«Ich bastle mir noch immer meinen Traum»

Pink Pedrazzi hat mit 58 Jahren sein erstes Album unter eigenem Namen veröffentlicht. Ein Spätzünder? Vielleicht. Aber auch ein Marathonmusiker, der seit Jahrzehnten seinen Traum lebt. Nun taufte der Sänger und Songwriter «A Calico Collection» in der Basler Kuppel.

Umringt von starkbesaiteten Freunden: Pink Pedrazzi. (Bild: Karin Portmann)

Pink Pedrazzi hat mit 58 Jahren sein erstes Album unter eigenem Namen veröffentlicht. Ein Spätzünder? Vielleicht. Aber auch ein Marathonmusiker, der seit Jahrzehnten seinen Traum lebt.

Es hat ein wenig gedauert, bis dieser Mann sein erstes Soloalbum veröffentlichte: 35 Jahre, um genau zu sein. So lange schon ist Pink Pedrazzi als Rockmusiker unterwegs, an den Saiten, an den Songs, am Gesang und unterm Hut. Der Basler brach sein Jazzschul-Studium ab, nachdem ihn der New Wave elektrisiert hatte, wurde bei den für Schweizer Verhältnisse legendär gewordenen Wondergirls von Dominique Alioth Rhythmusgitarrist. Er erlebte deren Aufstieg, zuerst von innen, dann – unfreiwillig – von aussen. 1981 ersetzte ihn Alioth durch einen Keyboarder. Rausgeschmissen. Eine schmerzhafte Erfahrung, die Pedrazzi schwören liess, dass ihm das niemals mehr widerfahren solle. Also nahm er die Zügel fortan meist selber in die Hand, gründete seine eigenen Formationen.

Tatsächlich wurde der Sänger und Songwriter Pink Pedrazzi, den man vor 58 Jahren auf den Namen Peter getauft hatte, zur treibenden Kraft zahlreicher Bands, die sich in und um Basel einen Namen gemacht hatten: The Zodiacs, Twang Gang oder die Voyageurs, um nur einige zu nennen, die der musikalisch Reisende mitgeprägt hat. Am längsten währte The Moondog Show mit Pascal Biedermann. Ihre vier Alben und ihre Tourneen trugen dazu bei, Songwriter Pedrazzi von Moderatoren und Journalisten immer wieder als «ewiger Geheimtipp» bezeichnet wurde. Ein Claim, auf den er gerne verzichten würde (so wie sich Wondertoys’ Dominique Alioth einst zur Aussage hinreissen liess, dass er all die positiven Kritiken lieber mal für einen veritablen Hit eintauschen würde).

Frust, Freude und Wille

Aus der schattigen Nische der Geheimtipps ist Pink Pedrazzi mittlerweile herausgetreten. Er, der so viele Bands kommen und gehen sah, der im Unterschied zu vielen Freunden die Gitarre nie an den Nagel hängte, auch nicht, als in den 80er-Jahren die zwei Kinder zur Welt und damit neue Verantwortungen auf ihn zukamen, er schaltete plötzlich einen Gang höher. Und das in einem Alter, man darf das ruhig sagen, wo sich andere wieder auf die Modelleisenbahn konzentrieren.

Aus der schattigen Nische der Geheimtipps ist Pink Pedrazzi mittlerweile herausgetreten.

«Musikmachen ist eine Willensentscheidung», sagt Pedrazzi, der die typisch schweizerische Reaktion auf die Bezeichnung Musiker längst leid geworden ist: «Musiker? Interessant! Und was arbeitest Du?» «Ich kann es nicht mehr hören», sagt er, und man kann ihn verstehen. «Get Out Of That Hole» singt er denn auch im Opener auf seinem neuen Album. Tatsächlich zog er sich aus dem Schattendasein raus.

2008/09 verortet er den Wendepunkt. Die beiden Kinder waren erwachsen geworden (Susan, die Tochter, kennt man unterdessen auch in der Szene, als Schlagzeugerin bei Mother Razorblade), die Verpflichtungen weniger. Da ergab sich die Möglichkeit, beim Song Circus des Singer-Songwriters Coal mitzutun. Zuvor hatte er – einmal mehr – grossen Frust wegstecken müssen. Die vierte und letzte CD der Moondog Show ging nach der Veröffentlichung «unter wie ein Stein», Versprechungen eines Bookers erwiesen sich als warme Luft.

Fluch und Segen

Da stand er nun also, wieder am Anfang, an der Seite von jüngeren Schweizer Stimmen wie Heidi Happy oder Chris Wicky (Favez). Sang in Clubs wie dem Zürcher Moods – und hörte nach jedem Auftritt: «Sag, wo kommst Du denn her? Wo hast Du Dich all die Jahre über versteckt?» Komplimente, die ihm neue Hoffnung gaben.

Aufwind verliehen ihm auch die Kontakte zu den jungen Stars der Schweizer Singer-Songwriterszene. Das ermutigte ihn schliesslich dazu, alles in die eigene Hand zu nehmen und im Herbst 2013, erstmals nach 35 Jahren, ein Album unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen.

Damit ging er den gleichen Weg wie zuvor schon Roli Frei, der ebenfalls nicht aufhören will, nicht aufhören kann, weil nicht nur der Fluch sondern auch der Segen in der Musik liegt. Und der ebenfalls im stolzen Alter entschied, noch einmal alles auf die Karte Musik zu setzen.

«Ich entschied für mich, dass 30 Konzerte im Jahr einfach nicht genug seien, dass ich die Kadenz erhöhen musste», sagt Pedrazzi. Hatte er sich jahrelang mit Brotjobs auf Speditionen, im Schallplattenhandel oder als Taxifahrer durchs Leben geschlagen, warf er noch einmal alles in eine Waagschale, behielt die Kontrolle über alle Prozesse bei der Plattenproduktion und der Konzert. Und siehe da: Der Aufwand zahlte sich aus. Kaum war «A Calico Collection» erschienen, wurde er für den Basler Poppreis nominiert, stand auf der Bühne umringt von Musikern, die noch nicht geboren waren, als er mit den Zodiacs im Atlantis vor ausverkauften Rängen spielten.

