Freud und Leid mit den Buchpreisen

Der Buchmarkt wird zu einem wesentlichen Teil durch Auszeichnungen bestimmt. Warum sind in der Literaturszene die Preise so wichtig? Und wie gut tut das der Literatur? Ein Stimmenfang auf der Frankfurter Buchmesse.

Die Medien stürzen sich auf Jo Lendle, nachdem bekannt wurde, dass der Nobelpreisträger Patrick Modiano heisst. Die Übersetzungen seiner Bücher erscheinen im Hanser Verlag, den Lendle leitet. (Bild: Valentin Kimstedt)

Der Buchmarkt wird zu einem wesentlichen Teil durch Auszeichnungen bestimmt. Warum sind in der Literaturszene die Preise so wichtig? Und wie gut tut das der Literatur? Ein Stimmenfang auf der Frankfurter Buchmesse.

Der Buchpreisreigen ist in vollem Gange, Hintergrund ist die Frankfurter Buchmesse. Der prestigeträchtigste im deutschen Sprachraum, der Deutsche Buchpreis, wurde Anfang der Woche an Lutz Seiler vergeben. Für den Literaturnobelpreis hat sich in den vergangenen Jahren eingespielt, dass der Träger am Messedonnerstag um Schlag 13 Uhr verkündet wird. Während die Entscheidung von der Schwedischen Akademie in Stockholm gefällt wird, findet das wahre Gewusel in Frankfurt statt, an der grössten Buchmesse der Welt: Es geht darum, um 13 Uhr an dem Messestand zu stehen, wo der Korken knallt.

Die Spekulationen waren wie immer heiss gelaufen, wer ihn dieses Jahr bekommen würde, vor allem gestützt auf die Zahlen von Wettbüros. Dabei gehört es zum Literaturnobelpreis fast dazu, dass ihn doch jemand ganz anderes bekommt.

Die gesellschaftspolitische Absicht hinter dem Nobelpreis

In Frankfurt tummeln sich die meisten am Stand vom Dumont Verlag, in dem die deutschen Übersetzungen von Haruki Murakami erscheinen. Bei Hanser in Stellung zu gehen, darauf kommt fast niemand. Patrick who? Den Franzosen Modiano hat kaum jemand auf dem Schirm. Als sich die Nachricht rumspricht, hat der Verleger Jo Lendle am Hanser-Stand eine Mikrofontraube im Gesicht. «Schon im Vorfeld T-Shirts von einem Autor drucken, den wir besonders gut finden, ist nicht unsere Art», sagt er, «und ich selber bin überrascht.»

Der Nobelpreis ist glamourös. Er ist abgesehen von den Oscars vielleicht der meistbeachtete Kunstpreis überhaupt. Für Lothar Müller, Literaturredaktor bei der «Süddeutschen Zeitung», hat die Bedeutung des Preises einen klaren Grund: «Er wird von Mitgliedern der Schwedischen Akademie verliehen und nicht von einer jährlich neu einberufenen Kritikerrunde. Ich glaube, dass jeder Vergabe eine jahrelange Recherche zugrundeliegt.» Durch diesen Aspekt unterscheidet sich der Preis grundlegend von den anderen renommierten Preisen. «Die Akademie hat es geschafft, mit ihrer jeweiligen Entscheidung und in ihrem jeweiligen Horizont Weltliteratur zu definieren.»

Die Literatur ist die einzige Kunstgattung, für die es einen Nobelpreis gibt. Warum ist das so? Eine Antwort darauf hat Ijoma Mangold, Literaturchef der «Zeit»: «Als der Literaturnobelpreis im bürgerlichen Zeitalter ins Leben gerufen und 1901 zum ersten Mal vergeben wurde, war Literatur die Leitgattung. In ihr sollte sich der Geist der Epoche massgeblich auf den Punkt bringen lassen. Herr Nobel hatte eine gesellschaftspolitische Absicht.»

