Finde den Herkules-Penis: Cy Twombly für alle

Das Museum für Gegenwartskunst zeigt in einer aktuellen Ausstellung Werke des Amerikaners Cy Twombly. Cy who? Der Saaltext wird Ihnen nicht weiterhelfen. Eine Entschärfung.

Viel weiss, weniger bunt: Die Auswahl von Twombly-Bildern im Museum für Gegenwartskunst.

(Bild: Julian Salinas)

Das Museum für Gegenwartskunst zeigt Bilder des Amerikaners Cy Twombly. Cy who? Der Saaltext wird Ihnen nicht weiterhelfen. Aber wir vielleicht. Eine Ausstellungsbesprechung der etwas anderen Art.

Cy Twombly will nicht darüber reden. Jetzt sowieso nicht – er ist seit vier Jahren tot – aber auch nicht, als ihn die Amerikanische Vogue 1994 in seiner Sommervilla in Gaeta besucht, um sich ein Bild zu machen von diesem «grossen Aussenseiter zeitgenössischer Kunst». Twombly ist guter Dinge, macht Witze, erzählt von seiner Faszination für klassische Mythologie und Antiquitäten. Nur über eines redet er nicht, zum Bedauern der Journalistin, die ihn immer wieder darauf ansprechen will: Über seine Kunst. 

«I swear if I had to do this over again, I would just do the paintings and never show them. And then after I’m dead, they could talk about them all they want. I’m just not interested in myself that way. (…) Why should I have to talk about the paintings. I do them, isn’t that enough?»

Wenn er nochmal von vorne anfangen könnte, so der aufgebrachte Künstler, würde er seine Malerei unter Verschluss halten. Und dann könnten sich alle darüber den Mund fuselig reden, sobald er gestorben sei. «Ich hasse das hier. Wieso muss ich über meine Malerei reden? Ich mache sie, ist das nicht genug?»

Wieso der Herkules-Penis? Sag ich nicht.

Ist es nicht. Denn Cy Twombly macht heimtückische Kunst. Erst lockt sie den Zuschauer an sich heran: Schau diese schönen wilden Striche, diese geheimnisvollen Kritzeleien, diese Grosszügigkeit! Und sobald sie ihn für sich begeistert hat, lässt sie ihn fallen: Wieso hier ein kleiner Penis gezeichnet ist, unter dem «Herkules» steht? Sag ich nicht. Wieso diese schönen Zeichnungen mit weisser Farbe übermalt wurden, so dass man sie nur noch ganz knapp erkennt? Kannst du dir selber überlegen. Wieso dieses Bild «Untitled» heisst? Ha, eben. 

Und weil die Kunst und der Künstler nicht reden wollen, oder nicht mehr können, tut es die Szene und redet sich, wie von Twombly gewünscht, den Mund fuselig. Denn je weniger man bekanntlich weiss, desto mehr kann man fabulieren. Eine Erklärungslust, der Artikel, Kritiken und Saaltexte entspringen, die für den Kunst-Normalverbraucher nicht immer ganz einfach nachzuvollziehen sind. Das ist auch bei der neuen Twombly-Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst so. Also machen wir für einmal eine etwas andere Kunstbesprechung: Einmal Saaltext, einmal Erklärung.

1. Untitled, 1954 (New York)




Saaltext sagt: Die schwarztonige, deckende Ölfarbe ist als dunkler Grund eingesetzt, in den die weisstonigen Pinselspuren hineingearbeitet sind und stellenweise in Grautöne übergehen. Diese Interaktion der Farbmaterie bleibt nicht auf der Fläche des Gemäldes stehen, sondern erzeugt einen subtilen Tiefeneffekt: Was scheinbar auf die Oberfläche des Bildes aufgetragen ist, sinkt in die dunkle Tiefe des Grundes ein. Zusammen mit den sehr sparsam aufgetragenen Spuren gelber und roter Farbe, die an gezielt gesetzte Glanzlichter erinnern, zeigt diese Tiefenwirkung Ähnlichkeit mit den Hell-Dunkel-Effekten und Körpermodellierungen der barocken Ölmalerei.