Er hatte sich jahrelang mit Brotjobs auf Speditionen, im Schallplattenhandel oder als Taxifahrer durchs Leben geschlagen.

«Ich war in vielem ein Spätzünder», sagt Pink Pedrazzi lächelnd. Und ergänzt, auf diese bewundernswerte Willenskraft angesprochen: «Ich bastle mir noch immer meinen Traum. Vielleicht habe ich ihn ein bisschen zurechtgestutzt, die Bühnen sind kleiner, das Publikum überschaubarer als in den Wunschvorstellungen meiner Jugendjahre», bekennt er freimütig. Glücklich aber ist er, das wiegt stärker als existenzielle Sorgen, materielle Wünsche.

Die Liebe und das Leben

Dabei muss man erwähnen, dass die Geschichte von Pink Pedrazzis Musikerkarriere auch die Geschichte einer grossen Liebe ist: Nicht nur zur Musik, sondern auch zu einer Frau, seiner Frau, die ihn unterstützt, damit er seinen Traum leben kann. Im Wissen, dass er ein anderer Mensch wäre, wenn er nicht Songs aufnehmen und Konzerte geben könnte. Es berührt einen, wie offen er darüber spricht, wie er von den gemeinsamen Pilgerfahrten erzählt, die sie in den Süden der USA führten, seine musikalische Heimat, oder nach Kanada, zum Ursprung des Cajun. «Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen», sagte John Lennon einmal. Pink Pedrazzi hat die Ironie erkannt und Gegensteuer gegeben. Und der Erfolg gibt ihm recht: Allein im Januar wird er mehr als ein Dutzend Mal auf der Bühne stehen.

Die Geschichte seiner Musikkarriere ist auch die Geschichte einer grossen Liebe.

Er rückt sich die Brille zurecht. Ungewohnt sie zu tragen. Beim ersten Konzert in diesem jungen Jahr, in Adelboden, hat er sich eine Augenentzündung eingefangen, muss nach langer Zeit auf Kontaktlinsen verzichten. Die alte Brille aber entspricht nicht der Korrektur, die er eigentlich benötigt. Das sei es auch, was ihn als einziges besorge vor seinem Heimspiel, vor der Plattentaufe in der Basler Kuppel, sagt er: «Dass ich auf der Bühne mal ins Leere greife.» Sollte das geschehen, dann weiss er eine Band um sich, die greift. Ebenso erfahrene Profis, die sonst mit Patent Ochsner, Stop The Shoppers oder Sina auftreten: Gitarrist Oli Hartung, Schlagzeuger Andi Hug, Organist Peter Wagner und die Bassistin Sandra Merk.

Sie bringen den Americana, den amerikanisch gefärbten Sound, der Pedrazzis persönlicher Reife und Gelassenheit wunderbar entspricht und vielleicht deshalb so harmonisch, so glaubwürdig, so natürlich erscheint, auf die Bühne. Und sie begleiten ihn, den ewigen Geheimt… Voyageur auf dieser Etappe, die ihn seinem Ziel, glücklich und erfolgreich und nichts anderes mehr als Musiker zu sein, so nahe bringt wie noch nie. Chapeau!

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Live: Kuppel, Basel. 9. Januar, 21.30 Uhr. (Support: Karin Portmann, ab 20 Uhr)

Konversation

  1. So, noch ein letztes Mal, dann werde ich für immer schweigen! Die Diskussion nähert sich langsam dem Punkt, wo sie hin sollte und ist interessant. Ich habe schon viel nachgedacht über die Sprach Problematik, lässt sich wohl nie ganz lösen. Ein Grund Englisch zu singen: Ich habe schon sehr viel in Deutschland gespielt, ein paar mal in Holland, ein bisschen privat in Australien, wenig in Frankreich und auf der Karibikinsel Grenada. Mir gefällt die Vision vom Esperanto der Popmusik, Englisch, das auf der ganzen Welt verstanden wird. Dialekt geht noch in Freiburg im Breisgau, aber nicht mehr im Allgäu, ich habe es beim Ansagen ausprobiert. Hochdeutsch ginge, wäre aber auch irgendwie eine Fremdsprache. Ich lese sehr viel auf Englisch, Thomas Wolfe und Boyle sind meine Lieblinge, aber ich singe besser auf Englisch als ich spreche, weil ich es relativ selten gesprochen brauche. Mein Herz schlägt für die Musik von vom Big Easy New Orleans, und da ist Englisch einfach von der Phrasierung her schöner zum singen. Baseldeutsch: Ich finde da haben wir einfach Pech, für mich tönt es immer nach Schnitzelbangg, die Berner sind da besser dran. Ich bin Ihnen gar nicht böse, Herr Leuthold, aber der erste Brief ging eindeutig auf den Mann, da kamen ein paar Dinge die wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich empfehle: recherchieren, nachdenken, auf 10 zählen, dann in die Tasten hauen! Mit besten Grüssen Pink Pedrazzi (auf http://www.pinkpedrazzi.com können sie meine CD bestellen und sehen wo ich auftrete, warum nicht mal einen Augenschein vor Ort nehmen?)
    P.S. ich hätte wetten können das auf Moods und Lyrics eine Reaktion kommt, viel Spass beim biken!

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  2. Lieber Herr Pedrazzi

    Manchmal komme ich bei einem Thema, das mich schon länger beschäftigt und vielleicht auch nervt, so in Fahrt, dass ich nicht feinfühlig genug formuliere und meine Thesen zu wenig deutlich in dem Sinn relativiere, dass ich aus Höflichkeit immer dazu sage : „Dies ist natürlich nur meine SUBJEKTIVE Meinung…und ich will niemanden damit beleidigen.“ So trete ich also den Leuten immer mal wieder ganz undiplomatisch auf die Zehen.

