Dieser «Woyzeck» ist eine umwerfende Zumutung

Ulrich Rasche lässt Büchners «Woyzeck» durch eine gigantische Schicksals-Maschine laufen. Und beschert damit dem Theater Basel einen berauschenden Spielzeitbeginn im Schauspiel.

Die Basler «Woyzeck»-Maschine reist nach Berlin. (Bild: Sandra Then)

Ulrich Rasche eilt ein Ruf voraus. Nämlich, dass er als Bühnenbildner und Regisseur die Schauspieler, die Zuschauer und nicht zuletzt auch die Werkstätten und die technischen Abteilungen am Theater an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit bringt.

Aushängeschild sind seine Bühnenbilder, gigantische Apparaturen, die den Schauspielern den festen Boden unter den Füssen wegziehen, sie ständig in Bewegung halten.

Dieses Bild von Ulrich Rasche ist bald zehn Jahre alt und das einzige, das von ihm im Umlauf ist. Aktuell fotografieren lassen wollte er sich nicht.

In Frankfurt waren es gigantische Walzen, in München monströse Laufbänder und in Basel ist es nun eine bühnenfüllende rotierende schiefe Scheibe, die sich zum Schluss fast senkrecht aufstellt. Und die auf der fest installierten Drehbühne zusätzlich um die eigene Achse gedreht wird. Seine Produktionen sind lang, laut und eine Herausforderung nicht nur für die Schauspieler, sondern auch fürs Publikum.

Ich treffe Rasche am Tag vor der Premiere im Foyer des Schauspielhauses. Gegenüber sitzt ein eher sanftmütiger und ausgesprochen freundlich und aufmerksamer Gesprächspartner.

Wenn ein Theater Ulrich Rasche engagiert, dann muss es sich auf etwas gefasst machen. Ist das ein Handicap für ein Engagement? Rasche verneint:

«Wenn ein Theater an mich herantritt, dann will es diese Herausforderungen annehmen. Man hat erkannt, was für Effekte sich mit meiner Bühnenarbeit erzielen lassen, die Theater wissen, dass sie das Geld nicht umsonst ausgeben.»

Ulrich Rasche, 1969 in Bochum geboren, ist spätestens seit seiner Inszenierung von Schillers «Räubern» in München in der vergangenen Spielzeit ein Star. In den Hitlisten der Fachzeitschriften schwangen die Inszenierung und er selber sowohl als Bühnenbildner als auch als Regisseur obenauf. Gross also waren die Erwartungen an seine erste Arbeit zum Saisonbeginn in Basel.

Ein «Woyzeck» von über drei Stunden Dauer

Diese beginnt aber zuerst einmal mit einem kleinen Schock. Dreieinviertel Stunden sind im Spielplan als Aufführungsdauer für Büchners Dramenfragment «Woyzeck» angegeben. Für einen Text, der im Manuskript nicht einmal dreissig Buchseiten füllt!

An der Premiere im Schauspielhaus wird dann schnell klar, warum dies so ist. Getragen von der stark rhythmisierten Bühnenmusik (Komposition: Monika Roscher) sprechen die Darsteller den Text wie in Zeitlupe. Aber hochkonzentriert und durch und durch einnehmend.

Die Darsteller sind Teil einer Maschinerie, die sie im langsamen Tempo antreibt: durch die Musik und die schräg gestellte rotierende Scheibe, auf der sie im Dauer-Seitwärtsschritt stets die Balance und die Stellung halten müssen.

Was hat es mit dieser Maschine auf sich?

«Der Symbolcharakter und die inszenatorischen Möglichkeiten, die mir ein solcher Automat bietet, führen über die metaphernhafte Illustration hinaus. Die Maschine ist nicht Dekoration, sondern Mittel, mit dem ich ganze Abende füllen kann.»

Aber wie passt sie zu «Woyzeck»?

