Geschlossene Ehe

Im Film «Hope Springs» muss ein Paar Jahrzehnte nach der Eheschliessung lernen, sich zu öffnen.

Die Liebe besteht aus lauter Anfängen, wie Kay (Meryl Streep) erkennt. (Bild: zVg)

Im Film «Hope Springs» muss ein Paar Jahrzehnte nach der Eheschliessung lernen, sich zu öffnen.

Es heisst Eheschliessung und nicht Eheöffnung. Es kann vorkommen, dass eine Ehe nach 31 Jahren noch geschlossen ist. Ehe der Ehemann oder die Ehefrau verstirbt, kann eine Ehe also schon tot sein.

Bei Kay und Arnold ist das so. Abends schläft Arnold vor dem Fernseher ein, während Kay die Fernbedienung zurücklegt und in ihrem Schlafzimmer Schlaf sucht. Sex findet sie dort schon lange nicht mehr. Der Gang zum Eheberater könnte helfen. Er könnte aber auch der finale Todesstoss für die Ehe sein.

31 Jahre nachdem sie getraut wurden, traut Kay (Meryl Streep) sich: Sie haut die Frühstückseier in die Pfanne, legt daneben die Speckscheibe und sagt es: «Ich habe für uns eine Beratungswoche gebucht.» Ihr Gatte Arnold (Tommy Lee Jones) liest wie immer die Morgenzeitung und fragt bloss: «Was kostet das?» – «Ich habe es von meinem Ersparten bezahlt», sagt sie.

«Hope Springs» ist kein Film über hippe Singles, die öfter mal was Neues mit ’nem Neuen anfangen, sondern über eine Ehefrau, die mal was Neues mit ihrem Alten anfangen will. Nichts Spektakuläres. Sie will einfach ihren ehemaligen Arnold zurück. Also zwingt sie ihn, freiwillig mitzukommen. Zu so einem Ehewiederanbahnungs-Institut. Es soll ein Neuanfang sein.

Spätestens jetzt ist «Hope Springs» nicht nur ein Film für Paare in toten Gewässern. Es geschieht zwar wenig Überraschendes – wer in abgestandenem Wassern rührt, stösst auf Abgestandenes. Was aber die beiden Schauspieler einander abfordern, ist ein Hochgenuss der Kunst, aus einem banalen Drehbuch ein Schauspielerfest zu machen: Was sie sich zu sagen haben, wird – so voraussagbar es auch bleibt – zu einer brillanten Studie. Wie die beiden auf dem Sofa hin- und herrutschen, wie sie ihre Hausaufgaben lösen, wie sie versuchen, sich bei der Kuschelübung ihre Hand gegenseitig um den Körper zu legen, belegt vergnüglich die Vermutung: Die Liebe besteht aus lauter Anfängen. Und wer je geglaubt hat, er habe die Anfänge hinter sich, sieht sich getäuscht. Plötzlich ist «Hope Springs» auch ein Film für uns Anfängerinnen. Und, da jedem Anfang ein Zauber innewohnt, nicht nur dem ersten, kann man ruhig auch mal mit dem Tausendsten beginnen – und wieder damit anfangen, sich in seine Frau/seinen Mann zu verlieben – und mit diesem Menschen ins Kino zu gehen.

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Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 07.09.12

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