    Also: Entschuldigen Sie bitte!
    Ich komme arrogant rüber, da haben Sie natürlich recht. Und in gewissen Fragen bin ich auch recht selbstbewusst.
    Dann habe ich es tatsächlich versäumt, ganz deutlich zu sagen, dass meine ganze Kritik hier oben für Sie total unnötig ist, solange Sie, Herr Pedrazzi, und Ihr Publikum Spass an der Sache haben!
    Nehmen Sie es bitte nicht schwer und nicht persönlich.
    Denn wäre hoffentlich alles wieder gut.
    Oder?

    Nein, ich hatte beim Lesen des Artikels auch den Eindruck, es gehe auch darum, wie schwierig und hart es ist, in der Schweiz als Liedermacher Erfolg zu haben, wie lang Sie schon daran „herum pickeln“ und dass es eben nur mit Hilfe einer tollen Ehefrau geht. (Finde ich übrigens sehr ehrlich und anständig, dass Sie dies thematisieren. Ganz sicher hat fast jede „Musikerbraut“ ein Riesen-Denkmal für Geduld, Treue und Selbstlosigkeit verdient.)
    Vielleicht liegt dieser Eindruck, da werde auch ein wenig geklagt im Artikel, nicht an Ihnen, sondern an der Art wie Marc Krebs formuliert hat. Vielleicht ist es auch nur „mein“ Problem (obwohl ich ja kein Liedermacher bin) und ein Missverständnis.

    Jedenfalls habe ich mir erlaubt, Sie als „Prototypen“ des Schweizerdeutschen semiprofessionellen Popmusikers in einem verallgemeinernden Sinn zu benutzen, um ein paar Gedanken als Denkanstoss los zu werden, die mich eben schon länger beschäftigen.

    1.
    Das verkorkste Verhältnis vieler Deutschsprachiger zur Verwendung der eigenen Sprache in der Popmusik.
    Ich meine, gute Kunst ist immer hochgradig ehrlich und (Modewort) „authentisch“, abgesehen davon, dass sie auch ORIGINELL sein muss.
    Ergo ist der Versuch, Kunst zu machen zum Scheitern verurteilt, wenn man sich das „Format Popmusik“ nicht 100%ig selbst aneignet. „Pop“ heisst ja „populär“, also erst mal „volkstümlich“ und danach auch „beliebt“.
    Und diese „Volkskunst“ muss das Volk ebenso gut verstehen, wie auch mit den EIGENEN, einfachen Mitteln selber machen können. So gesehen ist Popmusik vielleicht auch per Definition schon gar keine echte Kunst, sondern Folklore oder Kunsthandwerk oder sowas….

    Dann muss man hier nicht mehr weiter lesen.
    Nein, das muss ja man sowieso nicht. Ist freiwillig.

    Mozart hatte ein Problem mit der Musik- und Kunstpolizei seiner Zeit (Nein, nicht David Klein von der Basler Jazz-Polizei!) Mozart wollte eine volkstümliche Oper (Zauberflöte) in seiner Muttersprache schreiben. Aber die Kunst-Snobs der höfischen Gesellschaft meinten, eine Oper könne man „natürlich“ nur auf Italienisch verfassen.
    Na, kommt uns das bekannt vor? „Popmusik ist etwas Angelsächsisches …blablabla …“

    Aber Mozart wollte eben „Pop“ im Libretto und grosse Kunst in der Musik. Er wusste:
    Man muss SEIN EIGENES DING draus machen, statt nur ab zu kupfern oder eingefahrenen Mustern zu folgen. SEIN EIGENES DING zu machen, geht nicht nur durch die Art, wie man Gitarre spielt oder singt, sondern auch durch die EIGENE Sprache und die Aussage des Textes, vor allem dann, wenn es denn „Pop“ sein soll.

    Imitation ist toll und unterhaltend, wenn sie gut gemacht ist, und ein legitimer Weg, etwas sehr gründlich zu erlernen. Dann aber muss irgendwann mehr und mehr die Eigenständigkeit entstehen und einfliessen, sonst wird es eben keine gute, „authentische“ Kunst, sondern bleibt ein Abbild von etwas Tollem, was jemand Anderer einem schon viel BESSER – nämlich ORIGINELLER – vorgemacht hat.
    Polo wusste das schon in den 70er Jahren und er geht sogar so weit, dass er selbst seine Cover-Songs ins Berndeutsche übersetzt: So macht er sich Dylans Songs zu eigen und erzeugt einen „künstlerischen Mehrwert“ damit.

    Bis allerdings in der Schweiz eine grosse Masse von Künstlern diesen Schritt machen konnte, musste erst der HipHop kommen.
    Black Tiger hat da als Pionier Riesenverdienste aber er hätte sich konsequenterweise „Schwarze Diiger“ nennen müssen. Falls das doof geklungen hätte, dann hätte er es mal mit dem Künstlernamen „Urs Baur“ probieren sollen.

    Rap-Musik geht mir persönlich zumeist ziemlich auf den Zeiger*, aber eines muss ich dieser Szene eben lassen: Sie haben begriffen, dass sie mit den Amis und Engländern sprachlich niemals mithalten können und darum angefangen, auf Deutsch oder Schweizerdeutsch zu rappen.
    Da RAP leider so DERMASSEN textlastig ist, ging es halt nicht anders. Glück im Unglück. Und genau so holen sie eben die rebellischen Teens mit den Dächlikappen ab: Über mitreissende Beats und Texte, die gehört, verstanden und sogar auswendig gelernt werden.

