Ein Liebesbrief ans Labyrinth

Mit einer Lesung zeigen junge Autoren und Autorinnen im Labyrinth ihre Verbundenheit zur immer noch darbenden Buchhandlung. Daniel Kissling ist einer davon. Sein Liebesbrief an den Bücherschatz am Nadelberg.

Ein schlichtes Schild, das Wehmut weckt – und die Sehnsucht nach Büchern. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Mit einer Lesung zeigen junge Autoren und Autorinnen im Labyrinth ihre Verbundenheit zur immer noch darbenden Buchhandlung. Daniel Kissling ist einer davon. Sein Liebesbrief an den Bücherschatz am Nadelberg.

Liebes Labyrinth,

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir uns kennenlernten. Auf dem Weg zur Infoveranstaltung für Erstsemester des Deutschen Seminars entdeckte ich dich. Doch blieb es nur bei einem ersten, neugierigen Blick – ich war spät dran –, und als ich dann nach ein paar Stunden vom Apéro erheitert aus dem Engelhof-Keller stolperte, da waren deine Fenster bereits dunkel. Ein Glück wahrscheinlich, ich hätte berauscht von Bier und deiner Auswahl mein letztes Geld verhauen.

Vielleicht schon am nächsten Tag, sicher aber noch in meiner ersten Woche als frischgebackener Student der Geisteswissenschaften begann unsere Liaison. Etwas Geheimnisvolles umgab dich. Im Schaufenster standen keine Bestseller, keine Fast Food-, sondern Gourmet-Texte, mal das Interesse an einem bestimmten Thema weckend, mal kreuz und quer mit intellektuellen Reizen werbend. Und dann dein Schild, wie es unaufgeregt, ja man muss fast schreiben untertreibend über deinem Eingang hing, noch immer hängt mit deinem Namen drauf und darüber einzig der so ehrliche wie bescheidene Zusatz: Buchhandlung.

«Um ehrlich zu sein: Zu Beginn hast du mich etwas überfordert.»

So mystisch und schlicht du dich von aussen gibst, so überwältigend ist dein Inneres. Um ehrlich zu sein: Zu Beginn hast du mich etwas überfordert. Wo anfangen, wo schmökern und blättern und lesen? Doch du hast mir geholfen, hilfst allen Studierenden, die sich nicht nur in einem neuen Lebensabschnitt und vielleicht einer neuen Stadt, sondern auch durch den Wulst an Leselisten, Bibliographien und Fachliteratur kämpfen müssen (und natürlich wollen). Auf quadratischen Tischen mitten im hinteren Raum ist sie aufgetürmt, die Semesterlektüre, das papiergewordene Survival-Kit auf der (leider notwendigen) Jagd nach Kreditpunkten. 

Für eine Weile war, das gebe ich gerne zu, unsere Beziehung vor allem zweckorientiert. Das «Studienbuch Linguistik», die «Einführung in die Prädikatenlogik», den «Lexer» und die «Texte zur Theorie der Autorschaft», du hieltest sie für uns alle bereit, in zigfacher Ausgabe. Treu und verlässlich kommst du deinen Pflichten als Uni-Buchhandlung nach. Nach und nach entdeckte ich aber, dass du viel mehr zu bieten hast. Ich begann zu schmökern, begann plötzlich auch die Stapel neben jenen für meine Seminare und Vorlesungen zu mustern und die der Belletristik vorbehaltenen, vorderen Räume. Ich kaufte mir zum Beispiel den «Mann ohne Eigenschaften», auch wenn ihn nicht brauchte (und es nie über die ersten 10 Seiten hinaus geschafft habe). 

So wurdest du neben dem Roten Engel und dem Kornhaus zu einer Konstante in meinem Studentenleben, ja, es gab Semester, da verbrachte ich mehr Zeit bei dir als in so manchem Vorlesungssaal. Schnell hatte ich meine angestammte Buchhandlung in meiner Heimatstadt Olten vergessen, tauschte deine trotz Platzmangel wohl sortierten, bis zur Decke reichenden Gestelle gegen nach Farben geordneten Auslagen, deine konkurrenzlose Philosophie-Abteilung gegen Esoterik- und Selbsthilfe-Schinken.  

«Natürlich: Du kannst nicht immer bereithaben, was ich suche. Doch was wäre eine Beziehung mit steter Verfügbarkeit?»

Natürlich: Den ganzen Hegel an Lager zu haben braucht Platz. Du bist nicht die grösste Buchhandlung der Stadt und nicht immer kannst du bereithaben, was ich suche. Doch was wäre ein Leben, was wäre eine Beziehung mit steter Verfügbarkeit? Beim Warten auf ein Buch (selten dauert es bei dir länger als ein, zwei Tage) steigert sich das Verlangen danach. Ausserdem kann ich mich daran erinnern, dass – war das Verlangen nach neuem Lesestoff zu gross, um dich einfach mit leeren Händen wieder zu verlassen – ich einfach auf ein anderes auswich, nur schon der Wachspapiertüte wegen, die ich dann stolz mit mir herumtragen konnte. Und welche, zurück am Seminar, garantiert zu einem Gespräch führte – wenn vielleicht auch nicht mit der seit längerem beschauten Kommilitonin, so wenigsten mit dem Banknachbar. 

Nun muss ich aber noch gestehen: Ich habe dich in letzter Zeit vernachlässigt. Seit ich mein Studium hingeschmissen habe, nicht mehr mehrmals pro Woche in Basel bin, wurden meine Besuche seltener. Dabei hast du so viel für mich getan. Zu Heidegger hast du mich geführt und zu Husserl, zu André Gide und Arno Schmidt, zu Christian Kracht und César Aira. Du hast als eine der ersten Buchhandlungen unser Literaturmagazin Narr ins Sortiment aufgenommen und mir beigebracht, dass Gedrucktes auch mal was kosten darf (womit wir wieder bei Heidegger und Schmidt wären). 

Während ich diese liebevollen und somit schuldbewussten Worte an dich richte, fällt mir auf: Ich vermisse dich. Ich vermisse die Reclam-Wand unter dem Fenster. Ich vermisse das Kafka-Poster über der Kasse. Ich vermisse das Gefühl, deinen Mitarbeitern in literarischem Wissen unterlegen zu sein und mein andächtiges Schweigen, in das ich deswegen des Öfteren verfiel. Auch deswegen bin ich froh, zu hören, dass es dir wieder besser geht. Und bin froh, dass wir unsere Liebschaft am Freitag an der Narr-Lesung wiederbeleben können. Und werde dann wieder schmökern und eine viel zu schwere Tasche mit nach Hause schleppen, wie hoffentlich noch viele andere neben mir.  

Bis bald, du treue Seele!

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Daniel Kissling ist Herausgeber des Literaturmagazins Narr und liest am Freitag Abend an der Narr-Lesung im Labyrinth, 29. Mai 2015, 19 Uhr, Nadelberg 17. Auch dabei: Nicolas Hunkeler, Anna Ospelt, Adam Schwarz und Benjamin von Wyl.

 

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