Eine herzhafte Abenteuer-Revue

Ein bisschen Zaubertheater, etwas Abenteuer-Märchen, verwebt mit schmissiger Musik von Kurt Weill und getragen von grosser Spielfreude: Regisseur Niklaus Helbling und das Basler Schauspielensemble servieren Mark Twains berühmte Geschichte von «Tom Sawyer und Huckleberry Finn» als herzhafte Abenteuer-Revue.

Ein bisschen unheimlich ist es schon auf dem Friedhof bei Nacht: Lorenz Nufer und David Berger als Huckleberry Finn und Tom Sawyer (Bild: Judith Schlosser)

Ein bisschen Zaubertheater, etwas Abenteuer-Märchen, verwebt mit schmissiger Musik von Kurt Weill und getragen von grosser Spielfreude: Regisseur Niklaus Helbling und das Basler Schauspielensemble servieren Mark Twains berühmte Geschichte von «Tom Sawyer und Huckleberry Finn» als herzhafte Abenteuer-Revue.

Und die Moral von der Geschichte? Die gibt es nicht. «Tom Sawyer und Huckleberry Finn» ist ein Abenteuer-Schelmenstück, mit der Mark Twain einst seinen Weltruhm und seinen Status als Urgestein des literarischen Naturalismus‘ der USA überhaupt begründete. Und ein Text, der auch auf der Bühne in erster Linie eine schöne und eingängige Geschichte erzählen möchte.

Es geht um die fantastischen Abenteuer des originell-sympathischen Schelms Tom Sawyer und des wilden Herumstreichers Huckleberry Finn, um die rührenden Avancen zur süssen Becky Thatcher, um die strenge Tante und Ersatzmutter Polly, den versoffenen Muff Potter den unheimlich-gefährlichen Bösewicht Indianer-Joe und all die anderen Originale des Südstaatenkaffs am Fluss mit dem wunderbaren Namen Mississippi.

Abenteuer-Geschichte

Wir erleben, wie der eigentlich gut behütete und mit allen Wassern gewaschene Waisenknabe Tom zusammen mit Huck Zeuge eines Mordes wird, wie er sich in das Mädchen Becky verliebt, mit der er sich in einer Tropfsteinhöhle verirrt, wie er nach einer anfänglichen Flucht auf eine Insel auf dem Mississippi seine Angst vor der Rache des bösen Indianer-Joes überwindet und doch noch als Zeuge im Mordfall auftritt und wie sich Huck den Versuchen, ihn zu domestizieren, letztlich entzieht.

Regisseur Niklaus Helbling hütet sich davor, der gut erzählten Abenteuergeschichte einen tieferen Sinn einzuhämmern. So erleben wir die Einwohner des Kaffs, das auf der Bühne (Alain Rappaport) mit Haus-Silhouetten stilisiert wird, die sich für die raschen Szenenwechsel auf Rädern umherfahren lassen (und sich mit einer 180-Grad-Drehung zur Friedhofszenerie wandeln), nicht als hinterwäldlerische Südstaaten-Rassisten, sondern als nette Originale – mit Ausnahme des bösen Mörders Indianer-Joe natürlich. Sie sehen aus wie Kostüm-Puppen aus einem Südstaaten-Kleinstadtmuseum (Kostüme: Kathrin Krumbein). Alles in allem ist des das Bild einer zwar ironisch betrachteten, aber letztlich doch ausgesprochen intakten Welt.

Songs von Kurt Weill

Zu erleben ist die Bühnenfassung, die der deutsche Dramaturg und Autor John von Düffel zusammengestellt hat. Von Düffel greift dabei auf eine musikalische Adaption von Kurt Weill aus den 1950er-Jahren zurück, die allerdings unvollendet blieb. Zusammen mit den eingängigen und schmissigen Songs, die von einem Musiker-Trio (Ken Mallor, Daniel Fricker und Martin Gantenbein) begleitet werden, wird aus Twains Jugendroman eine unterhaltsame Abenteuer-Revue.

Im Zentrum steht der bei seiner strengen Tante Polly im Grund gut aufgehobene Waisenknape Tom. David Berger spielt den sympathischen Schelm als eine Mischung aus Lausbub, Abenteuerer und grossem Charmeur – ein Typ zwar mit Eckchen und Käntchen, den man aber einfach gerne haben muss.  

Schnelle Rollenwechsel

Berger ist der einzige Schauspieler auf der Bühne, der seine Rolle die gesamten rund 100 Minuten hindurch behalten darf. Seine sechs Ensemblekolleginnen und -kollegen indes müssen oder dürfen einen flinken Rollenwechsel zelebrieren. Ja selbst der Herumtreiber Huckleberry Finn (Lorenz Nufer) muss ab und zu in die Rolle eines etwas einfältigen Mitschülers von Tom schlüpfen.

So schaffen es die sieben Menschen auf der Bühne, eine ganze Dorfgemeinschaft darzustellen. Die Tante (Katka Kurze) wird zum Säufer, die Geliebte (Mareike Sedl) zum Sheriff, die lustige Witwe (Vera von Gunten) zum Pfarrer, Toms einfältiger Cousin (Dirk Glodde) zum Richter oder Doktor und der unheimlich-böse Indianer-Joe (Silvester von Hösslin) zum Kumpanen. Und wenn für ein- oder zweimal doch eine Massenszene angesagt ist, dann hilft eine Videoprojektion weiter.

Erfrischende Spielfreude

Der Abend lebt in erster Linie von der erfrischenden Spielfreude, mit der das Ensemble die charmante Abenteuergeschichte mit viel Tempo auf die Bühne bringt. Und von der exakten Choreografie, mit der Regisseur Niklaus Helbling die vielen Szenenwechsel ohne Brüche und Holperer bewältigen lässt. Dabei darf ab und zu auch die Theatermaschinerie zeigen, was sie kann, etwa wenn aus der Unterbühne eine schöne Tropfsteinhöhle emporgefahren wird.

Das mit vielen Kindern und Jugendlichen durchsetzte Premierenpublikum reagierte mit grossem Jubel auf das Erlebte. Und verzieh den Darstellerinnen und Darstellern, dass bei den Gesangspartien nicht immer alle Töne ganz lupenrein getroffen wurden.


Theater Basel, Schauspielhaus: «Tom Sawyer und Huckleberry Finn» nach Mark Twain. Ab 8 Jahren. Die nächsten Vorstellungen: 30.11., 1., 7., 8., 13., 16., und 18.12. 

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