    2.
    Noch schlimmer als viele Deutsche und Österreicher haben ja wir Deutschschweizer ein Problem mit der Deutschen Sprache. Sie scheint nicht uns zu gehören, sondern eben den unbeliebten „Sauschwaben“, von denen es 10 mal mehr gibt als von uns und die doch immer so eine grosse Klappe haben. Damit ist man aufgewachsen, in Ihrer Generation vermutlich noch viel mehr als heute, dass man Hochdeutsch für die Fremdsprache von imperialistischen Massenmördern hält und sich damit nicht wohl fühlt und auf keinen Fall irgendwo im Ausland für einen Deutschen gehalten werden möchte. Lieber spielt man halt auch auf den Bühnen im eigenen Land den Ami oder Engländer.
    (Die GROSS-Britannier waren vermutlich niemals imperialistisch, weshalb Englisch heute ja Weltsprache ist (Achtung Ironie!) … und die Amis schon gar nicht. Deren Aussenpolitik ist vorbildlich. – und immer schon gewesen!)

    Aber wie gesagt: Polo Hofer, Kuno Lauener, Büne Huber haben das Problem in ihrer Kunst sehr gut gelöst. Die spielen nicht. Die SIND.

    Lieber Herr Pedrazzi

    …noch ein paar Antworten auf Ihre Fragen:
    Ja, ich habe auf youtube ein gutes Dutzend Videos von Ihnen gefunden, kenne also mehr als „the Raft“ und dieses Foto hier, wo Sie in einem Innenraum eine Sonnenbrille tragen. Nein, die Ironie dabei war mir nicht klar gewesen.

    Ich finde Ihren Gesang wirklich top! Eine schöne Stimme, irgendwo zwischen John Hiatt und Van Morrison. Gute Melodien zum Mitsingen, schöne Kompositionen! Und ich mag auch die Gitarren und die Klangfarben der Gitarren (Pascal Biermanns Strat beim Sliden ist uh-huäre-geil!). Und die süsse Ukulele!
    Ich kann zwar überdurchschnittlich gut Englisch (Proficiency Diplom der Cambridge Uni), trotzdem gibt es da immer etwas, was zwischen Ihnen und mir steht, was mich stört: Warum singt denn der Bebbi da on stage always english? Who the fuck he thinks he is? I jöst don`t get it, man!
    Ich frage mich dann auch, wie es ist, wenn ein Ami in Amiland eine Amiband spielen und singen hört. Da können Sie sicher sein: Da sind sich Publikum und Band noch etwas näher als bei uns. WEGEN DER SPRACHE.

    Sie schreiben hier in Ihrem Kommentar „Mood“ statt „Stimmung“, „Lyrics“ statt „Texte“. Sie schreiben als Basler einen Lied über Tino Krattigers Floss im Glaibaaaaasel, hösch, haben aber keine Lust, es auf Baseldeutsch zu tun. Für mich ist das – auch wenn es mich nix angeht und Ihnen gleich sein kann – einfach völlig absurd und kaum nachvollziehbar. Sorry. Nicht böse gemeint. Nur mein Unverständnis.
    Und das bestätigt eben meine Einschätzung Ihres Verhältnisses zur eigenen Muttersprache: (NICHT BÖSE GEMEINT!) Irgendwas stimmt doch da nicht, oder?

    Sie werden mich jetzt natürlich immer noch als arrogant bezeichnen oder mit noch viel, viel unfeineren Begriffen bedenken, aber das macht ja nichts.
    Ziehen Sie ihr Ding durch und ich wünsche Ihnen ganz ehrlich viel Erfolg!

    Aber ich sage es jetzt hier trotzdem noch ganz offen, OHNE DASS ICH ES BÖSE MEINE, auch wenn Sie das vielleicht nicht ganz glauben wollen:

    Für mich drückt sich da bei Ihnen und all den 10`000 anderen pseudo-englischen Songschreibern der Schweiz und Deutschlands und Österreichs eine gewisse Sprach- und Identitäts-Armut aus. Da gibt es irgend einen Mangel an Heimat, an Selbst-Ehrlichkeit, etwas, was man überspitzt als „profilneurotisch“ bezeichnen könnte, wenn man BÖSE wäre, was ich aber nicht bin! (Ich interessiere mich nur für Musik, Psychologie und Soziologie)

    Oder man könnte es als einen „Knick in der Selbstwahrnehmung“ bezeichnen und es ist spannend darüber nach zu denken und zu diskutieren, weil es ein Schweiz-typisches und Deutsch-typisches Phänomen und weit verbreitet ist.
    Irgendwie tun mir die Betroffenen und die mitteleuropäische Popkultur auch ein wenig leid, auch wenn ich weiss, dass die sich ja gar nicht dran stören.

    Scheisse, Sie müssen mich ja jetzt bis aufs Blut hassen, oder? Wie kann man das ausdrücken, ohne dass Sie beleidigt sind? Wenn ich `s könnte, würde ich es tun.
    Vielleicht hilft mir ja irgend ein schlauer Wissenschaftler oder Journalist?

    Aber noch einmal:
    Diese Kritik gilt nur mit dem Vorbehalt: Wenn SIE, Herr Pedrazzi, und all Ihre Fans glücklich damit sind, dann ist es ja gut und dann können sie mein theoretisches und unangenehmes Geschwafel natürlich sofort wieder vergessen und mich als einen Spinner ansehen.

    Ich meine nur: Gute Kunst, also etwas ORIGINELLES, kann so halt einfach eher nicht entstehen.
    Naja, vielleicht kann „Pop“ eh keine Kunst sein (wieder so eine Frage…) und es ist gut, wenn man diese Art von Mucke als anspruchsvolles und ordentlich gemachtes Handwerk schätzt.

    Natürlich werden wir, lieber Herr Pedrazzi, jetzt nie mehr Freunde, aber, auch wenn Sie vielleicht Mühe damit haben: Ich respektiere sehr, was Sie machen und wünsche weiterhin viel Erfolg.

    freundliche Grüsse
    L.L.

