgestellte Kaserne macht Lust auf mehr

Die Welttheater-Ära der Kaserne Basel ist eingeläutet. Am Eröffnungsabend wurde ein berührendes Bühnenmanifest gegen die schwarz-weisse Klassengesellschaft und ein feministisches Theaterkonzert aus Afrika gezeigt.

Subtil und eindringlich: «Museum of Lungs» von und mit Stacy Hardy.

Sandro Lunin, der neue Direktor der Kaserne Basel, setzt gleich zu Beginn deutliche Zeichen. Die Bühnenkunst, die er zeigen möchte, ist grenzüberschreitend und politisch. Grenzüberschreitend sowohl geografisch als auch die Sparten der darstellenden Künste betreffend. Dass dies nicht nur Lippenbekenntnisse sind, wurde bereits am ersten Tag des zehntätigen Saison-Eröffnungsmarathons deutlich.

Es begann mit «Museum of Lungs», ein berührendes und sehr persönlich geprägtes Bühnenstück von und mit Stacy Hardy. Hardy stammt aus Polokwane, Südafrika. Ihre Haut ist weiss, ihr Denken schwarz – doch dazu später mehr.

https://tageswoche.ch/form/interview/warum-schicken-sie-das-kasernen-publikum-nach-afrika-herr-lunin/

Laila Soliman, die Regisseurin des Abends, ist eine international bekannte Theaterfrau aus Kairo. Die beiden Musiker, die den Abend in eine eindrücklich-atmosphärische Soundwolke eintauchen, stammen aus Alexandria und Soweto. Bleibt schliesslich die Gliederpuppe als Alter Ego von Hardy. Sie stammt aus der Werkstatt des Baslers Marius Kob.

Das ist Welttheater, auch wenn die Geschichte, die Hardy erzählt, primär in Südafrika verortet ist. Es ist ihre eigene Geschichte. Hardy hatte Tuberkulose, eine schwere Krankheit, die über viele Jahre unentdeckt blieb. Denn Tuberkulose ist in Südafrika die Krankheit der Schwarzen, der ausgebeuteten Minenarbeiter, während Weisse davon kaum betroffen sind.

Hardy führt ihr Schicksal vor diesem Hintergrund auf höchst unaufdringliche, dafür aber umso eindriglichere Weise auf die politische Ebene. Das geht so weit, dass sie schliesslich den Verlust ihrer Krankheit bedauert, die ein Teil ihres Lebens war und sie dem auch im Post-Apartheidstaats Südafrika noch immer unterdrückten Volk näherbrachte.

Ein berührender Theaterabend, der durch die Verletzlichkeit der Darstellerin, die Subtilität des Settings und die Kraft der Aussage lange nachhallt.

Konzertant-theatrale Frauen-Power pur: «Not Another Diva …»

Ganz anders kam die zweite Produktion des Eröffnungsabends daher. «Not Another Diva …» führt zwar wiederum nach Südafrika, ist aber konzertant-theatrale Frauen-Power pur. Im Zentrum stehen drei Diven ohne Glitzer und Glamour. Mit Diva ist hier die Wirtin eines halblegalen Schnapsladens in Süfafrika gemeint – ein Ort, wo die Ehemänner ihren Lohn versaufen, der Frauen aber zugleich ein Einkommen bringt.

Zu erleben ist eine einnehmende Mischform zwischen Konzert und Theater, ein mitreissendes Tanzen, Musizieren und Singen über das Leben und die Selbstverständlichkeit der Frauen in Südafrika.

Sandro Lunin und sein Team haben mit diesem Eröffnungsabend eine Visitenkarte für ihren Begriff des Welttheaters abgegeben, das die neue Ära der Kaserne Basel prägen wird. Es ist eine Karte, die Lust auf mehr macht.

«Museum of Lungs» von Stacy Hardy und Laila Soliman: Nächste Vorstellungen am 27. und 28. September im Jungen Theater Basel.

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