Der Literaturmarkt funktioniert anders als der Kunstmarkt

Ihre historische Bedeutung macht die Literatur zur Kandidatin für den wichtigen Preis. Umgekehrt hat Mangold eine Vermutung, warum die (zahllosen) Preise für den Literaturbetrieb so wichtig sind: «Die Literatur ist unter den Künsten am wenigsten über den Markt kapitalisiert.» Die Preisgelder bis zur Summe von über einer Million Franken, mit der der Nobelpreis dotiert ist, schafften ein Gegengewicht zu den Verhältnissen im Kunstmarkt, wo die für wichtig befundenen Werke von selber im Preis steigen. «In der Kunst gibt es eine komplette ökonomische Hierarchie der Werke. In der Literatur ist hingegen klar, dass es einen riesigen Graben gibt zwischen Autoren mit grosser Auflage und solchen mit Anwaltschaft auf Unsterblichkeit.»

Der Buchpreis also als finanzielles Gegenstück zur autonomen Entwicklung des Marktes. Wichtiger noch dürfte bei renommierten Preisen die Aufmerksamkeit oder sogar der Ruhm sein, den ein Preis mit sich bringt. Auch hier legen die Auszeichnungen, die diese Woche im Fokus stehen, ein Gegengewicht zum Markt. Mit Modiano als Nobelpreisträger hatte niemand gerechnet. Und die Buchhändler hatten es mit Lutz Seilers erstem Roman «Kruso» alles andere als leicht, bevor ihm die Auszeichnung zuerkannt wurde.

Warum, das lässt sich erahnen, wenn Seiler sein Buch selbst portraitiert:

Als der Deutsche Buchpreis erstmals 2005 vom Börsenverein des deutschen Buchhandels für den besten Roman verliehen wurde, haben viele Stimmen befürchtet, er würde es den marktgängigen Romanen noch leichter machen und umgekehrt solchen noch schwerer, die ohnehin kein grosses Publikum finden. Die Sorge hat sich nicht bestätigt.

Literatur-Literatur

«Man muss, um für den Deutschen Buch- oder den Literaturnobelpreis in Frage zu kommen, einem gewissen Milieu angehören», sagt Lothar Müller. «Man muss, auch wenn es Ausnahmen gibt, Literatur-Literatur machen.»

Der Begriff wurde ursprünglich erfunden, um einen bestimmten Teil der Buchwelt zu diskreditieren: Eine Literatur, die in Literaturhäusern gelesen wird, die in gewisser Weise mit sich selbst beschäftigt und einer breiten Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Nun wird das Wort auch von den Verfechtern einer solchen Unterscheidung aufgenommen, auch im Gespräch mit Ijoma Mangold fällt es. Lothar Müller unterstreicht, wie günstig die Kritiker das abschätzig gemeinte Wort gewählt haben: Die Doppelung des Wortes impliziere, dass es sich um eine Literatur handle, die sich selbst reflektiert – eine Literatur (unter anderem) über Literatur.

«Gemeint ist eine Literatur, die nicht immer nur Auskunft gibt über Weltgegenden und kulturhistorische Sachverhalte», sagt Müller weiter, «sondern auch über die Sprache. Und über die Möglichkeiten, in der Sprache etwas über die Menschen herauszufinden.»

Es wurde erwartet, dass sich der Nobelpreisträger mit Weltkrisen befasst.

Über den Nobelpreisträger Patrick Modiano, ganz klar ein Literatur-Literat, ein Erkunder durch Sprache, waren am Donnerstag in Frankfurt viele enttäuscht. Denn es hat sich die Erwartung breitgemacht, dass der Träger des wichtigsten Literaturpreises einer sein müsse, der sich mit Weltkrisen befasst. Dessen Literatur zu den aktuellen Konflikten ein Gegengewicht setzt, zum Dialog beiträgt, oder gar Lösungen anbietet. Der als Favorit gehandelte Kenianer Ngũgĩ wa Thiong’o wäre vielen lieber gewesen.

Einmal mehr hat sich die Vergabe des Nobelpreises als unvorhersehbar erwiesen. Weder war auf zu erwartende Weise das Geschlecht ausschlaggebend, noch die Herkunft, noch die unmittelbare politische Relevanz. Auch kein Autor, der bereits ein Star ist wie Murakami, wurde gewählt.