    PS:
    * Was mich am Rap oft grausam nervt, ist diese Textlastigkeit.
    Ich will gerne MUSIK hören und nicht das pausenlose Geschwafel, Gebrüll und Gebell von Typen, die ihre Fähigkeit, interessante Aussagen zu machen, sehr oft gewaltig überschätzen.
    Ich liebe Jazzmusik und Blues wegen der Möglichkeit zu Improvisieren. Beim RAP aber empfinde ich es als Bürde, dass die Typen, ihre Texte eben nicht sorgfältig ausarbeiten – auch nach dem Motto: „Weniger ist mehr.“, sondern dass die endlos improvisieren und labern, ohne etwas zu sagen zu haben, ausser: „Yo, Homie, ich bin der Beste, ich habe den Längsten, ich ficke all diese Bitches und mir kann keiner was… !“ (Bevor hier alle Leser unter 35 komplett ausrasten: Ich weiss, es gibt auch sehr kluge Rapper und sehr gute Texte. Trotzdem ist mir persönlich Rap zu textlastig und trotzdem ziehe ich Gesang dem Rappen vor und trotzdem erachte ich es als eine höhere und erstrebenswertere Kunst, einen kurzen, klugen Text zu machen und ein Versmass streng ein zu halten, als einen langen Rap. Aber das ist Geschmacks-Sache.)
    Im weiteren nervt mich am RAP, dass man hemmungslos sampelt und klaut. Ich bin der Sohn eines Künstlers und ich weiss, wie wichtig es ist, dass die Tantiemen dort ankommen, wo die Kunst her kommt.

    @Roli Frei
    Habe gestern und vorgestern während der Arbeit wieder „Circus“ gehört und gesehen, dass es doch einiges davon auf Youtube gibt. Einfach grossartig! (Und das wäre auch auf Schweizerdeutsch kein Bisschen schlechter gewesen, aber bei Circus, wie auch bei Mozarts Zauberflöte, ist der Text ja unwichtiger als bei Pink Pedrazzi, weil die Musik wesentlich anspruchsvoller ist.) Bei Ihrer Lazy Poker Blues Band habe ich mich dann schon zuweilen gefragt, warum es denn unbedingt Englisch sein musste…
    Danke für alles, weiterhin viel Erfolg und liebe Grüsse!

    Hier für alle, die tatsächlich so weit gelesen haben, aber nicht wissen, was Roli Freis alte 4-Mann Prog-Folk-Rock-Band „Circus“ aus Basel zwischen 1976 und 1980 für unerhörte, originelle Meisterwerke abgeliefert hat:
    Einer mitreissendsten Stolper-Grooves der Musikgeschichte:
    http://www.youtube.com/watch?v=0xU7dK8DFO0

    http://www.youtube.com/watch?v=PznZCSw19Mc

    http://www.youtube.com/watch?v=WxJ0zOleXBs

    http://www.youtube.com/watch?v=WxJ0zOleXBs

    Und hier sagt Polo Hofer die Band an: In bestem Schweizer-Englisch. Grossartig.
    Zum Glück singt er Dialekt:
    http://www.youtube.com/watch?v=WriW0uwUP7o

    Suchbegriffe nach Albumtiteln:

    „Circus Fearless, tearless and even less“
    „Circus Moving on“
    „Circus All Star Band“

    …und vom ersten Album einzelne Lieder:
    Circus the bandsman
    Circus dawntalk
    Circus nowadays
    Circus sundays
    Circus room for sale

    @Sullivan Frisch

    Ja, Hiromi ist toll – auch mit einem „Sicilian Blues“.
    Musik ist natürlich DIE internationale, universell verständliche Weltsprache an sich.
    Jeder kann versuchen, jede Musik zu machen und gerade der Jazz lässt es ja besonders gut zu, dass man seinen eigenen kulturellen Hintergrund mit einbringt.
    Wahrscheinlich können aber auch richtig musikalische Eskimos prima Flamenco-Gitarre spielen. Wenn die Finger nicht zu klamm sind.
    Oder indische Elefanten könnten mit genügend Fleiss das Südtiroler Schluckauf-Jodeln ganz meisterhaft erlernen. Die Frage ist dann eher: Wie kriegst Du – wegen der street credibility – das Tier dann noch in `s Dirndl rein?

    Ihnen, Herr Frisch, ist aber eine zentrale Frage dieser Diskussion hier offenbar völlig entgangen:
    Es geht mir mit meinen Ein- und Auslassungen um die SPRACHE, in der getextet und gesungen wird! Sie reden hier ja von einer Pianistin, nicht von jemandem, der eignen Texte in einer Fremdsprache vorträgt, um gewissen „Erwartungen“ gerecht zu werden oder einem gewissen Schema zu genügen.
    Nicht singende Jazz-Pianisten sind da ein ANDERES Thema: Die spielen alle Steinway, Bösendorfer oder Yamaha. Da sind die differierenden Nuancen wesentlich weniger auffallend als zwischen Englisch, Telugu und Hindi.
    Verstehen Sie? Ich frage den Herrn Pedrazzi doch eigentlich nur, warum er nicht auf Hindi singt 😉

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  3. Lieber Herr Leuthold

    Es hat etwas gedauert bis ich mich doch entschlossen habe auf Ihren Kommentar zu reagieren. Als Musiker heisst es ja immer, niemals reagieren wenn man angegriffen wird, immer cool bleiben usw. Leider bin ich überhaupt nicht cool! Kennen Sie meine Arbeit? Oder nur was hier im Video und auf diesem Foto gezeigt wird? Es ist schon ziemlich absurd, mir ist ja schon einiges vorgeworfen worden, aber Stargehabe? Eine Sonnenbrille trage ich nur auf Openair Bühnen wenn die Sonne scheint, sonst nicht, das Augenzwinkern und die Ironie im Bild ist Ihnen offenbar entgangen, wenn sie meine letzte Produktion hören würden und alle Texte lesen würden wäre Ihnen das wohl klargeworden. Das mit dem Hut: da haben sie allerdings recht, den trage ich immer beim Musik machen, der ist so eine Art Markenzeichen geworden. Im Video the Raft geht es übrigens um das Musikfloss in Basel. In dem Song ist der Text tatsächlich und beabsichtigt ohne grosse Tiefe. Es geht mehr um einen guten Mood. Amerikanische Klischees versuche ich zu vermeiden, ich denke mal sie werden kein einziges in den Lyrics auf meinem letzten Album finden. Ich bin auch glücklicherweise recht erfolgreich weil ich sehr hart und ernsthaft an meinem Traum arbeite. Darum besteht für mich kein Anlass irgendetwas an meiner Karriere zu ändern. Ich singe mit Leidenschaft und habe grossen Spass daran und absolut keine Lust auf Baseldeutsch oder Hochdeutsch zu singen. Roli Frei hat in seinem Satz gemeint dass es unehrlich und unglaubwürdig wäre wenn ich auf Mundart singen würde, denn es käme nicht von Herzen. Niemand muss das gut finden was ich tue, aber ich lasse mir ungern unterstellen dass ich mit kaltem Kalkül an die Sache herangehe.
    Da ist viel Herzblut drin, dass kann ich garantieren. Und noch was! Einer musste es ja mal sagen! So was zu schreiben braucht schon ein gerüttelt Mass an Selbstvertrauen oder eher Arroganz!

