Kreuz und quer durch die Nacht der Museen

Es ist wieder Museumsnacht, die ganze Stadt ist auf den Beinen. Weil aber niemand alles sehen kann – wir auch nicht –, sind wir auch unterwegs im Versuch, einen Eindruck zu vermitteln.

Konfrontation im Naturhistorischen Museum. (Bild: Dirk Wetzel)

Es ist wieder Museumsnacht, die ganze Stadt ist auf den Beinen. Weil aber niemand alles sehen kann – wir auch nicht –, sind wir auch unterwegs im Versuch, einen Eindruck zu vermitteln, und berichten laufend.

18 Uhr, Münsterplatz:

Die ersten Leute setzen sich in die bereitstehenden Shuttlebusse.

18.15 Uhr, Naturhistorisches Museum:

Noch nimmt man sich Zeit, hat Platz. Kinder lassen sich durch die Dauerausstellung führen, im Bistro «Zum Walknochen» sitzen zwei Frauen. Im Treppenhaus lässt sich eine Gruppe Mädchen vor der Giraffe fotografieren – Feststimmung! Beim Rausgehen treffen wir Museumsdirektor Christian A. Meyer. Ob er die Meute erwarte? Die komme um sieben, meint er lächelnd, wie jedes Jahr.

18.40, Ausstellungsraum Klingental

Hektik? Nicht im Ausstellungsraum Klingental. Gemächlich, fast meditativ wandern Kunstinteressierte durch die Räumlichkeiten, bestaunen die im Dunkeln dreiecksförmig angeordneten Leuchtstäbe von Jan Klopfleisch: «knick-knack» heisst seine temporäre Kunstinstallation, die an die Lebensdauer der Plastikzylinder gebunden ist und Ende Abend erlischt. Noch aber taucht sie den Raum in ein gespenstisches Neonlicht und erzeugt zauberhafte Illusionen.

19 Uhr, Ausstellungsraum Klingental

Jetzt kommt Leben ins Klingental: Künstler René Faber, hinter sich sein von der Industrieästhetik von Strassenschildern und LKW-Planen inspirierter, horizontaler Farbfries, vor sich eine elektronische Gitarre, dreht am Rad seines Verstärkers, bis der ganze Raum von feinem Zirpen und Knistern erfüllt ist. Das sanfte «Rauschen» seiner gleichnamigen Performance fungiert als Bindeglied zwischen dem imaginären Strassenlärm und dem berauschenden Buffet-Angebot, wo warme Borschtsch-Suppe und eisgekühlter Wodka aufgetischt werden.
Faber ist einer von fünf Künstlern, die ab nächstem Wochenende in der Ausstellung «Back & Forth: To & Fro» ihre Werke präsentieren und heute schon einen exklusiven Einblick in ihre Arbeit geben. Kuratorin Bettina Friedli zeigt sich erfreut über die Kongruenz der beiden Events, welche die Museumsnacht zum «Teaser» macht: «Die Künstler können sich hier von einer anderen Seite zeigen, bevor wir nächste Woche mit dem Aufbau der Ausstellung beginnen.»

19 Uhr, Elaine:

Fürs hippe Elaine-Publikum ist der Abend noch zu jung. Im Ausstellungsraum ist keiner, alle Anwesenden sitzen hinten bei der Bar, trinken Bier, essen Suppe. Rauchen. MGK-Kuratorin Nikola Dietrich ist da, und auch Onorio Mansutti. Party aber gibts erst später, das Equipment steht bereit.

19.45 Uhr, Fondation Beyeler:

Obwohl abgelegen, die Fondation Beyeler zieht auch an der Museumsnacht die Massen an. In Anlehnung an ein Gemälde des Surrealisten René Magritte tragen viele Melonen auf ihren Köpfen.

19.55 Uhr, Musikmuseum

Dichtes Gedränge in den Gängen des Musikmuseums. Es ist nicht nur heiss, sondern auch laut: Denn erbarmungslos wird hier auf Geländer und Treppen eingehauen. Die «Täter»: Knapp zwei Dutzend Kinder. Die Tatwaffe: selbstgebastelte Trommelschläger in allen Farben und Formen: Mal gleichen sie Samichlausruten, mal aufgespiessten Korken- oder Kastanienmännchen. Des Rätsels Lösung: Zuoberst, im dritten Stock, dürfen die kleinen Besucher unter Aufsicht von Christine Erb und Jacqueline Stohler ihre eigenen Schlegel bauen – und wirbeln lassen. Im Gegensatz zu den ausgelassenen Jungspunden runzeln erste Elternpaare ob des Lärms schon die Stirn: Denn es steht zu befürchten, dass die soeben erweckte Trommelleidenschaft dank den eigenen Instrumenten auch zuhause noch eine Weile andauern dürfte. Vielleicht hilft es da, den Frust im Rhythmusworkshop von Thomas Weiss rauszulassen? Hier, bei «Tropfen aus dem Fluss der Zeit», darf jeder und jede selber auf Pauke, Rassel und Böckli hauen, also selber zum Drummer werden – bis aus den vielen dumpfen und knalligen Schlägen ein gemeinsamer, hypnotischer Beat wird.

