Er spielt kaum noch Schlagzeug, aber seinem Takt folgen Basler Bands

Bei seinen Bands gibt David Burger meist als Manager den Takt an. In der neuen Basler Supergroup Neo Noire sitzt er aber auch mal wieder am Schlagzeug.

David Burger pendelt derzeit zwischen Basel und Berlin.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Bei seinen Bands gibt David Burger meist als Manager den Takt an. In der neuen Basler Supergroup Neo Noire sitzt er aber auch mal wieder am Schlagzeug.

In den 90er-Jahren wurde laut gelitten. Die Gitarristen quälten den Weltschmerz aus ihren kraftvoll verzerrten Instrumenten, und die Sänger litten emotionale Slalomfahrten, welche die Drummer manisch hoch- oder niederknüppelten. Die Grunge-Heads knallten sich damit voll, bis sich Kurt Cobain selbst richtete. David Burger war damals sechs Jahre alt. 

Schwermütige Gitarren-Elegien bezeichnet der heute 28-Jährige dennoch als den «Soundtrack meiner Jugend». Als er Teenager war, nannte man den Stil Alternative Rock. Dem frönte er mit seiner alten Band Slag In Cullet. Das Trio durfte lange vom Erfolg träumen, tourte quer durch Europa und gewann 2012 den Basler Pop-Preis. Mit dem Geld konnte es wieder ins Studio. Das Album erschien aber nie, die Band brach im folgenden Sommer auseinander. «Nach sechs Jahren, in denen ich alles reingesteckt habe, war das Ende eine niederschmetternde Erfahrung.»

Gelassener Gründergeist

Trübsal blasen entspricht Burgers musikalischem Gusto, nicht aber seinem Gemüt. «Gelassenheit» bezeichnet er selbst als seine grösste Stärke. Die braucht dieser Macher auch. Schon bei Slag In Cullet kümmerte er sich um das Konzert-Booking und das Management. Unter dem Namen Reel Music rief er ein Netzwerk ins Leben: «Das war eine Do-It-Yourself-Lösung für uns und befreundete Bands.»

Als Slag In Cullet den Bettel hinwarfen, wollte er diesen Seitenzweig ausbauen. Es spielte zwar weiterhin bei seiner alten Punkband Confuzed, «aber das läuft bis heute mehr unter Bier mit Freunden.»

Statt im Studio traf man ihn vermehrt beim Studium der Rechtswissenschaften mit Fokus auf das Urheberrecht. Zusätzlich arbeitete er in der Organisation mehrerer Schweizer Open Airs und baute für einen grossen Konzert- und Event-Veranstalter die Booking-Abteilung auf.

Standbein in Berlin

Heute betreut Reel Music 16 Künstler. Die Agentur, das Team ist zu dritt, bietet Management, Promotion und Beratung. Die meisten Bands sind aus der Schweiz «aber mit internationalem Fokus.» Deshalb baut die Agentur nun ein Büro in Berlin auf. Der deutsche Markt ist nach den USA und Japan der drittgrösste weltweit. «Ich bin bald mehr in Berlin als in Basel oder Zürich. Schweizer Bands finden dort momentan viel Gehör.»

Burger spürt die Aufbruchstimmung bei den hiesigen Musizierenden und lobt den Standort Schweiz: «Wir sind hier in in einer Luxusposition. Dank Förderung und Nebenjobs können Künstler genug Geld verdienen und darum Musik ohne kommerzielle Kompromisse machen.» Ist Burger vom Talent und Engagement eines Musikers überzeugt, will er ihm mit seinem Business-Know-how den Rücken freihalten, damit er sich kreativ frei entfalten kann. «Wir formen nicht die Künstler, wir schaffen Strukturen für ihre Arbeit.» Mit dem Geschäftsprinzip hofft er auf Musik fern des heimischen Konsensgeplätschers. Schweizer Radios ist sie dann zu sperrig, um Massen zu berieseln, «doch international findet man nur mit Charakter Fans».

Mit Motivation in der Musikbranche 

In das oft gehörte No-Future-Lamento der Branche mag er nicht einstimmen: «Der Job ist anstrengend und in 20 Jahren sieht es finanziell hoffentlich anders aus als heute. Aber ich bin voll motiviert – auch weil die Leute, mit denen ich zusammentreffe, sehr positiv gestimmt sind.» Sein junges Alter ist bei den Verhandlungen mit Veranstaltern kein Problem – im Gegenteil: «Die Silberrücken sitzen heute in der Verwaltung, die Jungen sind am Drücker. Da hat es einen Generationenwechsel gegeben und ich kenne noch viele Leute aus meiner Zeit als Schlagzeuger.»

Dass Slag In Cullet damals nicht schafften, was er nun anderen Bands ermöglicht, kratzt ihn nicht mehr. «Ich freue mich riesig über den Erfolg anderer – gerade weil ich weiss, wie schwierig es als Band ist.» Vermisst er es nicht, öfter auf die Pauke zu hauen? Nein, selbst bei Bands, deren Musik er liebt, würde ihn der Platz am Schlagzeug selten reizen. «Als Drummer muss man meist songdienlich und solid spielen. Doch ein Dreiminuten-Popsong bietet schlicht keinen Platz für Experimente. Ich aber habe einen Hang zu ungeraden Rhythmen und spiele eher zu viel.» 

Kleine Supergroup

Damit ist er der perfekte Drummer für Neo Noire. Die Band ist eine kleine Supergroup gestandener Musiker, gegründet von der Gitarristen-WG mit Thomas «Bäumli» Baumgartner (The Blackberry Brandies, Undergod) und Frederyk Rotter (Zatokrev, The Leaving). Was man bis jetzt im Netz hören kann, erinnert an die 90er-Jahre – an die schwermütigen Gitarren-Lamentos von Alice in Chains oder den komplexen Bombast der Smashing Pumkins. Die langen Stücke bieten Burger Platz, sich auf seinem Instrument auszutoben.

«Der Sound ist die Schnittmenge von uns vier Musikern. Die andern mögen es auch etwas ausufernd.» Am Donnerstag, 28. April, feiert das Quartett Bühnenpremiere – anlässlich des Czar of Crickets Festivals, dem Underground-Label von Gitarrist Rotter.

Weitere Konzerte, ja, gar eine mehrwöchige Tour durch Europa, ist für Herbst geplant, wenn das Debütalbum erscheint. Neue Karrierepläne wiegelt Burger jedoch ab: «Erfolg ist hier nicht so wichtig. Unsere Ambitionen stecken in der Musik. Dort sind wir dafür umso kompromissloser.»

Die Verbundenheit zwischen Manager Burger und Label-Boss Rotter bestand schon vor der gemeinsamen Band. Burger berät Serafyn – die Netzüberflieger von Czar of Crickets. «Mit der Basler Bandszene entwickelte sich hier den letzten Jahren eine unglaubliche Vielfalt an professioneller Infrastruktur: Czar of Crickets, A Tree in A Field oder Radicalis – man kennt sich, nutzt Synergien und kooperiert statt auf Konkurrenz zu machen», sagt Burger.

Dieser Szene-Spirit macht Basel für ihn – nebst Familie, Freundin und EasyJet-Flughafen – zur perfekten Homebase. «Ausserdem hat man hier nicht permanent das Gefühl, die Welt geht unter, wenn man etwas verpasst. Die Leute gehen das Leben entspannter an – so fühlt sich selbst anstrengende Arbeit nicht zu hart an.»

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