«Ich habe nicht das Bedürfnis, die Leser moralisch zu erziehen»

Thomas Meyer über sein neues Buch, ausserirdische Sidekicks, schlechte Werbung und seine Rolle als Juxmann der Schweizer Literatur.

Mann der Unterhaltung: Thomas Meyer. (Bild: Keystone)

Thomas Meyer über sein neues Buch, ausserirdische Sidekicks, schlechte Werbung und seine Rolle als Juxmann der Schweizer Literatur.

Thomas Meyer steht am vereinbarten Treffunkt und sieht adrett aus. Er trägt ein Jackett, einen schönen blauen Rucksack, gute Schuhe, gutes Hemd. Unter den Ärmeln blitzen Tattoos hervor. Dass wir uns duzen, ist von Anfang an selbstverständlich. Kurz bevor wir uns ins Café eines Bücherladens setzen, fragt er mich, ob sein Buch wohl bei den Mangas ausgestellt ist. Ich lache und bestelle und vergesse, ihn zu fragen, was er damit gemeint hat.

Thomas Meyer brachte 2012 «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» heraus, eine Geschichte um den jungen Juden Mordechai «Motti» Wolkenbruch und den wohlgeformten Po seiner Mitstudentin, dem er seine ganze Aufmerksamkeit widmet, ganz zum Verdruss seiner verkupplungsbesessenen Mame.

Das Buch war flüssig geschrieben, toll zu lesen und gerechterweise eine Schweizer Literatur-Sensation: 46 Wochen auf der Bestsellerliste, für den Schweizer Buchpreis nominiert, von Kritikern und Lesern hochgelobt.

Jetzt hat Meyer ein neues Buch geschrieben – «Rechnung über meine Dukaten» – und unsereins freute sich: Endlich würde herauskommen, wie es mit Mordechai und der schönen Schickse weitergehen würde, der er auf den letzten zehn Seiten «den Mandelbaum machte»! Voller Vorfreude besorgten wir uns das Buch und hofften auf einen mutigen Motti mit wilden Liebschaften und einer für immer entschwundenen Mutter. Aber es würde anders kommen.

Thomas Meyer, ich muss zugeben, als ich «Rechnung über meine Dukaten» zum ersten Mal in den Händen hielt, war ich ein wenig enttäuscht.

Wieso denn?

Nachdem Mordechai Wolkenbruch endlich seine Schickse rumgekriegt hatte, lag die Vermutung nahe, es würde einen Fortsetzungsband oder zumindest was in der Richtung geben. 

Da muss ich Sie in der Tat enttäuschen, die Geschichte um Motti ist vorbei. Nicht, dass ich das unbedingt so geplant hätte. Meine Themen rempeln mich ohne Vorwarnung an, wie Menschen auf der Strasse. 

In Ihrem neuen Buch geht es um Friedrich Wilhelm I., König von Preussen im Jahr 1716. Welten entfernt vom jungen Mordechai im heutigen Zürich. Wo wurden Sie von diesem verrückten Tyrannen angerempelt?

Ich habe ein Buch über Exzentriker gelesen und bin auf ihn gestossen. Dieser despotische König mit seiner irrsinnigen Idee, eine Armee aus grossgewachsenen Menschen zusammenzustellen – das hat mich von Anfang an fasziniert. 

Friedrich Wilhelm ist ein grausamer Protagonist: Er malträtiert seine Untertanen, ergötzt sich an deren Leid. Das hört sich schrecklich an, liest sich aber unglaublich heiter.

Klar, nur weil das Thema düster ist, bedeutet das ja nicht, dass daraus ein schweres Buch entstehen muss. Es ist wahnsinnig, was Friedrich Wilhelm I. gemacht hat und dass er es legitim fand, Menschen zu kaufen und zu besitzen. Für mich ist klar, dass diese Zustände widrig waren. Aber man kann darüber hinausgehen und sagen: Natürlich wars ein Sauhund, aber jetzt schauen wir uns noch den unterhaltsamen Aspekt des Ganzen an.

Es gibt im Buch eine Vielzahl weiterer Personen, die dem König in Sachen Schrägheit in nichts nachstehen. Wo holen Sie sich die Ideen für Ihre Figuren? 

