Hellwach und wie auf Sand im Wasserfilter

In den Gewölbekellern des «Filter4» auf dem Bruderholz schaffen die drei Künstler Jan Hostettler, Sebastian Mundwiler und Andreas Schneider mit einer einfachen Idee und einer ausgefeilten, präzisen Umsetzung ein faszinierendes Raumerlebnis.

Im ehemaligen Wasserfilter knirscht nicht nur der Sand unter den Füssen. (Bild: Künstlergruppe)

In den Gewölbekellern des «Filter4» auf dem Bruderholz schaffen die drei Künstler Jan Hostettler, Sebastian Mundwiler und Andreas Schneider mit einer einfachen Idee und einer ausgefeilten, präzisen Umsetzung ein faszinierendes Raumerlebnis.

So leer hat man die beiden Räume der ehemaligen Wasserfilteranlage anlässlich einer Ausstellung noch nicht gesehen. Zentral platziert steht in beiden ein Karton-Modell im Massstab 1:18 des jeweiligen anderen Raumes. Die starken Leuchten, welche diese Objekte von oben anstrahlen, scheinen zunächst die einzigen Lichtquellen zu sein.

Von diesen angezogen, stellt sich in der Betrachtung ein Zoomen auf die präzisen Modelle ein. Lässt man den Blick wieder schweifen und stapft weiter durch den Sand, so entfalten sich nach und nach an verschiedenen Wandpartien architektonische Verunklärungen, die von insgesamt 14 Projektoren auf die Wände des Nicht-White-Cubes geworfen werden. Hier erscheinen Bilder, welche den bestehenden Innenraum gleichsam reproduzieren, vertauschen, verkleinern sowie erweitern.

Verwirrende Babuschka

Woher stammen diese Aufnahmen? Vorgängig in den Gewölbemodellen gefilmt und abgespeichert, werden sie nun ausserhalb von diesen im Inneren der realen Architektur reproduziert. Innen, Aussen und wieder Innen treten so in ein visuelles und körperliches Wahrnehmungsspiel. Fragen nach der Verortung des Bildes, des Raumes, des Betrachters tauchen auf, und je länger man schaut und sich bewegt, desto komplexer und verwirrender wird dieses Erleben von Verflechtungen und Aus- und Einstülpungen.

Als wäre dies noch nicht genug, filmt in jedem Modellinnern eine kleine Kamera und sendet als Live-Übertragungen nach aussen ins Innere. So kann es denn vorkommen, dass plötzlich ein neugieriges Kindergesicht im hintersten Winkel der Gewölbe auf der Wand erscheint. Aha, da guckt also gerade ein kleines Mädchen in das Modell hinein und bewundert wohl den feinen Sand, der im Innern unerreichbar bleibt.

In Worte gefasst, mag das alles ziemlich abstrakt erscheinen. Lässt man sich jedoch auf das Erkunden dieser vielschichtigen und gleichzeitig einfachen Installation ein, so bleibt man lange hellwach drin. Ein körperliches, sinnliches und intellektuelles Erlebnis wird einem hier geboten. Dass hier vorgeführt wird, dass erst in der Betrachtung ein Werk, eine Installation, eine ganze Ausstellung geschaffen wird, ist ganz beiläufig eine der vielen Qualitäten dieser Filter-Installation.

Drei-Einigkeit auf hohem Niveau

Nicht zu unterschätzen ist, dass drei Künstler aus unterschiedlichen Bereichen und Spezialgebieten ein Werk präsentieren. Andreas Schneider (1969), der in Basel mit Skulpturen und Installationen auf sich aufmerksam gemacht hat, Sebastian Mundwiler (1978), der Video- und Technikspezialist des Trios und Jan Hofstettler (1988), der zeichnend und malend Bilder schafft. Zu dritt haben sie in einer monatelangen intensiven Kooperation mit ihrer Arbeit die schwierigen Filterräume in den Griff bekommen und ermöglichen ihnen gleichzeitig ein aufregendes Eigenleben.

Als Abbildung für die Einladungskarte zur Ausstellung wählten die Künstler das Frührenaissance-Gemälde «Der Hl. Hieronymus im Gehäus», um 1456, von Antonello da Messina. Da sitzt er, der heilige Gelehrte, in seinem Studierzimmer, das als Holzgehäuse in eine kirchenartige Steinarchitektur eingelassen ist. In diesem Bild zeigt Antonello sein Können mittels zentralperspektivischer Darstellung und dem Spiel von Licht und Schatten

Der etwas sperrige Ausstellungstitel «Vom Aufwachen mit der bestehenden Ordnung» referiert auf ein Hörspiel aus den 1950er Jahren von Günter Eich, das mit dem bekannten Aufruf schliesst «Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl, im Getriebe der Welt». Unbequem und alle Sinne ansprechend ist diese Installation allerdings. Es knirscht, nicht nur der Sand unter unsern Füssen ‑ es knirscht in den Gehirnwindungen.

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«Vom Aufwachen mit der bestehenden Ordnung»
Eine Installation von Jan Hostettler, Sebastian Mundwiler und Andreas Schneider.

Sa. 16. Aug. bis Sa. 27. Sept. 2014

Begleitprogramm mit Workshops für Kinder und Werkgesprächen.

 

Konversation

  1. Danke, Françoise Theis, Sie haben die, wirklich beeindruckende, Ausstellung im Filter4 in adäquate Worte gefasst – kein einfaches Unterfangen.

    Der Begriff „Ausstellung“ ist eigentlich falsch: „Raumerfahrung“ oder „Raumirritierung“ wären besser.
    Fernab vieler moderner in-your-face Installationen: Sinnlich, subtil und gleichzeitig gewaltig, sakral.

    Ein Muss – nicht nur für Kunstbegeisterte.

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