Erik Steinbrecher, der Fährtenleger

Der Basler Künstler Erik Steinbrecher hat im Kunsthaus Baselland seine erste Ausstellung in einer Institution im Raum Basel eingerichtet. Ein vielfältiger Kosmos in reduziertem Schwarz-Weiss, der zum lustvollen Fantasieren und sinnigen Hinterfragen anregt.

«Wie schwarz kann Schwarz sein?», fragt Erik Steinbrecher. (Bild: Serge Hasenböhler)

Der Basler Künstler Erik Steinbrecher hat im Kunsthaus Baselland seine erste Ausstellung in einer Institution im Raum Basel eingerichtet. Ein vielfältiger Kosmos in reduziertem Schwarz-Weiss, der zum lustvollen Fantasieren und sinnigen Hinterfragen anregt.

Im Kunsthaus Baselland sah sich Erik Steinbrecher vor ein Problem gestellt. Der Künstler sollte die Räume im Untergeschoss bespielen. Die Räume an und für sich, das war kein Problem. «Doch in ein Haus reinkommen und erstmal in den Keller gehen – das ist eher ungewöhnlich», meint Steinbrecher. «Und genau das hat mich gereizt: mich damit auseinanderzusetzen.»

Die Situation, die er im Untergeschoss vorfand, erinnerte ihn an einen Übungsraum. Einen Proberaum einer Band beispielsweise. Von dieser Überlegung ging er aus, und nun steht da zentral eine Gitarre, die mit einem Ton angeschlagen wurde und mittels einer Rückkopplung den Ton über Stunden hinweg hält. Ein ständiges Brummen, das die Besucher begleitet. An einem Mikrofon, das dahinter steht, hängt ein Kassettenrecorder. Darin läuft ein Band in einer Endlosschlaufe. Es nimmt auf, spielt aber nie ab.

Ein TV schliesslich komplettiert die technische Szenerie. Der schwarze Bildschirm suggeriert, dass der Fernseher ausgeschaltet ist. Tatsächlich aber läuft darauf ein Video im Loop: Der Film zeige das Innenleben seines iPhones, sagt Steinbrecher. Und wo kein Licht hinfällt, kommt kein Bild raus. Ähnliches hat er bereits für eine Ausstellung in der Galerie Stampa mal erprobt: Er versenkte eine Kamera in einer Dose mit roter Farbe. Was der Film zeigte? Nichts Rotes, sondern nur Dunkelheit. Klar.

Fertig eingerichtet?

Wenn Steinbrecher beschreibt, was er hier macht, so spricht er lieber von einer Einrichtung als von einer Ausstellung. Es sei eine Art Labor, sagt er. Alles seien Versatzstücke eines einzigen Gedankens, den er auf unterschiedliche Weise untersucht. Beliebig veränderbar, beliebig erweiterbar.

Zwei Räume hat er eingerichtet. In beiden sei Abstraktion das zentrale Thema. Die zwei Dosen, die am Boden stehen? Es geht ihm um die Dunkelheit, die darin herrscht. Ein schwarzer Kissenbezug mit einem Loch wird zur Darstellung des schwarzen Lochs, das man doch eigentlich gar nicht darstellen kann. An der Wand hängt eine Schwarzlichtröhre. «Wussten Sie, dass es von schwarz eigentlich keinen Komparativ gibt?», fragt Steinbrecher. «Doch eine Schwarzlichtlampe, die ausgeschaltet bleibt – ist das nicht so etwas wie ein Komparativ?»

Er lege Fährten, sagt der Basler Künstler, der schon lange in Berlin lebt. Man muss ihm und seinem Werk auf die Spur kommen. Er lehrt uns das Umdenken. Wenn er Farbe aus einer Dose in einen Stiefel leert und der Stiefel so plötzlich kein Stiefel mehr ist, sondern ein Behälter. Steinbrecher hinterfragt scheinbar eindeutige Zuweisungen und schaltet sie bewusst aus. Die Gegenstände sollen die Chance erhalten, etwas anderes zu sein.

Im zweiten Raum treibt er dieses Spiel auf die Spitze. Diverse Gegenstände hat er hier zu einer Behausung versammelt, wie er es nennt. Einen Kühlschrank erkennen wir. Seine Türen stehen offen, er ist nutzlos. Oder dient als Schrank?

Erik Steinbrechers «Behausung» – eine komplett in Weiss gehaltene Projektionsfläche.

Erik Steinbrechers «Behausung» – eine komplett in Weiss gehaltene Projektionsfläche. (Bild: Serge Hasenböhler)

Auf dem Boden liegen aufeinander geschichtete Badezimmerteppiche. Ein Bett? Er versuche immer an etwas anzuknüpfen, das man auch zuordnen könne, sagt Steinbrecher. Daraus kreiere er dann etwas Neues. Wenn er hinterfrage, dann tue er das nicht, um Kunst zu machen: «Ich bin einfach so, wie ich bin.» Und ob man das gut finde, was er mache oder nicht, habe keinen Einfluss darauf, ob er es mache.

Im Moment richtet er, der Architektur studiert hat und lange mit Bildern gearbeitet, gerne Räume ein. Räume wie diese komplett weisse Behausung hier. «Weiss ist pure Abstraktion. Und die ideale Projektionsfläche.» Der Betrachter richtet den Raum mit ein, füllt ihn mit seinen eigenen Interpretationen. Er versucht ein Werk zu lesen.

Die kleine Figur, die an der Wand steht, zum Beispiel. Der Körper gehört einem Jungen. Er trägt ein zu langes weisses T-Shirt und zu grosse weisse Turnschuhe. Sein Gesicht wird von einer Maske verdeckt, die nichts zeigt – es ist eine umgekehrte Faschingsmaske. Wir kennen kein Wort für das, was diese Figur darstellt. Also nehmen wir das Nächstliegende: Ein Junge wirds wohl sein, aus rein sprachlicher Not heraus. Als Betrachter müsse man sich bei der Lektüre eines Werkes, bei seiner Einordnung, irgendwo einfinden, wo man sich noch wohlfühlt, sagt Steinbrecher. Das Bekannte im Unbekannten suchen. «Schlimm wird es erst, wenn man nichts findet.»

Der eigenen Fantasie sind also keine Grenzen gesetzt. Steinbrecher liefert nur die Anleitung dazu. In seiner «Einrichtung» trifft man auf Ungereimtheiten und schafft vielleicht selbst Absurditäten. So macht lesen Spass.

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Erik Steinbrecher, «HALO ERIK», Kunsthaus Baselland, 19. September bis 16. November. Vernissage Do, 18. September, 18.30 Uhr.
Gleichzeitig wird die Ausstellung «Toon Verhoef» eröffnet. Wir werden diese zu einem späteren Zeitpunkt auch noch besprechen.

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