«Das Rad steht hier für die kompletten Umstände, in denen wir uns befinden und in denen sich speziell Woyzeck befindet. Dadrin steckt einmal die tragische Anlage des Lebens und zweitens der spezifische Ausdruck jedes einzelnen, der etwas tut, um einen anderen unter Umständen zum Mord zu verleiten.»

Die Welt hier ist also eine schiefe Scheibe. Die Menschen darauf müssen gegen die Fliehkräfte ankämpfen, weil sie sonst über den Rand dieser begrenzten Welt ins Nichts fallen. Sie wird also gewissermassen zur Schicksalmaschine Büchners, der in seinem bekannten Fatalismusbrief an seine Braut seine erschütternde Erkenntnis niederschrieb, dass der Mensch keine Möglichkeit hat, den Verlauf der Welt oder des Lebens zu stoppen oder zu ändern.

«Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?», fragt sich Büchner in diesem Brief. Eine Antwort darauf hat er nicht. Aber er zeigt in seinem «Woyzeck» diesen Vorgang so beklemmend, wie dies kaum ein anderer Autor je getan hat. Er präsentiert das traurige Schicksal des mausarmen Soldaten Woyzeck, der von keiner Moral und keiner Tugend, sondern nur von der Natur geleitet wird. Der vom Doktor als Versuchskaninchen missbraucht, vom Tambourmajor gehörnt und verprügelt und vom Hauptmann verhöhnt und schiesslich zum Mörder an seiner Geliebten wird.

Für Ulrich Rasche hat das alles einen höchst aktuellen Bezug:

Es ist die Erkenntnis, dass in unserer Existenz und Natur etwas ist, das uns daran hindert, zu lieben und Frieden zu halten, das uns dazu bringt, gegeneinander loszugehen, Kriege zu führen. Schauen Sie, wie wir heute mit unseren Erfahrungen umgehen, die wir eigentlich gesammelt haben.

Unsterblich wurde «Woyzeck» durch Büchners Sprache, die von einer ungeheuren Wucht ist. Die auf der einen Seite schonungslos die Grenzen der menschlichen Ausdrucksfähigkeit aufzeigt, gleichzeitig eine geheimnisvoll-unheimliche Aussagekraft hat, die man oft nur zwischen den Zeilen herauslesen oder -hören kann.

Es sind Sätze mit lauter Ausrufezeichen. Und genauso werden sie auf der Bühne des Basler Schauspielhauses gesprochen, ja eigentlich überhöht. Im Rhythmus des ewigen Seitwärtsschreitens auf der rotierenden Scheibe und angetrieben vom Hämmern der hypnotisierenden Musik. Nie blicken sich die Figuren in die Augen, der Blick ist stets geradeaus, über die Köpfe der Zuschauer hinweg ins Leere gerichtet. Nur ganz wenige Male kommt es zu einer Berührung.

Wir bekommen die Figuren so serviert wie sie der Doktor seinen Studenten präsentiert: Als menschliche Hüllen, die sich nur über die Mimik und die Sprache ausdrücken.

Das mag im ersten Moment konstruiert und arg künstlich wirken. Ist es ja auch. Aber das hochkonzentrierte Zusammenspiel geht inhaltlich vollends auf und entwickelt einen Sog, der einen mitten in das Geschehen reinzieht und nicht mehr loslässt. So sehr, dass man fast schon bedauert, wenn man nach zwei Stunden in die Pause entlassen wird, die wir Zuschauer zur kurzen Erholung eigentlich gut und die Schauspieler ganz sicher brauchen können.

Ein grandios aufspielendes Ensemble

Natürlich würde der ganze Abend nicht funktionieren, wenn da nicht ein solch grandioses Ensemble auf der Bühne stehen beziehungsweise gehen würde.

Woyzeck (Nicola Mastroberardino) und hinter ihm der Hauptmann (Thiemo Strutzenberger) und der Doktor (Florian von Manteuffel).

