In der Hauptrolle: der Nebel

Nebelmaschinen sorgen auf den Bühnen normalerweise für gefällige Spezialeffekte. Beim skurrilen Theaterprojekt «Girl From The Fog Machine Factory» von Thom Luz werden sie zur Hauptsache.

Der weisse Nebel wunderbar: «Girl From The Fog Machine Factory» von Thom Luz in der Kaserne Basel lullt hervorragend ein.

Der Mann im blauen Overall hat ja völlig recht. «Wenn die Regie nicht weiterweiss, greift sie gern zu Trockeneis», sagt er. Sonderbar ist seine Aussage allerdings, weil er sie in einem Bühnenprojekt von Thom Luz macht. Oder ganz schön ironisch.

Beim grossen Meister der musikalisch-skurrilen Zwischenwelten ist die Nebelmaschine Programm. Sie ist ein unabdingbares Lieblingsinstrument für seine audiovisuellen Luftschlösser oder flüchtigen Traumbilder, die aus dem Nichts auftauchen und sich wieder auflösen.

Bei seinem jüngsten Projekt, für das sich der international gefeierte Hausregisseur am Theater Basel wieder mal in der freien Szene betätigt, dient der Bühnennebel nicht als Spezialeffekt. Er wird zur Hauptsache: «Girl From The Fog Machine Factory» heisst das Stück, und es kommen rund 25 Nebelmaschinen zum Einsatz.

Eingelullt

Das Ganze spielt in einer Nebelmaschinenfabrik, die wirtschaftlich am Rande des Ruins steht. Eine Kundin, wohl die letzte, taucht auf. Ein Mädchen, das sich von den Fabrikarbeitern musikalisch und mit vielfältigen Wolken-Demonstrationen so sehr einlullen oder einnebeln lässt, dass sie selbst Teil der verschworenen Fabrikgemeinschaft wird. Als potenzielle Käuferin geht sie dadurch aber verloren.

Diese Inhaltsbeschreibung klingt konkreter, als sich das Geschehen auf der Bühne präsentiert. Um die Erzählung einer stringenten Geschichte geht es Luz denn auch nicht. Aber um die Zwischenmomente: die Erregungszustände, die sich zur Liebe verdichten, und nicht die Liebesbeziehung an sich. Der Moment des Ablebens, und nicht der Tod.

So sprechen die Figuren auf der Bühne nur selten. Und wenn sie es tun, dann meist mehr oder weniger sinnfrei, oft gemurmelt oder durcheinander, dass man nur Versatzstücke versteht.  Die volle Aufmerksamkeit gilt der fein ziselierten Musik (mit Mathias Weibel an der Celesta und Mara Miribung am Cello), dem mehrstimmigen Gesang und eben den Nebelschwaden, den Nebelwolken, den Nebelringen, Nebelstrassen und was Nebel sonst noch alles kann.

Romantisch und witzig, sinnfrei und tiefgründig

Und dieser Nebel kann eben viel: Er kann verzaubern, faszinieren, amüsieren und natürlich einlullen. Genau so faszinierend ist, auf welch raffinierte, verschrobene und verblüffende Weise der Nebel in Form gebracht wird. Durch Röhren gestossen formt er sich zu hübschen Ringen, die sich in der Luft küssen. In Plastikfolien eingefangen und wieder losgelassen breitet er sich zum Teppich oder zur Bettdecke aus. Eingefangen von Ventilatoren türmt er sich zu Wolkenbildern auf oder hüllt abwechselnd die Spieler und das Publikum ein.

«Der weisse Nebel wunderbar», könnte man Matthias Claudius aus seinem berühmten Abendlied zitieren. «Girl From The Fog Machine Factory» ist ein wunderbarer, ein ungewöhnlicher Theaterabend, höchst romantisch und herrlich komisch, ziemlich sinnfrei und absolut tiefgründig zugleich.

Thom Luz:  «Girl From The Fog Machine Factory», am 1. Juni in der Reithalle der Kaserne Basel.

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