    Pink Pedrazzi

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  4. Wow, da habe ich ja eine Lawine ausgelöst. Super! Ich muss mal schauen wann ich die Zeit finde, adäquat zu antworten. Und vielleicht wäre ja ein Kafi angesagt?
    Da ist viel Schönes, viel Wahres und viel persönliche Ansicht, die aus anderen Blickwinkeln und Erlebnismomenten eine eigene Wahrheit haben kann. Oder so. Ich melde mich.
    PS. Bei der Gelegenheit habe ich herausgefunden, dass ich zwei Kontis eröffnet habe, drum der Profilwechsel…..Ich bin ich

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  5. Die früheren Konzerte von Ihr, vor 8-10 Jahren waren Hammer. Sie war eine richtige Jazz-Pankerin. Zum Beispiel „Love and Laughter“, oder zum Beispiel „Return of the Kung Fu World Champion“. Mittlerweile ist sie gereift, und sie ist technisch noch besser geworden. She is from out of this world.

    Zurück zum Thema: Kann mir einmal einer sagen, warum sie als Japanerin überhaupt Jazz Pianistin geworden ist? Sie ist doch aufgrund ihres kulturellen Backgroundes denkbar ungeeignet dafür!!

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  6. Lieber Roli Frei
    Auch wenn es etwas geschwollen klingt: Es ist mir ein Ehre, mit Ihnen in einen Gedankenaustausch zu treten, denn ich bin mit Ihrer tollen Musik aufgewachsen. Dank eines wesentlich älteren Bruders hatte ich schon sehr jung meine tägliche Dosis „Circus“ und in digitalisierter Form höre ich diese unglaublich fantasievolle und abwechslungsreiche Musik auch heute noch sehr, sehr gern!

    In der Oper, im Jazz, im Prog-Rock sind mir Musiktexte überhaupt nicht wichtig. Denn die Gesangslinien sind zumeist so virtuos und abwechslungsreich, dass man einfach nur „Blabla“ oder „Dooo Wop“ singen oder scatten könnte.

    Richtig interessante Musik braucht also von mir aus gesehen überhaupt keinen Gesang, so wie auch nicht jedes Orchester UNBEDINGT ein Klavier braucht oder jede Band UNBEDINGT ein Keyboard oder UNBEDINGT eine Gitarre…

    Eine Stimme als Instrument, ist also „nice to have“ aber kein „must“, um es mal so zu formulieren, wie Ihre Generation es wohl am Besten versteht, nämlich auf Englisch. Denn jedes Leadinstrument kann ja die „Führung“ übernehmen…

    Aber wenn wir dann zum Blues, zum Rock`n`Roll und zur Popmusik kommen, wo es gern etwas schematischer und einfacher wird, dann bekommt der Text im Song/Lied meiner Ansicht nach eine höhere Bedeutung. In dieser Musik begegnen wir vielen Wiederholungen: Der klassische Popsong ist in etwa so oder ähnlich aufgebaut:

    Strophe, Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Bridge, Refrain.

    Und anders als Oper, Jazz oder Prog-Rock ist er zum Mitsingen geeignet. Darum ist die Möglichkeit des Wiedererkennens der einzelnen Liedteile wichtig und darum werden sie auch viel weniger variiert. Darum ist es das, was wir im Gitarren-Unterricht als erstes gelernt haben: Songs voller Wiederholungen mit drei, vier Akkorden als Grundlage. Wer es böse meint, der kann dann sagen, es wird ein wenig langweilig, weil es so einfach ist.
    Nehmen Sie „the house of the rising sun“ oder Bob Dylans „How many roads“ oder 1 Million anderer Folk-Songs: Viele Strophen und alle relativ ähnlich vorgetragen.

    Am Beispiel Dylan, der jedes Jahr wieder auf der Liste der möglichen Literatur-Nobelpreisträger auftaucht, wird es wohl am deutlichsten: Ohne seine herausragenden Texte wäre der Mann nur ein verschrobener Kauz, der singt wie ein magenkranker Geissbock, nur sehr, sehr rudimentär Gitarre spielt und in jedem zweiten Song eindrücklich unter Beweis stellt, wie nervtötend der Umgang mit einer Mundharmonika doch sein kann. (Hören Sie sich im Gegensatz dazu mal an, was Mick Jagger mittlerweile auf der Bluesharp hervor zaubert!) Gut, Dylans Songs wären immer noch tolle Songs, solange sie von anderen Künstlern interpretiert werden. Und auch der magenkranke Geissbock selbst kommt schlussendlich sehr beeindruckend expressiv rüber. Ich mag ihn, nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.
    ABER: Es sind eben vor allem die klugen Texte, die Dylan zu diesem Gott haben werden lassen! Dylan war politisch, kritisch, aufklärerisch, revolutionär.
    Denn seine Texte waren klüger als all der „Ich liebe Dich, Baby-Baby-Balla-Balla“-Schrott, den man aus dem Schlager kannte, oder?

