Ein Chor, zwei Orchester

Der Basler Bach-Chor feiert sein 100-jähriges Bestehen mit einer Uraufführung. Wer singt bei diesem anspruchsvollen Unterfangen mit? Und vor allem: Warum?

Der Basler Bach-Chor feiert sein 100-jähriges Bestehen mit einer Uraufführung. Wer singt bei diesem anspruchsvollen Unterfangen mit? Und vor allem: Warum?

Es ist Donnerstagabend. «Wir lehnen uns hinten an, öffnen uns, lösen ganz langsam, lassen los. Wir atmen aus.» Ein kollektives Schnaufen rauscht durch die Aula des Gundel­dingerschulhauses. Nein, das ist kein Geburtsvorbereitungskurs. Auch keine Yoga-Stunde. Sondern das Aufwärmtraining des Basler Bach-Chors für drei Stunden Probe. Rund siebzig Frauen und Männer, grosse, kleine, alte und auch einige junge, stehen in einem ­grossen Halbkreis um ihren Chorleiter Joachim Krause herum, der mit entspannter Stimme Anleitungen zur Gymnastik gibt. Schlenkern der Arme, Lockern der Kiefer, Dehnen der Rumpfmuskeln, behutsames Recken und Strecken, bis alles an seinem rechten Platz ist, bereit zum Schwingen.

Entspannung ist auch nötig, denn das, was jetzt kommt, ist anspruchsvolle Kost: «Viaggiatori» von Andrea Lorenzo Scartazzini. Der 40-Jährige, der seit Jahren in Basel lebt, erhielt vom Chor den Auftrag, ein Werk mit Bezug auf das 100-Jahr-Jubiläum der Formation zu komponieren.

Scartazzini ist kein Unbekannter. Seine Oper «Wut» fand 2010 in Bern Beachtung, im Oktober 2012 hebt das Theater Basel seine Oper «Der Sandmann» aus der Taufe. «Viaggiatori» ist Scartazzinis erstes Werk für grossen Chor, Orchester und Solisten – ein atonales Stück mit komplexen Rhythmen und vier klanglich sehr unterschiedlichen Sätzen. Verschieden auch die Texte: Hugo von Hofmannsthal, Adolf Wölfli, Dante Alighieri und Friedrich Hölderlin heissen die vertonten Autoren; einige beziehen sich auf das Gründungsjahr des Chores 1911, immer geht es um das Vergehen der Zeit.

Starkes Kontrastprogramm

Und die Chormitglieder? «Reisende», so viel verrät der Titel, sind die, die da singen, Reisende durch eine unbekannte musikalische Welt. Nicht immer zur puren Freude. Die Proben zu diesem Stück seien für sie «wie eine Wanderung im Nebel», sagt die Altistin Brigitte Dürrwang (64); ihre Stimmkollegin Ursula Küpfer (62) findet das permanente Zählen während des Singens irritierend und anstrengend, auch, «dass man oft explizit nicht aufeinander hören soll, sondern nur stur der eigenen Stimme folgen. Immer wieder fragt man sich: Muss das wirklich so tönen?» Dennoch sind sie diesem Halbjahresprojekt nicht fern geblieben. Weil das Singen generell erfrische, belebe, ja, befreie. Und vielleicht auch, weil im selben Konzert­programm noch Bach gesungen wird, sein «Actus tragicus», mit dem sich der Chor vor 100 Jahren erstmals der Öffentlichkeit vorstellte.

Johann Sebastian Bach steht für eine vertraute musikalische Welt. In fast jeder Stadt im deutschsprachigen Raum existiert ein Chor, der diesen Komponisten im Namen führt. «Bach ist Balsam für die Seele!», sagt eine ­Sopranistin des Basler Bach-Chors und strahlt vor Freude, als in dieser Probe Scartazzini zur Seite gelegt wird. Ein Tenor, der eigentlich auf den Zug gehen wollte – er wohnt in Luzern und pendelt wöchentlich zur Chorprobe nach Basel –, packt noch einmal seine Noten aus, um wenigstens ein paar Zeilen Bach mitsingen zu können.

Überhaupt Bach: Auch Martin Hersberger, mit seinen 34 Jahren eines der jüngsten Mitglieder, ist wegen ihm hier. Als er einen Chor suchte, in dem er mitsingen könnte – da war er 29, studierte Sonderpädagogik und arbeitete als Sekundarschullehrer – entschied der Name Bach über seine Wahl. Schon seit der Gründung des Chores steht das Werk des deutschen Barockkomponisten im Zentrum, und genau das wollte er singen: «Bachs Musik ist so rein, modern, zeitlos – sie tut einfach gut, in jeder Stimmungslage», erklärt Hersberger.

Für den Bach-Chor entschied er sich auch, weil er sich langfristig binden wollte. Was nicht dem Trend entspricht, scheuen heute doch viele 20- bis 30-Jährige das feste Vereinsleben, die Verbindlichkeit eines wöchent­lichen Probentermins. Wer Lust auf Singen hat, vereint sich meist für ein, zwei Konzerte in kleinen Projektchören, in denen selbstbestimmt Programme kreiert werden, oft experimentierfreudig und mit Einbezug von Literatur, Theater oder Tanz.

