«Fick dich, Arschgeige»: Tschechow im Theater Basel neu interpretiert

Wie viel Tschechow bleibt, wenn man keinen einzigen originalen Satz des Autors mehr zu hören bekommt? Ganz schön viel, wie Simon Stones hinreissende Inszenierung von «Drei Schwestern» zeigt.

«Berühmtes Beispiel für seine frühen Hüttenarbeiten»: Hier siecht die Intelligenzija ihrem Absturz entgegen.

(Bild: Sandra Then)

Im kleinen Schlafzimmer oben spielen Irina und Nikolai auf der Playstation, auf der Toilette nebenan grämt sich Natascha über ihr Fremdkörperdasein in dieser ein- und abgespielten Intelligenzija-Clique, im Wohnzimmer küsst die verheiratete Mascha fremd, in der Küche gehen sich das Ekel Viktor und der verschrobene Onkel Roman auf die Nerven, während Olga auf der Veranda den Grill anfeuert. Und im Zuschauerraum folgt man gefesselt dieser Gleichzeitigkeit von schicksalhaften und absolut banalen Konstellationen.
Es ist wie im richtigen Leben, wo sich in einem reichbevölkerten Ferienhaus auch immer viele Sachen gleichzeitig abspielen. Nur dass man im richtigen Leben stets nur einem Vorkommnis (oder vielleicht auch mal zwei Begebenheiten) aufs Mal folgen kann. Bei Tschechow ist das anders. Hier gibt es keine Fokussierung auf einen Handlungsschwerpunkt, sondern ein dichtes Geflecht von Kleindramen, die sich stetig überlappen.

Regisseur Simone Stone treibt dies auf die Spitze, indem er in seiner Inszenierung beziehungsweise Neudichtung von «Drei Schwestern» wie in einem Film neben der ruhelosen fiktiven Kamerafahrt durch das mehrstöckige, transparente Haus (Bühne: Lizzie Clachan) immer auch den Blick auf die stets belebte Totale offenlässt.

Tschechow als Soap Opera

Hier so etwas wie eine stringente Handlung nachzuerzählen, geht nicht. Bei Tschechow nicht und bei Stones Bearbeitung schon gar nicht. Im Grunde genommen ist es das Panoptikum einer Clique eigentlich gebildeter und nicht schlecht situierter Menschen, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen, oder wenn sie es doch einmal ein bisschen wissen, nicht die Power aufbringen, es durchzustehen.

Stone präsentiert uns Tschechows «Drei Schwestern» als Soap Opera in drei Folgen, die dem auf drei Akte zusammengeschmolzenen Drama entsprechen. Da wo sich bei Tschechow die kleinen nicht so kleinen Katastrophen im subtilen Zwischenräumen abspielen, richtet der Regisseur den Scheinwerfer gnadenlos auf die Figuren, die in ihrem realitätsverweigernden Sarkasmus ihrem seelischen Untergang entgegentrudeln.

David Bowie ist tot, Donald Drumpf gewählt

Von Tschechows Sprache ist nicht mehr viel – oder eigentlich gar nichts mehr übriggeblieben. Stone hat das Stück neu geschrieben. Die Figuren reden vom Ficken, Vögeln und Wichsen, von David Bowie und Fidel Castro, die tot sind, und von Donald Drumpf, der zum Entsetzen aller gewählt wurde. Man bekommt Sachen zu hören, die relativ abstossend sind, und erlebt Szenerien, die in ihrer emotionalen Direktheit berühren und aufrütteln.

Nichts mehr von der berühmten Chiffre «Nach Moskau, nach Moskau!», kein Samowar wird aufgefahren. Man geht mal nach Berlin, um irgendwie bei der Flüchtlingshilfe mitzumischen, und trinkt Quöllfrisch-Bier aus Dosen. Das alles ist nicht Tschechow und ist es am Schluss doch ganz evident.

Mit einem grossen Unterschied: Wo der russische Arzt und Autor die seelischen Abgründe hinter einer subtil gewobenen Oberfläche durchschimmern lässt, lässt sie Stone im grellen Scheinwerferlicht und der mit Mikroports verstärkten Worthülsen durchblitzen. Und man staunt: Dieser Stone-Text ist am Schluss Tschechow pur: lakonisch und ergreifend, absurd-komisch und sentimental-berührend.