    Und ich vermute mal, Ihre Generation hat mit Dylan besonders gerne Englisch gelernt. Und nun kommt eben die Tragik einer ganzen Generation, wenn nicht gar mehrerer Generationen ins Spiel: Folk-, Blues, Rhythm and Blues, Rock`n`Roll und Pop schwappten aus den USA und England nach Mitteleuropa und darum, weil es so neu, so aufregend, so subversiv und bei den Eltern so verhasst war, haben die Teenager es so gerne angenommen und genau so nachgemacht wie es eben war: Mit englischen Texten, die sehr oft genau so debil waren wie der deutsche Schlager. Aber da sie eben Englisch waren, merkten das viele nicht und störte das nicht so… Hier zeigt sich ein Mangel an Differenziertheit, hier obsiegt der blosse Formalismus über den gut reflektierten Inhalt:

    Text ist Wurscht, Hauptsache Englisch!

    Das ist die Lebenslüge aller deutschsprachigen Popmusiker seit den 50ern, die gerne so tun, als wären sie auch Amerikaner oder Engländer… schlimmer noch: Die glauben ja wirklich, es gehe einfach nicht anders.
    Das ist ungefähr so, als würden die Gospelchöre im schwarzen Süden der USA ihre Lieder in irgend einer afrikanischen Sprache singen, nur weil die Ursprünge des Gospels und des Blues in Afrikas liegen. Ist doch Quatsch.
    Oder Dylan müsste heute auf Chinesisch texten und singen, denn da ist die neue Weltsprache zu hause.
    Anpasserei!

    Die beiden Beispiele sind etwas krass und übertrieben, ich weiss. Aber sie verdeutlichen vielleicht etwas besser wie absurd es eigentlich ist, dass in den letzten 60 Jahren vermutlich drei Viertel aller Popmusiker im deutschsprachigen Raum immer dann einen der wichtigsten Teile ihrer Identität an der Garderobe abgaben, sobald sie sich eine Gitarre vor den Ranzen hängten (Die Franzosen waren da weniger unterwürfig):

    Die Möglichkeit, sich in der eigenen Sprache aus drücken zu können, ist für fast alle von uns jeden Tag das aller Wichtigste: In der Familie, im Job in der Freizeit: Da kommunizieren wir doch zu 80 oder 90 % über das Wort. Und je wichtiger es uns ist, umso besser ist es, dass wir die Feinheiten der Sprache beherrschen.
    Aber nicht, wenn wir wir mit viel Herzblut Liedertexte schreiben, oder? Dann reicht unser Schulenglisch und das wir Reime abkupfern, die andere schon 400`000 Mal verwendet haben:

    Tonight
    everything is all right –
    I `ll hold you tight.
    Feel the fire
    of my desire
    We can`t get much higher.

    … Fertig ist der Text zu meinem „authentischen“, englischsprachigen Popsong.

    Es ist wirklich ein Witz: Die Leute üben jahrzehntelang Gitarre, kennen ihre Pentatoniken in moll, dur, äolisch, mixolydisch, lykrisch, lokisch usw…usw…, Sie üben Arpeggios bis zum Erbrechen, arbeiten am Fingervibrato und an der Tremolotechnik, zaubern Pinch Harmonics aus den Fingerspitzen und können zweihändig Tappen wie Eddie van Halen. Sie besitzen 12 E-Gitarren, weil jede ein klein wenig anders klingt und brüten ganze Wocheneden über der richtigen Equalizer-Einstellung ihres Verstärkers und des Effekte-Racks.

    So viel Aufwand, so viel Mühe und so viel Wille zur Perfektion und zum Differenzieren!!! So gross ist die Liebe zur Musik.
    Aber wenn es um Texte geht, mit denen man das Publikum „abholen“ könnte, in die man ebenso viel „Tiefgang“ stecken könnte, dann sind wir alle nur Möchtegern-Amerikaner oder Möchtegern-Briten. Da schrubben wir Popsongs nach Schema x (siehe oben) mit 0-8-15 Texten runter. Hauptsache, wir wirken auf den kleinen Fritzli wie ein real American Singer-Songwriter, dude!
    Darum auch die Sonnenbrille und der Hut, das bedeutet, ci bin Individualist, obwohl mein Gebaren bei genauerer Betrachtung auch nur einem bestimmten Schema folgt. (Zum Glück hatten Sie, Roli Frei, das nie nötig!)

    Irgendwas geht dabei nicht auf, irgendwas geht dabei verloren.

    Glauben Sie, ich muss mit meinen Biker-Kollegen Amerikanisch radebrechen und mir ein Star Spangled Banner auf den Oberarm tätowieren lassen, nur weil ich eine Harley unter`m Arsch habe? (Ja, auch in der Szene gibt es natürlich massenweise solche Möchtegern-Amis…Uniform, unreif und einfältig ist diese Art der Selbstverleumdung in solchen Kreisen.)

    Zurück zur Musik und der selbstverleumderischen Haltung zur eigenen Sprache und Identität: Natürlich muss jeder Schweizer, jeder Deutsche, der englische Songs schreibt, automatisch die Nummer Zwei auf dem Rücken tragen, denn selbst mit dem besten Anglistik-Studium in der Tasche kannst Du noch keine richtig überzeugenden Texte schreiben, wenn Du in Allschwil oder Gunzingen hockst und Dir etwas über die Route 66 in Memphis aus den Fingern saugst…
    Du machst Dich und Deine Welt hier klein damit.

    Pink Pedrazzi sagt ja: „Ich bastle mir immer noch meinen Traum“. Und da müsst man antworten:“Ja, Mann, dann wird es halt Zeit, dass Du aufwachst und Dir lieber mal Deine Realität bastelst!“
    Schreib in Deiner Muttersprach darüber, wie es ist über das Autbahnkreuz Härkingen zu cruisen (oder im Stau zu stehen). Oder von mir aus, schreib in Deiner Muttersprache darüber, wie es ist, als Tourist im Mietauto die Route 66 in Memphis zu erkunden …
    Nimm Dich halt ernst, Peter Pedrazzi, wenn es Dir mit der Musik ernst ist. Dann kannst Du auch mehr sein als ein „Amerikaner für Arme“ oder, wie sollen wir das nennen, ein Art „Zweite-Wahl-Amerikaner“….

