Erin Shirreff lehrt uns Geduld und richtiges Sehen

Die Kanadierin Erin Shirreff baut aus Bildern Videos und aus Videos Skulpturen. Wie das geht? Die Kunsthalle zeigts vor, in einer berührenden Ausstellung.

Ein Foto ist ein Video ist eine Skulptur: Erin Shirreffs Installation in der Kunsthalle.

(Bild: Philipp Hänger )

Die Kanadierin Erin Shirreff baut aus Bildern Videos und aus Videos Skulpturen. Wie das geht? Die Kunsthalle zeigts vor, in einer berührenden Ausstellung.

Manchmal sind es die abgedroschensten Sätze, die den Nagel auf den Kopf treffen. Bei Erin Shirreff wird nach wenigen Momenten klar, welcher der ihre ist: «Gut Ding will Weile haben». Denn Erin Shirreffs Arbeit hat jede Menge Weile, sie ist geduldig und langsam, sie dehnt sich, lässt sich Zeit, drängt sich nicht auf – und bleibt dann für immer hängen.

Aber der Reihe nach. Ende der Neunzigerjahre sitzt die Kunst-Bachelorstudentin Erin Shirreff in einem Raum der Universität von Victoria in Kanada und langweilt sich. Vor ihr läuft dieses Werk:

«Wavelength» des kanadischen Künstlers Michael Snow ist eine Ikone des avantgardistischen Films, eine Perle amerikanischer Kunstgeschichte, ein Muss für jeden kanadischen Kunststudenten – und 45 Minuten, in denen nichts passiert. Shirreff sitzt also da und versucht, sich einen Reim auf diesen trägen Film zu machen, versucht, Geschichten darin zu entdecken, Referenzen oder Andeutungen, freut sich über jede noch so kleine Spannungsregung.

Und merkt schliesslich, dass genau darin der Reiz, ja die ganze Sinnhaftigkeit dieses Films liegt: «Plötzlich beobachtete ich mich selbst – meinen Körper, wie er durch diese Stadien von Langeweile und Neugier fluktuierte, mein Kopf, der die ganze Zeit versuchte, Narrative zu finden für all diese Bilder die ich sah. Und merkte: Genau darum gehts hier.» Sie hatte einfach am falschen Ort nach der Aktivität gesucht – was passierte, passierte in ihrem Körper, nicht im Film.

Dinge geschehen beim Innehalten

«Da merkte ich, dass die Dauer eines Werkes der Schlüssel zu seinen Mysterien sein kann. Dinge geschehen, wenn man zum Innehalten gezwungen wird. Many things can unfold when you stay put.» Sie lächelt. Rund 15 Jahre sind seither vergangen und Shirreff hat das Credo von «Wavelength» nicht vergessen. Mehr noch: sie hat es zu ihrem eigenen gemacht. 

In Shirreffs Ausstellung «Halves and Wholes» in der Kunsthalle ist dieses Erbe überall spürbar, am allermeisten in den beiden grossflächigen Projektionen im Oberlichtsaal. Sie zeigen auf den ersten Blick zwei lange (eine knapp unter einer Stunde, eine knapp darüber) Videoarbeiten auf zwei massiven Flächen, die sich diagonal gegenüberstehen. Doch der Schein trügt: Es seien keine Videos, erklärt Kuratorin Elena Filipovic, es seien Fotos. Und eigentlich seien es auch keine Fotos, sondern Skulpturen.

Ein Video = Hunderte Fotos

Man stutzt kurz, aber zehn Minuten später weiss man, was sie damit gemeint hat: Die vermeintlichen Videos sind Hunderte von Fotos (und ein paar wenige kurze Videos), die die Künstlerin während ihrer Residency in Texas gemacht hat, später zurück in ihr Atelier nach New York brachte, entwickelte und schliesslich noch einmal abfotografierte, um sie dann wieder in einen Computer zu speisen und so aneinanderzureihen, dass es heute in der Kunsthalle den Anschein macht, man würde vor einem Film stehen. Nur wenige Male verrät sich das Werk, etwa wenn man einen Blick auf die glänzende Oberfläche eines Fotos erhascht oder wenn ein paar Blätter verdächtig im Wind schaukeln.