Grandiose Schwestern …

Stones bewundernswert präzise choreografierte Inszenierung entwickelt einen Sog, der einen vom ersten Moment an packt und den gut zweieinhalb Stunden dauernden Abend nicht mehr loslässt. Es ist ein bisschen wie beim Eintauchen in eine spannende TV-Serie auf Netflix oder so.



Die drei Schwestern: Irina (Liliane Amuat), Mascha (Franziska Hackl) und Olga (Barbara Horvath).
Die drei Schwestern: Irina (Liliane Amuat), Mascha (Franziska Hackl) und Olga (Barbara Horvath). (Bild: Sandra Then)

Das funktioniert natürlich nur, wenn Schauspielerinnen und Schauspieler zur Verfügung stehen, die mit Herz und Seele zur Sache gehen. Und die sind da. Allen voran die drei Schwestern Olga, Mascha und Irina. Barbara Horvath, Franziska Hackl und Liliane Amuat geben ein überwältigendes Bild dieser drei starken Frauenfiguren ab, die letztlich gerade daran zerbrechen, weil sie so stark sind.

Olga, die älteste der drei, will, dass alles so bleibt, wie es früher war, als ihr autokratischer Vater noch lebte, bis auch sie zur Erkenntnis gelangt, dass früher alles Scheisse war. Mascha stürzt sich als verheiratete Frau in eine Beziehung mit einem verheirateten Mann, was eh nicht gut gehen kann. Und die Jüngste, Irina, treibt ihren Geliebten, den sie nicht lieben kann, in den Selbstmord.

… und faszinierend elende Entourage

Rund um diese drei Hauptfiguren rum tummelt sich die ewig gleiche Clique, die alle in ihrem Schicksalskorsett gefangen bleiben: der drogen- und spielsüchtige Loser Andrej (Nicola Mastroberardino), der gute Kumpel und verstossene Liebhaber Nikolai (Max Rothbart), der «scheissempathische» gehörnte Ehemann Theodor (Michael Wächter), der ekelhafte Zyniker Viktor (Simon Zagermann), der rückfällige Alkoholiker Roman (Roland Koch), der schwule Spassvogel Herbert Florian von Manteuffel.

Sie alle sind und bleiben in ihren Rollenmustern gefangen, im Karussell der Nichtigkeiten, auf dem sie vergegenwärtigen müssen, dass es sie immer weiter in den Abgrund zieht.

Dazu gesellen sich mit Natascha und Alexander zwei Aussenseiter: Alexander (Elias Eilinghoff), der charakterschwache Nachbar wird Geliebter von Mascha, lässt sie aber fallen, als es darum geht, Nägel mit Köpfen zu machen. Und Natascha (Cathrin Störmer), die auffallend vulgäre Schwägerin der drei Schwestern, rächt sich für ihre Abschottung, indem sie wie ein Racheengel alle aus dem geliebt-gehassten Haus vertreibt.

Ein Glücksfall

Sie alle tragen dazu bei, dass «Drei Schwestern» von Simon Stone nach Tschechow zum «glückvollen» Erlebnis wird, wie sich Theaterdirektor Andreas Beck im Jahresbericht in seinem Rückblick auf die erste Spielzeit ausdrückt. Das Premierenpublikum bedankte sich für dieses «glückvolle» Erlebnis mit einem frenetischen Applaus.

Und konnte sich glücklich schätzen, diesen aussergewöhnlichen Abend miterlebt zu haben. So wie sich all diejenigen freuen können, die sich bereits vor der Premiere ihre Eintrittskarten gesichert haben. Und das sind, wenn man einen Blick in die Saalpläne auf der Vorverkaufsseite wirft, bereits viele. Wer sich also noch einen Platz sichern möchte, sollte sich beeilen.
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«Drei Schwestern» von Simon Stone nach Tschechow. Theater Basel, Schauspielhaus. Die nächsten Vorstellungen: 14., 15., 20., 23. und 27. Dezember sowie im Januar

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