Allen voran Nicola Mastroberardino als Woyzeck, der an der Grenze zum Wahn stets wie ein Hochdruckbehälter kurz vor dem Bersten wirkt. Und der durch die fast pausenlose Präsenz auf der rotierenden Scheibe auch eine körperliche Parforceleistung hinlegt, die einem den Atem stocken lässt.

Da ist Franziska Hackl als Woyzecks Geliebte Marie, die aus ihrer tiefen Schwermut einen Rest an Lebenslust herauskämpft. Eindrücklich auch die anderen Spieler wie Michael Wächter als arrogant-grober Tambourmajor, Florian von Manteuffel als menschenverachtender Doktor, Thiemo Strutzenberger hochmütiger Hauptmann, Max Rothbart als einfältiger Freund Andres und Barbara Horvath, Toni Jessen und Justus Pfannkuch in verschiedenen weiteren Rollen.

Ein Lob auf das Theater

Rasches «Woyzeck» ist ein Theaterereignis der aussergewöhnlichen Art. Mitreissend und überwältigend, anstrengend und packend. Es ist auch der Beweis, dass das Stadttheater fähig ist, Wahnsinnsprojekte zu stemmen, für die man nur Bewunderung übrig haben kann. «Viereinhalb Wochen Zeit hatten wir, um die Drehscheibe zu konstruieren», sagt Joachim Scholz, der Technische Direktor des Theaters.

Das für eine Drehscheibe, die einen äusseren und innneren Kreis hat, die sich gleichzeitig in unterschiedlichen Geschwindigkeiten drehen lassen. Und die sich über ein hydraulisches System fast bis zur Senkrechte kippen lässt. Hätte man sie bei einer Spezialfirma für Rummelplatz-Fahrgeschäfte in Auftrag gegeben, hätte man wohl ein Jahr Vorlaufzeit gebraucht.

Die Basler Maschine ist aber kleiner als die Konstruktion, die Rasche für seine Münchner «Räuber» entworfen hatte. Die monströsen Laufbänder verhinderten, dass die gefeierte Inszenierung am Berliner Theatertreffen gezeigt werden konnte, was Rasche bedauert:

«Ich bin überzeugt, dass wir in Berlin einen tollen Auftritt gehabt hätten. Es haben sich alle bemüht, aber es ging halt einfach nicht.»

Die Basler Konstruktion wäre nun reisefähig, wie Rasche mit einem vieldeutigen Lächeln sagt.

«Aber eigentlich ist es ja auch etwas Spezielles, dass das Theater nur vor Ort richtig funktionieren kann. Man baut sich einen Raum für diesen speziellen Ort.»

Ein grosses Glück, dass dieser spezielle Ort das Schauspielhaus in Basel ist.

Theater Basel, Schauspielhaus: «Woyzeck» von Georg Büchner

Konversation

  1. Ich bekenne: Manchmal bin ich ein kultureller Kleingeist, und dann stelle ich mir Fragen wie: Braucht die eine gute Stunde dauernde, hochkonzentrierte Sprache von Büchners Woyzeck ein dreistündiges Riesentamtam mit Musikgedröhn und Dreh- und Kippbühne? Muss die atemlose Spannung, die dieser Text schon allein beim Lesen, geschweige denn beim Vortrag durch professionelle SchauspielerInnen, auslöst, unbedingt durch Bassgedröhn und Geschrei „getoppt“ werden? Und: Ist es per se ein Qualitätszeichen, wenn eine Inszenierung die BühnentechnikerInnen und Schauspielerinnen an ihre Grenzen bringt? Fragen eines kulturellen Kleingeists – aber ist nun mal so!

    Danke Empfehlen (1 )
    1. Ich finde Sie überhaupt nicht kleingeistig. Ich finde ein Überwältigungstheater, das dem Bünzli einfährt und auf den Text nicht vertraut, kleingeistig. Ich habe eine Materialschlacht erlebt, die Büchners Text und seine Figuren platt macht.

      Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel