Frederyk Rotter kann über Metal-Klischees nur den Kopf schütteln

Als Labelchef wurde Frederyk Rotter soeben mit dem Business Support des RFV ausgezeichnet. Und mit seiner Band Zatokrev ist er im Rennen für den Basler Pop-Preis. Eine Begegnung mit einem harten Rocker, der bereit ist, für seine Kunst zu leiden.

Frederyk Rotter, Sänger der Metal-Band Zatokrev, nominiert für den Basler Popreis.

(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)

Als Labelchef wurde Frederyk Rotter soeben mit dem Business Support des RFV ausgezeichnet. Und mit seiner Band Zatokrev ist er im Rennen für den Basler Pop-Preis. Eine Begegnung mit einem harten Rocker, der bereit ist, für seine Kunst zu leiden.

Frederyk Rotter hat schon gewonnen. Und dabei ist seine Doom-Metal-Core-Combo Zatokrev nur einer von fünf Acts, die für den Basler Pop-Preis 2015 nominiert sind, und wer den erhält, kommt erst am 11. November aus. Bereits eingeheimst hat er aber den Business Support des RFV, und zwar als Betreiber des Labels Czar of Crickets.

Mit seinem Label mischt er indirekt auch beim Pop-Preis mit. Für den sind nämlich auch Serafyn vorgeschlagen, die ihre Musik auf seinem Label veröffentlichen (ein Bandporträt gibts hier). Einen Rollenkonflikt zwischen seinen Funktionen als Labelchef und Bandleader entsteht deshalb nicht: «Meine Stimme habe ich Serafyn gegeben. Die sind mehr Familie und sicher keine Konkurrenz.» Tatsächlich spielt Bassist Lucas Löw in beiden Bands, und mit Serafyn-Sängerin und Cellistin Alexandra Werner pflegte er eine Beziehung, die über die Label-Bande hinaus ging.

Die Bandshirts sind halt gratis

Über die Nomination seiner eigenen Truppe staunt Rotter ein bisschen: «Wir sind definitiv keine komfortable Band. Umso geiler finde ich die Nomination, steht sie doch für die Offenheit des Rockfördervereins Basel.» Offenheit zählt auch zu Rotters Tugenden, Szene-Dünkel sind ihm ein Gräuel. «Wenn es gute Leute sind, fühle ich mich auch unter Punks und Hipstern daheim. Mit Zatokrev spielen wir einfach oft an solchen Szene-Festivals, weil wir dort musikalisch am ehesten Anklang finden.» Aber die Kleider- oder sonstige Konventionen sind ihm fremd. «Ich trage nur so viele schwarze Bandshirts, weil ich die auf Tour oft gratis erhalte.»

Das Eigenwillige findet sich auch im Songwriting. Die offenen Songstrukturen der schweren Elegien erinnern weniger an Metal denn an die Freiheit des Jazz. «Wir wissen schon, welcher Schrei der Refrain ist», lacht Rotter, «und der Jazzgeist kommt wohl von Drummer Frédéric Hug. Der ist ein grosser Jazzliebhaber und definitiv kein Metaldrummer. Ich weiss nicht mal, ob er ein Doppelpedal für die Basstrommel hat – nur dass er groovt!»

Rotter weiss auch nicht, woher sein Hang zur Schwere kommt – bloss, dass es nicht anders geht. «Ich habe versucht, muntere Songs zu schreiben. Doch schaffte ich nicht mal ein fröhliches Geburtstagslied für meinen Göttibuben.»

Vielleicht liegt es am Aufwachsen im abgelegenen Baselbieter Wittinsburg. «Ich fühlte mich dort immer als Aussenseiter. Damals spürte ich in mir ein Loch, das gefüllt werden musste. Heute hab ich die Aussenseiter-Rolle zu meiner Stärke gemacht.»

Erst versuchte es Rotter mit Kampfsport, den er zehn Jahre intensiv betrieb. «Zu guter Musik kam ich spät. Erst mit 16 Jahren entdeckte ich die Smashing Pumpkins und drehte das Volumen jeweils auf Anschlag in der Hoffnung, sie werde dadurch Teil von mir.» Als das nicht funktionierte, lieh er sich die akustische Gitarre eines Freundes und versuchte sich daran. Mit 18 Jahren nahm er dann Unterricht und übte wie ein Besessener täglich an die acht Stunden. «Wie davor im Sport gab es für mich nur noch ein Ding, und darin wollte ich der Beste sein.»

Als die Gründungsformation von Zatokrev auseinanderfiel, ging Rotter erst einmal als Songwriter mit akustischer Gitarre auf Europa-Tour.