Hersberger hingegen ist schon seit fünf Jahren dem Basler Bach-Chor treu, obwohl er mittlerweile eine heilpädagogische Schule leitet, verheiratet ist und einen zehn Monate alten Sohn hat. Und obwohl nicht nur Bach, sondern genauso regelmässig Werke des 20. und 21. Jahrhunderts auf den Programmen des Chores stehen – so wie Scartazzini.

Grosse Herausforderung

Scartazzini – das ist immer wieder ein Dschungel voller ungewöhnlicher Intervalle, Rhythmen, Klang- und Stimmkombinationen. Ist das nun so richtig, fragen sich Chormitglieder. Nur der ­Dirigent weiss es und deckt unverzüglich Fehler auf: «Nicht so jammerig!», spricht er zu den Tenören, «ich sehe euch mit den Füssen den Takt klopfen» zu den Bässen, «aber ihr klopft unterschiedlich, das kann nicht stimmen.»

Es gibt in diesem schwierigen Stück aber auch «lustige Passagen, wo wir etwas durcheinanderplappern können – da sind alle wieder bei Laune», erzählt eine Altistin, und als die Probe bei dieser Stelle angekommen ist, gibt es tatsächlich grosses Gekicher. Aber man führt auch fachliche Diskussionen, etwa wenn in den Noten «flüstern» und «forte» zugleich steht. Wie singt man lautes Flüstern?

Hersberger schätzt die genaue, präzise Arbeit, die eine Uraufführung erfordert, er mag diese «riesige Herausforderung», das «chrampfe, bis es gut ist», räumt aber ein: «Natürlich gibt es in der Probenarbeit Durststrecken, wenn man alles nur einzeln hört und keinen Zusammenhang findet. Man weiss ja musikalisch gar nicht, wo man landet. Aber wenn dann das Orchester und die Gesangssolisten dazukommen und sich der Kreis schliesst – das ist bei jedem modernen Stück ein so unglaubliches Erlebnis, einfach überwältigend. Das ist die eigentliche Geburtsstunde des Stückes.» Dass sich dies auch bei Scartazzini einstellen wird, davon ist er überzeugt.

«Dieses Stück ist das Schwierigste, was wir jemals erarbeitet haben», sagt der Chorleiter Joachim Krause und ­seine Sänger wiederholen es unermüdlich und auch ein wenig stolz. Denn sie vertrauen ihrem Dirigenten wie all die Male zuvor, als sie sich durch das Dickicht der zeitgenössischen Musiksprache kämpfen mussten. Krause ist überzeugt: «Das schaffen wir.» Dass er regelmässig zeitgenössische Werke aufs Programm setzt, liegt an seiner Überzeugung: «Auch Laienchöre haben einen Kulturauftrag, Musik von heute aufzuführen.» Manche Chormitglieder murren darüber. Die meisten aber ziehen mit.

Professionelle Distanz

Es ist eine eigene Beziehung, die die Sängerinnen und Sänger des Basler Bach-Chors zu ihrem Chorleiter haben, er ist wie ein Hirte, der seine Schäfchen um sich schart, auch wie der Schäferhund, der die Abweichler zurückbellt. Zuschnappen tut er aber nie, das verbietet die professionelle Distanz. Man geht auch nicht gemeinsam etwas trinken nach der Probe. Die bevorzugten Beizen im Gundeli hätten ohnehin geschlossen, wenn die Probe ende, erklärt der Tenor Mathias Reddy (36).

So zerstreut sich die Chormenge auch diesmal in die dunkle Herbstnacht, beschwingt, befreit, ein Liedchen auf den Lippen. Demnächst vielleicht auch von Scartazzini – denn nahezu jede Musik, weiss Martin Hersberger aus eigener Erfahrung, kann sich zuweilen im Gehör festsetzen: «Von Franz Schmidts ‹Buch mit sieben Siegeln›, das wir 2007 probten, kann ich noch einiges auswendig», sagt er. Vor seinem kleinen Sohn möchte er Scartazzinis Musik allerdings doch nicht üben. Ihm spielt er lieber eine Solo-Suite von Bach vor – auf dem Cello. Dies ist sein zweites liebstes Hobby. Neben dem Singen.

Am 12. November 1911 trat der Basler Bach-Chor erstmals auf. Seither hat er sich als einer der profiliertesten Laienchöre der Nordwestschweiz etabliert. Sein hoher künstlerischer Anspruch zeigt sich auch darin, dass für das Jubiläumskonzert zwei Orchester und verschiedene Solistenensembles engagiert wurden: Die Uraufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis «Viaggiatori» begleitet die Basel Sinfonietta, Bachs «Actus tragicus» wird vom Barockorchester Capriccio unterstützt. Zwei Orchester in einem Konzert sind höchst ungewöhnlich. Dennoch ist diese Sensibilität gegenüber den verschiedenen Musiksprachen sowie der historischen Aufführungspraxis typisch für die Musikstadt Basel: Nur hier gibt es auf engem Raum so viele etablierte, spezialisierte Ensembles für Alte und Neue Musik.

Konzert: Freitag, 18. November, 20 Uhr. Münster, Basel.
www.baslerbachchor.ch

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 11/11/11

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