Saaltext meint: Cy Twombly verwirrt auch uns. Wir sehen abstrakte Malerei – keine Figuren, die uns Anhaltspunkte geben könnten, keine Abbildungen, kein Titel. Andererseits kommt uns das Bild seltsam vertraut vor. Es erinnert an erste Malversuche, an nachlässig geputzte Wandtafeln nach dem Mathe-Unterricht und an diesen Raum im Rijksmuseum, wo die ganzen Rembrandts hängen: Düster und feierlich, die Figuren wie Lichtgestalten aus den dunklen Schatten tretend. Als würde Twombly unsere Erinnerungen auf diesem kleinen Stück Leinwand verdichten. Wir verstehen wenig und empfinden mehr als wir in Worte fassen können – und müssen uns deshalb mit einer detaillierten Beschreibung des Farbauftrags zufriedengeben.

2. Arcadia, 1958 (Roma)




Saaltext sagt: Das Wechselspiel von Zeichnung und Schrift erzeugt eine Unbestimmtheit, die sich für das Medium der Malerei als äusserst fruchtbar erweist. Prozesse des Sehens und des Lesens durchdringen sich spannungsvoll, beginnen miteinander zu interagieren. Die Malerei wird nicht in den Bereich der Sprache und Semiotik überführt, sondern das Register malerischer Möglichkeiten wird bereichert, womit sich ihr neue Möglichkeiten eröffnen. 

Saaltext meint: Wir verpassen hier etwas. Was eigentlich nicht sein sollte, denn das Bild spricht unsere Sprache: Zahlen, Buchstaben, sogar einzelne Wörter. Leider können wir Twomblys Sauklaue kaum entziffern. Und auch sonst macht es uns die Sache schwer: Was verbirgt sich unter der hellbeigen Farbschicht? Wieso hat er das so schlampig übermalt? Was sollen all die Zeichen? Sehe ich da ein Herz? Ah, ja, ein Herz. Hä, aber wieso ein Herz? Wem das zu weit geht, der erfreut sich an der logischen Intransparenz, ganz im Sinne des Titels: Arcadia – seit jeher Analogie für einen Ort glückseligen Lebens jenseits gesellschaftlicher Zwänge.

3. Untitled, 1961 (Roma)




Saaltext sagt: Es wäre verfehlt, die sinnliche Intensität dieses Bildes auf eine ursprüngliche und quasi präkulturelle Gebärde der Malerhand zu reduzieren, denn einmal mehr öffnen die figurativen, symbolischen und schriftlichen Elemente das Bild und bringen es in Verbindung mit einer kulturellen Ordnung jenseits des spontanen Malakts. So findet die exzessive Farbigkeit und Gestik eine Resonanz in den zahlreichen Herzen, in denen die ungezähmte Leiblichkeit auf symbolische Weise gebändigt und dargestellt wird.

Saaltext meint: Schaut euch diese geballte Ladung Sexiness an! (Wer findet den Herkules-Penis?)

4. Nini’s Painting, 1971 (Roma)





Saaltext sagt: Die dynamisch gezogenen Linien und die All-over-Technik, mit der das gesamte Bildfeld gleichmässig und flächendeckend bearbeitet ist, erinnern an die Drip-Paintings von Jackson Pollock. Die Dynamik von «Nini’s Painting» zeugt dabei weniger von einer kraftvollen Geste als vielmehr von einer leichten und zarten Linienführung, die dem Bild eine harmonische Rhythmik verleiht. So wirkt die eigentümliche Verdichtung von geschichteten Linien und Farbe keineswegs beengend, sondern im Gegenteil offen und leicht.