Nach nur zwei Jahren spielte er sein Bühnen-Debüt bei den Rhythm Woods, einer Band gestandener Musiker, bei der er den Gitarren-Crack Martin Buess ersetzte. Nach weiteren Wanderjahren in anderen Formationen fand er dann seine eigene musikalische Sprache und gründete Zatokrev. «Bis aufs Blut» bedeutet der Bandname aus dem Tschechischen übersetzt. Und Leiden bis zum Letzten oder etwas weniger dramatisch formuliert: Alles für die Musik geben, ist Rotters Motto geblieben.

Der härteste Schlag war sicher, als die Gründungsformation nach acht Jahren auseinanderfiel. «Als einziger Zatokrev stellte sich mir schon die Frage, eine neue Band zu gründen. Doch dann fängst du wieder bei Null an. Dabei hatten wir doch etwas aufgebaut. Bands aus Skandinavien, die wir nicht mal kannten, bezogen sich auf uns.» Rotter nahm eine Auszeit und tourte als Fredy Rotten mit Auto und akustischer Gitarre solo durch Europa. «Ich habe all meinen Kontakten gesagt: Ich lasse alles hinter mir, bucht mich!»

Die Szenesolidarität spielte. Obwohl Rotter in seiner Songwriter-Rolle, barfuss und mit Fistelstimme viele Metalheads verstörte, spielte er während eineinhalb Jahren weit über 200 Konzerte quer durch Europa. «Es gab Abende, die schenkten richtig ein. Aber irgendwann war ich es satt, jede Hundsverlochete zu spielen, bei der zehn Zuschauer einen Euro in den Hut werfen, und einer vielleicht noch eine CD kauft.»

Rotter kehrte zurück nach Basel, intensivierte seine Suche nach neuen Mitmusikern und kümmerte sich vermehrt um sein Label, das er 2006 mit den Einnahmen von Zatokrevs zweitem Album gegründet hatte. «Die Idee dahinter war, andere Bands zu veröffentlichen. Der erste Schweizer Release war allerdings Zatokrev, damit nicht andere Musiker mein Lehrgeld in der Branche zahlen müssen.» Aktuell umfasst das Repertoire über 20 Acts. Nebst vielen Basler Bands, darunter Kultgrössen wie GurD oder eben die Newcomer Serafyn, finden sich auch Schweizer Bands wie Unhold, mit denen Zatokrev Anfang Dezember auf Schweiz-Tournee gehen sowie einige internationale Bands.

«Das anfängliche Labelkonzept musste ich über den Haufen werfen, da das Startgeld bald verpufft war.» Heute bietet er mit dem Label Dienstleistungen gegen eine fixes Entgelt. «Um von den Einnahmen leben zu können, bräuchte ich 30 Serafyns.» Die Nebenjobs, unter anderem als Tourfahrer oder Plattenverkäufer hat er dennoch aufgeben können. «70 Prozent lebe ich vom Label, 30 Prozent von meiner Musik. Aber auch addiert, ist das zu 100 Prozent unter aller Sau!»

Da kommt der Business Support des RFV gerade recht, ist dieser Preis doch mit 12’000 Franken dotiert. «Klar kann ich das Geld gut brauchen», sagt Rotter: «Ich freue mich aber besonders über die Anerkennung, die mir die Jury mit ihrem Entscheid für zehn Jahre harte Arbeit zeigt.»

«Auf der letzten England-Tour hatten wir erstmals bei jedem Gig Essen, Trinken, Gage und sogar ein Hotelbett – das ist schon ein Genuss.»

Seine eigene Band hat wieder eine feste Formation gefunden und veröffentlichte diesen Frühling das neue Album «Silk Spiders Underwater…» beim renommierten internationalen Indielabel Candlelight Records, wo auch die Black-Metal-Legenden Emperor oder die Psychedelic-Stoner Orange Goblin zu Hause sind.

Die vergleichsweise grosse Plattenfirma bietet gegenüber Rotters eigener Bude einige Vorteile, dennoch bleibt vieles am Bandleader hängen: «Die meiste Arbeit liegt weiterhin bei mir. Aber das Label-Logo öffnet neue Türen. Auf der letzten England-Tour hatten wir erstmals bei jedem Gig Essen, Trinken, Gage und sogar ein Hotelbett – das ist schon ein Genuss.»

Doch auch wenn Rotter nun bei einem Genre-Label ist, gegen Szene-Klischees sträubt er sich weiterhin: «Von mir gibt es sicher keine grimmigen Bandfotos im Birkenwald.» Dafür trifft man Rotter in der Natur neuerdings joggend an. «Ich habe wieder mit Sport angefangen. Aber heute ist es mir egal, wenn jemand schneller oder besser ist. Es tut mir einfach gut, auch für die Musik.» Selbst dort nimmt er es nun gelassener: «Üben muss ich nicht mehr. Heute spiele ich dauernd mit Bands.»

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