Die Blätter gehören zum verwilderten Umfeld zweier Gebäude, von denen je eins auf einer Projektion zu sehen ist. Es sind Gebäude von Donald Judd, die der Minimalismus-Pionier in den 70er-Jahren erdachte und bauen liess. Sein Ziel war damals, ideale Räume für Kunstwerke zu schaffen, aber seine Vision hielt nicht mit der Wirklichkeit stand: Heute stehen auf dem kargen Gelände zwei halb gebaute Häuser, die nie zu Ende gebracht wurden. Wunderschöne Gebäude, halb Ruine, halb Skulptur, mit einer fast klassischen Ausstrahlung, wie Relikte einer längst vergessenen Zeit.



Jeder neue Lichteinfall ein Ereignis: Donald Judds verlassene Vision einer Schauhalle.

Jeder neue Lichteinfall ein Ereignis: Donald Judds verlassene Vision einer Schauhalle. (Bild: Philipp Hänger )

Es gehe aber nicht primär um Judd oder Minimalismus, betont Shirreff. Ihr Interesse gilt der Dauer, dem Immerwährenden, Ewigen, Gedehnten. Dem Skulpturalen. Und so sind die Videos wirklich nicht Videos per se, sondern tatsächlich grosse Skulpturen, die durch diese kurzen Momente der Störung, wenn sich die Fotos als solche offenbaren, zum Leben erweckt werden.

Damit hat es sich aber auch schon mit der Spannung und man ertappt sich selbst, wie man – wie damals die Künstlerin – anfängt, diesen Momenten umso mehr Bedeutung beizumessen. Jedes kleine Zucken wird zum monumentalen Ereignis, jedes neue Lichtverhältnis zur Offenbarung. 



DIe Gebäude sind heute sich selbst überlassen.

DIe Gebäude sind heute sich selbst überlassen. (Bild: Philipp Hänger )

Shirreffs Metier ist die Skulptur, aber sie baut sich ihre Skulpturen aus Bildern, aus Abbildungen von Abbildungen. Das reale Ding, die Judd-Häuser, sind weit weg und doch sind sie hier auf eine Weise greifbar, die der Realität sehr nahe kommt. Oder zu kommen scheint. Es macht keinen Unterschied – wir leben in einer Zeit der digitalen Bilderflut, in der Erinnerungen ohnehin immer mehr mit Bildern und nicht mit tatsächlich erlebten Situationen gemacht werden. 

In diesem Zeichen steht auch die kleine Arbeit ganz hinten in der Ausstellung: Hier befindet sich ein ratternder Videoprojektor, aus dem ein kleines Video auf die Wand gegenüber leuchtet. Zu sehen ist erst nichts, dann immer mehr:

Es handelt sich um die «Amaryllis»-Skulptur des Künstlers Tony Smith. Besser gesagt: Um eine Nachbildung der Künstlerin, ausgehend von Fotos, die sie im Internet fand. Besser gesagt: um ein Video davon. Besser gesagt: Um uns, wie wir hier stehen und versuchen, uns einen Reim zu machen. Der Schnee fällt auf die Skulptur, es ist in Wirklichkeit geschreddertes Styropor. Ist das wichtig? Keine Ahnung, ist es? Wir konzentrieren uns, wollen immer mehr erkennen. Gut Ding will Weile haben. Filipovic sagt: «Es geht nicht darum was wir sehen, sondern wie wir es sehen.» Shireff nickt. «It’s about the experience of being with them. For me that is enough.»

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«Halves and Wholes», 2. September bis 6. November 2016, Kunsthalle Basel. Vernissage: Freitag, 2. September, 19 Uhr.

Konversation

  1. Die dargebotene Kunst von Shirreff im oberen Saal der Kunsthalle Basel zeigt handwerklich gut gemachte Fotos. Mich freut dies einerseits, aber man könnte sich auch fragen: So what? Die Lichtstimmungen in Texas sind ja schön, aber kann man den diese Landschaftsmalerei noch machen heute? Reicht diese Bescheidenheit?

    Die schwarzweissen Abbilder sind ja so den 30er abgekupfert, das geschulte Augen merkt aber gleich an der Aufmachung, dass sie heutigen Datums sind. Was ist also neu daran? Oder geht es nicht um dies? Soll man sich einfach der Lichtführung und den Formen hingeben, alles kritisch denkende beiseite lassen? Sehen hat ja viel mit Denken zu tun, insofern hat die Autorin unrecht, zum Denken verleitet diese Kunst nicht.

    Die Kuratorin hat viel Behauptungswillen, sie wird ihren Willen aber auch kriegen.

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