Saaltext meint: Dieses Bild ist vereinnahmend, aber nicht auf die in-your-face Art und Weise wie es Pollock-Bilder sind, sondern ganz weich, wie eine Umarmung. Um es mit den Worten Adam Greens zu sagen: Es ist ein Tor zu einer anderen Dimension, vielleicht ist es ein Luftbild, vielleicht ein Humangenomprojekt. Vielleicht starren wir einfach ins unterste Ende unserer Erde, die tiefste Schicht des untersten Dings überhaupt. Auf den Boden der tiefsten Grube der Welt. 

5. Untitled, 1985 (Gaeta)




 
Saaltext sagt: Das sichtbar aufgetragene und dabei nicht vollständig deckende Weiss verbindet die unterschiedlichen Teile zu einem ästhetischen Zusammenhang, indem es deren materielle Heterogenität der Oberfläche schafft; andererseits wird durch den sichtbaren Farbauftrag und die farbfreien Leerstellen die Farbe als Verbindung der Teile selbst akzentuiert.

Saaltext meint: Hier herrscht dichtes dickes Weiss. Jede Anstrengung ist zwecklos, wir dringen nicht zum Ding durch. Es ist das, was uns an Twombly so fasziniert: Was immer es ist, wir kommen nie ganz dahinter. Er liefert Ahnungen, Ansätze, Gedanken, aber der Kern bleibt uns stets verschlossen. Da hilft auch eine hübsche Oberflächenbeschreibung nicht darüber hinweg. Auch nach seinem Tod ist Meister Twombly konsequent geblieben: Er redet nicht. Wir lieben ihn dafür. 

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«Cy Twombly – Malerei und Skulptur», Museum für Gegenwartskunst, Basel. 12.9. bis 13.3.2016. Vernissage 11.9., 18.30 Uhr.

 

Konversation

  1. Danke! Wie wohltuend, diese Übersetzungen der Saaltexte. Obwohl – wirklich notwendig finde ich die Verwortung von Malerei oder Plastik trotzdem nicht.
    Ein Künstler, der eine Bildsprache wählt hat jedes Recht dazu, nichts zu seinen Werken zu sagen. Und es wäre eine grosse Leistung von uns Betrachtern, zu versuchen, ebenfalls darauf zu verzichten. Dann würden wir vielleicht irgendwann lernen, dass Erkennen nicht zwangsläufig eine intelektuell-sprachliche Verarbeitung bedeutet.
    Aber das fällt schwer. Und die Übersetzungen sind zumindest floskellos ehrlich.

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    1. Liebe @Esther, Sie haben Recht: Ein Künstler muss nicht über seine Bilder reden – das genau macht solche Kunst ja auch aus. Aber so lange wir nicht viel Anderes als Sprache fürs gemeinsame Verdauen von Kunst kennen, muss die Verarbeitung wohl oder übel über Worte geschehen. Oder Bilder – mir persönlich kommt bei Twombly immer das hier in den Sinn: https://www.youtube.com/watch?v=Vy7yuj-UrNI.

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    2. Liebe Naomi Gregoris, danke für den Link! Ja, die Assoziation kann ich nachvollziehen. Und solche Vogelschwärme sind einfach unbeschreiblich.
      Wegen gemeinsamem Verdauen von Kunst: Für mich ist das Bedürfnis über ein Werk zu reden natürlich verständlich und auch in Ordnung. Ich finde einfach, man sollte sich dabei immer bewusst sein, dass man nur seine eigenen Geschichten dazu erzählt und niemals wirklich das erfassen wird, was der Künstler tatsächlich gedacht, gefühlt und gewollt hat, als er das Werk schuf. Wir reden also immer über uns und das schöne daran ist, dass wir ganz frei dabei werden, sobald wir uns dessen bewusst werden. Dann können wir nämlich die intellektuelle Pose fallen lassen und uns tatsächlich inspirieren lassen – und uns darüber auch gerne verbal mit anderen austauschen.

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