Eine ewige Stunde und ein erfrischend groteskes Schlachtengemälde

Risikobereitschaft kann sich mehr oder weniger lohnen: Die Treibstoff-Theatertage erlebten mit zwei höchst unterschiedlichen Produktionen ihren Auftakt.

«Die grosse Schlacht» im Stadion Rankhof artet zum grotesken Gemetzel aus.

(Bild: Nelly Ridriguez)

Risikobereitschaft kann sich mehr oder weniger lohnen: Die Treibstoff-Theatertage erlebten mit zwei höchst unterschiedlichen Produktionen ihren Auftakt.

Das Publikum erschien in Scharen zum Auftakt von Treibstoff: Das ist nicht selbstverständlich bei einem Produktionsfestival für den Theaternachwuchs, bei dem man letztlich nicht weiss, was einen erwartet. Doch die Theatertage, die dieses Jahr zum siebten Mal stattfinden, haben sich einen solch guten Ruf erarbeitet, dass das Publikum bereit ist, das Risiko einzugehen. Die beiden höchst unterschiedlichen Auftaktproduktionen zeigten nun, wie sehr sich diese Risikobereitschaft lohnen kann oder eben auch nicht so sehr.

Dieses Publikum erlebte als Erstes im ausverkauften Theater Roxy, wie lange ein einstündiger Theaterabend sein kann, wenn nicht wirklich etwas geschieht auf der Bühne. Also, es geschieht schon irgendwie etwas: Man sieht fünf Menschen, die sich aus einer anfänglichen Kauerstellung lösen, langsam umhergehen, sich wieder liegend auf umgekippte Monoblockstühle setzen und am Schluss eine riesige Amphore aus Styropor zusammensetzen.

Zerdehnte Selbstreflexion



«Schichten» oder sitzend liegen im Theater Roxy

«Schichten» oder sitzend liegen im Theater Roxy (Bild: Nelly Ridriguez)

«Schichten» heisst die Produktion eines Theaterkollektivs aus ehemaligen Studierenden der angewandten Kulturwissenschaften in Hildesheim. Darin vernimmt man Aussagen wie «Nichts tun und zur Abstraktion werden wie ein Findling» oder «Teil einer neuen Erdschicht werden». Aber will man in einem zerdehnten Akt von geologischer Selbstreflexion vorgespielt oder nachgestellt bekommen, wie sich die Zusammensetzung und Struktur der Erde in Jahrmillionen verändern? Nicht wirklich.

Zum Glück dauerte es denn auch nicht so viele Jahre, bis das Publikum sich in einem geführten Spaziergang vom Roxy über den Rhein ins Fussballstadion Rankhof bewegen konnte, wo es eine gänzlich andere Theaterproduktion zu erleben gab. «Die grosse Schlacht» heisst das Projekt der von Philippe Heule zusammengestellten Truppe «helium x», das sich selber als «Kollektiv aus Querdenkenden und EigenbrötlerInnen» bezeichnet, «die anderes Theater machen möchten, als sie es im Alleingang bereits tun».

Vergnüglich-groteskes Schlachtengemälde

Vom Wunsch beschwingt eben ein «anderes Theater» zu machen, hat sich dieses vierköpfige Kollektiv, unterstützt von zwölf Statistinnen und Statisten, in ein Projekt gestürzt, das eigentlich unmöglich funktionieren kann, es aber letztlich gerade deswegen tut. Angekündigt wird «das spektakuläre Reenactment der grossen Schlacht bei St. Jakob» von 1444, eines Ereignisses, das – wie man erfährt oder bereits weiss – ein historisch irrelevantes Gemetzel war, und es entsprechend auch «unzeitgemäss» ist, dessen zu gedenken.

Zu erleben ist ein groteskes Schlachtengemälde, in dem es letztlich weniger um die Schlacht selber geht, sondern um das Scheitern derjenigen, die auf dilettantische Art versuchen, ein heroisiertes Stück Geschichte georndet und wahrheitsgetreu nachzubilden. Und das auf einem Fussballfeld, das natürlich viel zu gross ist für ein Theaterprojekt.

Chaotisches Gemetzel

Das klappt nicht beim übermotivierten Versuch, zu viert das Aufeinanderprallen der Eidgenossen und des übermächtigen Heers der französischen Söldner an der Birs mit Signalkegeln nachzustellen. Und das klappt erst recht nicht, wenn sich als Verstärkung eine Truppe von zwölf Statistinnen und Statisten hinzugesellt, und sich die minimalistische Schlacht zum chaotischen Gemetzel entwickelt – was aber dem tatsächlichen Geschehen auf dem Schlachtfeld wohl eher entspricht als die sorgsam durchchoreografierten Spektakel, die es bei ernstgemeinten Reenactments grosser Schlachten zu sehen gibt.

Zu erleben ist ein Theaterabend, der scheinbar hemmungslos an der Grenze zu Jux und Tollerei entlangschrammt. Dem ironischen Pathos werden aber die aktuellen Erkenntnisse ernsthafter Geschichtsschreibung gegenübergestellt: Die Erkenntnis nämlich, dass die Schlacht bei St. Jakob, die jahrzehntelang als heroische Rettung der Stadt Basel und als Symbol für die wehrhafte Schweiz gefeiert wurde, ein absolut sinnloses Gemetzel war, das geschichtlich nichts bewirkte.

Künstlerisch aber schon: «Die grosse Schlacht» ist vielleicht nicht unbedingt der grosse Theaterabend, der lange nachhallt. Aber es ist ein erfrischend keckes Theaterexperiment, das Vergnügen bereitet und zugleich ein erhellendes Licht darauf wirft, wie historische Schlachten heute noch zu Symbolen des patriotischen Selbstverständnisses emporstilisiert werden.


Treibstoff-Theatertage. Bis 12. September 2015 an verschiedenen Spielorten.
«Schichten» ist am 4. und 5. September (18 Uhr) nochmals im Theater Roxy zu sehen, ebenso (20.15 Uhr) «Die grosse Schlacht» im Stadion Rankhof

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