    Es gibt es ja Leute wie Lindenberg, Polo Hofer oder Wolfgang Niedecken, die das irgendwann begriffen haben und durchaus erfolgreich damit waren. Dazu gehört am Anfang auch Bescheidenheit: Bevor man Chartplatzierungen in ganz Europa und dann in den USA anstrebt mit einem Album voller Schulenglisch, könnte man sich mal damit zufrieden geben, die Schweiz zu erobern. So wie Patent Ochsner oder Züri West oder auch die unsäglichen Plüsch oder oder völlig entsetzliche Gölä etc…

    Lieber Roli Frei
    Es gibt ein paar Aussagen in Ihrer Kommentar, die ich leider nicht genau einordnen kann. Sind die ironisch gemeint oder was?
    „Wir sind doch Schweizer!“ heisst es da.
    – Ja und? Heisst das, das wir ein verkorkstes Verhältnis zur eigenen Sprache haben müssen?
    Und:
    „Wenn Sie von besseren Chancen für Mundart sprechen, haben sie „echt“ und „ehrlich“ schon hinter sich gelassen …“
    Das verstehe ich leider auch nicht, Herr Frei.
    Ich kenne ja Leute wie Niedecken, Polo oder Kuno von Züri West nicht persönlich, aber für mich kommt das schon ganz „echt“rüber, was die machen. „Echt“ im Rahmen der Möglichkeiten des Popbusiness halt…

    Auf Ihrem tollen Album „Circus Allstar Band“ gibt es vier Zeilen, die der Gast Polo Hofer auf Berndeutsch singt. Die kenne ich auch nach 30 Jahren auswendig.

    Minni Fründe im Gfängnis, die fröge mi:
    „Oh wie schön, muess Freyheyt sii!“
    Ganz mysteriös antworte-n-i:
    „Syd Vögel frei we sy fliägä?“

    In diesem Sinne möchte ich nur noch sagen: Liebe Gefängnisinsassen gewisser Klische-Vorstellungen, die ihr meint, Hilfs-Amerikaner sein zu müssen:
    Wenn sie fliegen, die Vögel, ist es auf jeden Fall besser, als wenn sie so tun, als wären sie Fische.

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  7. meinen privaten amerikanischen Folk- und Rock Song Traum auf ein zwei akustischen Gitarren. Von ein paar Songs von Simon and Garfunkel über Neil Young und Leonard Cohen bis hin zu Pink Floyd erstreckt sich mein privates Repertoire. Es gehört irgendwie zu mir, obwohl ich damit nur meine eigene Seele pflege, und andere Leute zur Flucht zwinge. Pink Pedrazzi kannte ich bis jetzt nicht, und ich finde es inspirierend, dass es noch Musiker wie ihn in Basel gibt. Er hat eine gute Stimme, und sein Sound ist gradlinig und ehrlich. Für mich eine echte Bereicherung.

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  8. Da werden Musik und Gesang gelobt, dann aber doch Sonnenbrille und Hut in den Vordergrund gerückt. Und die Sprache! Wir sind doch Schweizer!
    Eigenartig, denn auf Ihrem Profil beschreiben Sie sich selbst als nicht ganz normal, da Harley-Fan oder -Fahrer. Leben Sie da Ihre amerikanische Ader aus? Anscheinend schon. Pink und ich sind in einer Zeit aufgewachsen, da Folk, Blues, Soul, Rock und Country mit grosser Macht in die Urschweiz vorgedrungen sind, wir haben unseren musikalischen Weg begonnen, als Sie noch nicht auf der Welt waren. Und die Vielfalt welche wir in dieser Zeit erlebt und gelebt haben, ist ein starker Teil unserer musikalischen Identität geworden.
    Bedenken Sie auch: Wenn Sie von besseren Chancen für Mundart sprechen, haben Sie „echt“ und „ehrlich“ schon hinter sich gelassen….
    Mit freundlichem Gruss, Roli Frei

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  9. Wunderschöner Gesang, souveränes Gitarrenspiel, schöne Songs!
    Aber vielleicht ein wenig langweilig. Woran liegt das?

    Machen Sie doch mehr aus ihren Texten, Herr Pedrazzi.
    Meine These:
    Leute, die in ihrer Muttersprache singen, haben bessere Chancen darauf, „authentisch“ rüber zu kommen, als „echt“ und “ ehrlich“ empfunden zu werden, nicht als Kopisten oder Möchtegerns.
    Singen Sie doch auch mal Baseldeutsch oder Hochdeutsch, statt englischsprachige Klischées zu reproduzieren..

    Stellen Sie sich mal vor, Bob Dylan würde aus irgendwelchen Gründen Deutsche Texte schreiben und singen… Wären die dann gleich gut wie die, die er auf Amerikanisch verfasst? Würde er ernst genommen werden und hätte er dann ein ganz Grosser werden können?

    Wenn Sie uns mit tiefsinnigen, poetischen, klugen oder witzigen Texten unterhalten würden, wenn Sie Ihre Texte und Ihre Muttersprache genau so ernst nehmen würden wie Ihre Musik, Herr Pedrazzi, dann würde sich ihre Kunst zu etwas Glaubwürdigerem und Kompletteren abrunden und vermutlich hätten Sie auch mehr Erfolg, denn Sie könnten das Schweizer Publikum definitiv besser unterhalten.
    Dann vielleicht noch etwas weniger vom unnötigen „Star-Gehabe“ wie die Sonnenbrille und den Hut und schon wären Sie ein ganz, ganz toller Liedermacher.
    Sorry, aber einer muss es ja mal sagen.

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