Kennen Sie Futurama? Da gibt es Zapp Brannigan, diesen metrosexuellen Raumschiff-Captain mit den kurzen Höschen. Der hat einen ausserirdischen Sidekick namens Kif, der sich ständig über seinen Chef aufregt. Ich fand Kif immer wahnsinnig cool, wie er aus seinem Ennui keinen Hehl macht, ständig angeschissen ist, aber am Ende dann doch seine Aufträge ausführt. Also habe ich ihn als Inspiration für Friedrich Wilhelms Geheimsecretair Ehrenreich Bogislaw von Creutz genommen.

Sympathischer Mann, sympathische Botschaft: Thomas Meyers Visitenkärtli.

Wieso dann der Aufwand?

Weil ichs lustig fand. Das war mein Motiv. Es ist banal, aber es gibt dazu nicht mehr zu sagen. So ist es halt. Ähnlich verhält es sich mit dem Buch. Das Thema hat mich angerempelt und ich hab eine Geschichte draus gemacht. Mehr steckt nicht dahinter.

Kein grosses Statement?

Wenn Sie unbedingt eine Aussage brauchen, dann ist es die, die im letzten Kapitel sichtbar wird: Egal, was du für ein Theater aus deinem Leben machst, am Schluss ist es zu Ende. Und das, finde ich, ist wahnsinnig ironisch. Ich kenne so viele Leute, die ein Riesendrama aus ihrem Leben machen, als müssten sie 10’000 Jahre leben und dafür sorgen, dass ihr Prestige stimmt. Aber das ist nicht so, es ist alles recht zügig vorbei. Und wo auch immer du hingehst, du nimmst nichts mit, dein ganzer Besitz bleibt zurück. Im Endeffekt ist also alles einfach nur ziemlich hysterisch. Wenn Sie eine Aussage wünschen, dann ist sie das. Aber ich hab auch nicht das Bedürfnis, die Leute moralisch zu erziehen, es ist mir egal. 

Apropos egal: Der «Tages-Anzeiger» bemängelte die fehlende Reflexion über das Damals und Heute im Buch – zu Unrecht?

Das ist für mich eine falsche Erwartung. Ich hatte nie den Anspruch, einen Standpunkt einzunehmen, und wer das erwartet, wird nach der Lektüre enttäuscht sein. Natürlich bin ich gegen Menschenhandel, aber das muss ich doch nicht ausführen. Mehr noch: Ich finde es läppisch, darauf hinweisen zu müssen. Mein Standpunkt ist klar, den muss ich nicht publizieren. Es ist ein bisschen wie bei Roberto Benigni, den hat man auch für seine angebliche «Verharmlosung» kritisiert.

Sie meinen, als er «Das Leben ist schön» gemacht hat?

Genau. Er fand im Schrecken der Tatsachen eine schöne Geschichte. Und das habe ich auch gefunden.  

Eine weitere Bezeichnung war «Juxmann der Schweizer Literatur».

Viele Menschen haben den Anspruch an Literatur, dass sie stets schwer und bedeutungsvoll sein muss. Und wenn nicht irgendwo eine Flüchtlingstochter vergewaltigt wird, dann ist es nicht ernsthaft. Ich finde das letztlich aufgesetzt. Nichts gegen ernsthafte Literatur, aber mir gefällt Unterhaltung. Ich bin tatsächlich ein Juxmann, und wenn jemand glaubt, das sei keine Literatur, dann ist das seine Meinung. Meine ist es nicht.
 

Im Zug nach Hause, als dieses Gespräch schon längst vorbei ist, erinnere ich mich an Thomas Meyers Profilfoto auf Facebook: Als dicke Biene verkleidet steht er lachend vor einem Geländewagen. Es stammt vom Burning-Man-Festival, einem der grössten und wildesten Festivals in Amerika, und ich stelle ihn mir vor, wie er als dicke Biene rumtanzt, umgeben von uns verborgenen Welten. Und wie er von ihnen angerempelt wird, ihnen nachläuft und sie für uns sichtbar macht, irgendwann dann, im Gestell mit den Schweizer Autoren. 

Friedrich Wilhelm der Erste, das ist öde Geschichte, verstaubte Vergangenheit, ein schwungloser Wikipedia-Artikel. Bei Meyer aber ist er kindischer Tyrann, verrückter Befehlshaber, schillernde Gestalt. Und beste Unterhaltung.  

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Thomas Meyer: «Rechnung über meine Dukaten», Salis Verlag 2014, ISBN 978-3-906195-13-1.

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