Und die Schweiz?

Von den Quotenfallen, in die der Nobelpreis tappen könnte, sind auch die Eidgenössischen Literaturpreise bedroht. Sie werden jährlich an fünf bis sieben Autoren aktueller Werke verliehen (dazu kommen der Grand Prix für Persönlichkeiten, «die sich auf einzigartige Weise für die Schweizer Literatur einsetzen», sowie die Spezialpreise für Übersetzung und Vermittlung. Siehe die Website des Bundesamtes für Kultur). «Bei den eidgenössischen Literaturpreisen ist es wie bei einer Bundesratswahl: Es geht um Konkordanz», sagt der Literaturwissenschaftler Thomas Strässle. «Die Probleme dieses Preises hängen mit der Vielsprachigkeit der Schweiz zusammen.»

Strässle lehrt an der Universität Zürich, ist Juror beim Max-Frisch-Preis und war es bis zum letzten Jahr beim Schweizer Buchpreis, der vom Verein LiteraturBasel und vom Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband (SBVV) ausgerichtet wird (nicht zu verwechseln mit den Eidgenössischen Literaturpreisen).

Auch für ihn sind Preise ein gutes Instrument im Literaturbusiness («wobei Business bereits ein verräterisches Wort ist»), um die Aufmerksamkeit komplementär zur Dynamik des Marktes zu lenken. «In früheren Jahren wurde der Jury des Schweizer Buchpreises unterstellt, sie wolle Zeichen setzen, indem sie beispielsweise nur junge Autoren nominierte. Doch unserer Meinung nach waren es einfach die besten Bücher.»

Die Konformität der Entscheidungen

Natürlich gibt es auch Kritik an den Preisen, und Ijoma Mangold spricht den gleichen Punkt an, wie Thomas Strässle. Strässle sagt: «Es gibt seltsame Mechanismen bei der Vergabe von Preisen. Jemand, der schon einen hat, hat gute Chancen, einen nächsten zu kriegen.»

Und Mangold: «Sibylle Lewitscharoff, die ich sehr schätze, lacht inzwischen schon selber, dass es kaum einen Preis gibt, der an ihr vorbeigegangen ist.» Es gibt eine verbreitete Mutlosigkeit, einen Hang zur Konformität: Wenn die Anderen so entschieden haben, dann machen wir mit derselben Entscheidung nichts falsch.

Weniger Ärger lösen indessen Fehlentscheidungen aus. Und das ist ein bedeutendes Wort, nachdem um die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises und ihre allfälligen Mängel ein beispielloser Wirbel gemacht wurde. «Fehlentscheidungen sind gar kein Problem», sagt Mangold. «Sie sind im Leben insgesamt nie ein Problem, glaube ich. Auch die Fehlentscheidung ist ein Entscheidung, und die Gesellschaft lebt von Entscheidungen, von denen aus man weitersehen kann.»

Auch wenn manche wettern

Obwohl es manchmal anders scheinen will, etwa wenn der Autor Peter Wawerzinek über den Literaturbetrieb wettert, stehen die Buchpreise bei der Kritik in gutem Ruf. Zudem sind sie so zahlreich ( wie man einer Auflistung bei Wikipedia entnehmen kann), dass sie einen wichtigen Teil der Förderung darstellen. Im deutschsprachigen Raum gibt es etwa 1000 Preise, die zum Teil auch Schweizer Autoren zugänglich sind. «Ich setze jeden Tag eine Preismeldung in die Zeitung», sagt Lothar Müller. «Jeder Preis ist ein Festtag für den jeweiligen Autor. Zugleich gibt es soviele, dass es Alltag ist.»

Wen die zentrale Rolle, die Preise neben der Dynamik des Marktes spielen, irritiert: Neu ist es im weitesten Sinne nicht. Vermutlich wären uns Tragödien wie «Antigone» von Sophokles nicht überliefert, hätte er damit im Jahr 442 vor Christus nicht den Dichterwettbewerb in Athen gewonnen.

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