20 Uhr, Kunstmuseum:

Voll ist es in den hehren Räumen, alls wollen Beckmanns Landschaften sehen. Auf der Treppe aber staut sich das Volk bereits, denn im ersten Stock zeichnet Karikaturist Nicolas d’Aujourdhui klassische Meisterwerke. Das Publikum muss raten, beim fünften Versuch klappts: Der heilige Christophorus ist dem Zeichner aus dem Filzstift entsprungen.

20.10 Uhr, zwischen Bankverein und Kunstmuseum:

Die halbe Stadt ist auf den Beinen, scheint es.

20.15 Uhr, Falknerstrasse:

Menschenleer.

21.15 Uhr, Kunsthalle:

Performance von Reto Pulfer. Nicht allen gefällts, dass der Künstler «nur» Bilder erzählerische schildert. Sie verlassen den Raum, eine ältere Dame muss gar dazwischenrufen. Das Museumsnachtspublikum scheint es nicht gewohnt, länger an einem Ort zu verweilen.

21.30 Uhr, Museum der Kulturen

Im Hof des Museums plärrt – weiss Gott warum – Schlager aus den Boxen. Drinnen: Hoffnungslos überfüllt. Menschenmassen wälzen sich langsam, aber unerbittlich durch die Gänge. Wer gegen den Strom schwimmt, respektive: eigentlich in die Gegenrichtung will, hat Pech gehabt. Auch hier findet im dritten Stock eine Performance statt: «Rap und Pekingoper» heisst die auf den ersten Blick schräge Kombination, die allerdings in der Praxis erstaunlich gut funktioniert. Der Basler MC Pyro trifft hier vor vollen Rängen auf Chinas Meister Zhu. Während ersterer Reime ins Mikrophon spuckt, wandelt letzterer das Gesagte expressiv um – und umgekehrt. Spektakulär ergänzen sich akrobatische Salti und exaltierte Grimassen, der Rhythmus der Sprache und des Körpers. Die Zuschauer sind begeistert, als Meister Zhu zu der von Pyro beschworenen Schlange wird. Schlechter ergeht es der Schlange vor dem Saal: Dutzende Besucher warten vergeblich auf Einlass.

22.30 Uhr, Haus für elektronische Künste:

Nach einer Shuttelbus-Fahrt im vollgepfropften Bus im ebenso vollen Haus voller Synthesizer angelangt. Chili con Carne essen, damit man nicht vom Stängeli fällt. Dann die Synthesizer ausprobieren. Hat ein paar lustige Leute darunter, richtige Freaks.

24 Uhr, Haus für elektronische Künste:

Noch immer versuchen sich Dutzende Synthesizer-Fans – darunter viele lokale Musiker und DJs – an den ausgestellten Raritäten. Die angestellten Aufseher haben alle Hände voll zu tun: Denn eigentlich dürften gar nicht alle Objekte angefasst werden. Trotzdem: die Stimmung ist heiter, ausgelassen gar. Auch in den benachbarten Ausstellungsräumen wird gelacht und gescherzt. Einzig im Clubraum scheint man noch aufs Aufkommen von Partyfeeling zu warten. Erst langsam tröpfeln hier die Besucher ein. DJane Eva Reed aus London spielt vor Projektionen alter Depeche Mode- und Kraftwerk-Gigs grösstenteils für sich.

02.30 Uhr, Haus für elektronische Künste:

Aus den Boxen erklingt nun endlich der verspielte Techno der «Galoppierenden Zuversicht», den weltbekannten Headlinern der Museumsnacht-Afterparty. Trotz der hochklassigen elektronischen Live-Improvisation der Zürcher Veteranen Styro und Bang Goes beginnen sich die eben noch vollen Ränge langsam zu leeren. «Super Sound – aber ich bin einfach zu k.o.», geben die meisten der sich Verabschiedenden unumwunden zu. Nach einem vollgepfropften Abendprogramm mit Abstechern in zig überfüllte Museen, nach einer Tour kreuz und quer durch Basel, mögen die Tanzbeine nicht mehr mithalten. Der Lockruf des heimischen Betts wird schlicht unwiderstehlich. Bei der Heimfahrt weist nur noch eines auf den Trubel vergangener Stunden hin: die ungewöhnlich vielen Taxis, die in der Stadt unterwegs sind.



Konversation

  1. Schade liest man nichts von den Geheimtipps wie der OpenArt. Und leider sind die meisten Passanten ohne einen Blick nach links oder rechts zu riskieren schnurstracks an den Kunstwerken vorbeigelaufen.

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