«Heros»: Ein Niemand rechnet ab

Im neuen Theater am Bahnhof wird die Uhr 34 Jahre zurück gedreht. Das Produktionsteam Buseke-Lüdi versucht die Innenwelt des Attentäters zu durchleuchten, der 1980 den Mord an John Lennon beging.

Euer Merkwürden: Michael Buseke als John Lennons Mörder, der in seiner Tat nach Identität sucht.

Im neuen Theater am Bahnhof wird die Uhr 34 Jahre zurück gedreht. Das Produktionsteam Buseke-Lüdi versucht die Innenwelt des Attentäters zu durchleuchten, der 1980 den Mord an John Lennon beging. Doch die Tat lässt sich nur vergegenwärtigen, nicht verstehen.

Es ist als sässe man zu Hause im eigenen Wohnzimmer bei herunter gelassenen Jalousien. Der Raum ist klein, der Boden aus Teppich und die Nähe zum Geschehen lässt die Zuschauer zu Klaustrophobikern werden. Es ist der achte Dezember 1980 in New York. Aus der Dunkelheit dringt eine beissende Stimme, die entschieden ein Attentat prophezeit: Die Ermordung des John Lennon.

Die Scheinwerfer gehen an und in die Mitte des Raumes hat sich die verkörperte Psychose geschlichen, in der einen Hand ein Strandstuhl, in der anderen eine rote Reisetasche. Auch wenn der Schauspieler Michael Buseke die Zerissenheit nicht in ganzer Tragweite spürbar machen kann: Es ist der Beginn einer Reise durch den Kopf eines baldigen Killers, der sich vom Mord an seinem ehemaligen Idol eine unauslöschliche, weitreichende Identität verspricht. Denn das einzige, was dieser bis anhin zu sein glaubt: Niemand. So auch sein Name. Das Ziel von Niemand ist es seine Bedeutungslosigkeit zu vernichten, fortan als «Jemand» durch die Welt zu gehen – und das um jeden Preis.

Die Welt ist schuld

Ohne Skrupel schildert er in purer Unerbittlichkeit sein Vorhaben bis ins Detail. Er steigert sich in Hass und badet in seiner selbsternannten Genialität. Getrieben vom Geltungswahn sucht er Instanzen ausserhalb seiner Selbst, denen er die Schuld an seinem eigenen Nichts-Sein und Nichts-Können zuschieben kann. Ob Gott, John Lennon oder am Ende auch das Publikum, das nichts weiter ist als ein Bestandteil einer «kranken Welt». Eine Welt, in der der Durchschnittliche nicht zählt. Eine Welt, in der er keinen Platz findet.

Das destruktive Schwadronieren wird an manchen Stellen durchbrochen von einer hoffnungsvollen Stimme. Ein melancholischer, voll Sehnsucht geladener Gesang tut sich auf, gefolgt von einer Sängerin (Drilona Musa), die kurzweilig apathisch durch den Raum irrt. Der Kontrast wuchtet in seiner akustischen Schönheit. Doch es kann kein Zufall sein, dass sich Sängerin und Schauspieler nie tangieren. 

Weil dem Niemand noch nicht alle Sinne für die Aussenwelt entschwunden sind, lässt er sich von seiner Ratio zurück in die Realität schleudern. Er begibt sich auf die Zuschauerränge und beginnt ungeniert, mit den Benachbarten zu reden, sie anzufassen, ihnen eindringlich Fragen zu stellen. Im Versuch eine Beziehung aufzubauen, wird die Kluft immer grösser und bleibt am Ende unüberbrückbar. Auf das Angebot einer Konversation seitens des Niemands schafft es das reaktionsträge Publikum nur mit Schweigen, verlegenem Lachen oder unbeholfenen Halbsätzen zu antworten. Er deutet dies als soziales Unvermögen seiner Umgebung und taumelt schweigend wieder in die einsame Mitte des Raumes. Man selbst wird als «Hobbypsychologe» diffamiert und ist auf ein Mal Initiator für einen Mord, den der Niemand nun gar nicht mehr vollführen will, sich aber von seinen Mitmenschen dazu gedrängt sieht.

Am Ende doch kein Jemand

Dann ist das Attentat vollbracht. Doch der Niemand liegt sich windend am Boden – immer noch als Niemand. Keine Spur von einem Jemand, den zu werden er sich erhofft hatte.

Bei ihrer nahezu minimalistischen Inszenierung setzt die junge Regisseurin Dominique Lüdi auf Körpersprache und Interaktion mit dem Zuschauerraum. Gerade weil Letzteres nur schwer gelingt, bleibt der Niemand in seiner prädisponierten Blase zurück. Man kann zusehen, wie sich in ihm der sukzessive Verlust jeglicher Menschlichkeit vollzieht. Der Blick in die gestörte Psyche des Mörders namens Niemand liefert allerdings keinerlei Aufschluss. Die Motive erscheinen auch nach über drei Jahrzehnten noch unzureichend, ohne jede Tiefe. Das Schauspiel fungiert als reine Rückblende zum Zweck der Verarbeitung. Im Krankhaften ankert die Besessenheit nach Anerkennung, deren Dimension für Normalmenschliche unverständlich bleibt. Alles was bleibt ist die immerwährende Sinnlosigkeit einer solchen Tat, bei welcher der weltberühmte Mitgründer der Beatles im Jahr 1980 sein Leben lassen musste.

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Weitere Vorstellung: 13. und 14 Juni, 20 Uhr, Neues Theater am Bahnhof, Stollenrain 17, Arlesheim.

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