Künstler oder Koch, das ist hier die Frage

Auch Künstler müssen essen, und manchmal kochen sie sogar. Doch was? Das Basler Künstlerduo Admir Jahic und Comenius Röthlisberger hat nachgefragt und bringt nun das Buch «Artist’s Recipes» heraus – mit Rezepten von Marina Abramovic bis Maurizio Cattelan. Der Alltagstest.

(Bild: Amir Mustedanagić)

Auch Künstler müssen essen, und manchmal kochen sie sogar. Doch was? Das Basler Künstlerduo Admir Jahic und Comenius Röthlisberger hat nachgefragt und bringt nun das Buch «Artist’s Recipes» heraus – mit Rezepten von Marina Abramovic bis Maurizio Cattelan. Wir unterziehen eines davon dem Alltagstest.

Geht es ums Essen, so funktionieren Künstler wie alle anderen Menschen auch: Für die einen ist die Nahrungsaufnahme etwas rein Funktionales, für die nächsten etwas Sinnliches. Die einen kochen leidenschaftlich gerne selbst, die anderen lassen lieber kochen.

Wenn die Basler Künstler Admir Jahic und Comenius Röthlisberger sich morgens im Atelier treffen, reden sie schon vor dem ersten Kaffee darüber, was es denn am Vorabend zum Znacht gegeben habe. Ob die Bolognese-Spaghetti nach Hazans Rezept was taugen. Oder wie man scharfen Kichererbsensalat macht. Kurzum: Die beiden finden Essen grossartig und reden viel darüber.

Diese Leidenschaft hat nun zu einem Kochbuch geführt. Nicht mit eigenen Rezepten, das wäre viel zu simpel. Nein, Jahic und Röthlisberger haben andere Künstler und Künstlerinnen nach deren Lieblingsrezepten gefragt. «Mal schauen, ob sonst noch wer Lust darauf hat», dachten sie – und blicken nun auf ein dickes Buch. Denn 81 von rund 120 ausgesandten Fragebogen sind ausgefüllt zurückgekommen, Silvia Bächli hat ebenso mitgemacht wie Anish Kapoor. Aus dem kleinen Liebhaberprojekt ist plötzlich ein grosses geworden, aus einer kleinen geplanten Broschüre ein stattliches Buch, das die beiden Künstler trotzdem immer noch gänzlich selber finanzieren.

Auch zum Nachkochen geeignet

«Artist’s Recipes» ist ein Kochbuch der etwas anderen Art, von Künstlern für Künstler. Die Rezepte und ihre Gestaltung dürfen dann auch durchaus ausgefallen sein. Zwar erhielten alle denselben Fragebogen, der nach Name, Gericht, Zubereitungszeit, Zubereitung und Servierart fragte und der auch noch Raum für eine Illustration liess. Doch wie dieser ausgefüllt werden solle, das verlief nach dem Prinzip Carte Blanche. Damit wir es dann auch lesen können, haben Jahic und Röthlisberger jedem Rezept eine Transkription beigefügt.

Und so kocht Maurizio Cattelan zum Beispiel Pasta al Pomodoro, während Bob & Roberta Smith einen Fasan röstet und viel Whiskey dazu trinkt. Ryan Gander serviert «Bloody Mary Cherry Tomatoes», und Erwin Wurm lädt einen Künstler ein, der mit seiner Zunge Aprikosenmarmelade auf einem Blatt verteilt. Marina Abramovic wiederum gibt eine Anleitung zum «Spirit Cooking», und Olafur Eliasson kocht «Smoekli Potatos with Pickeld Lovage and Söl» – was auch immer das ist.

Das Buch verleitet natürlich vor allem zum Blättern, der Illustrationen wegen, die so vielfältig ausfallen, und weil jeder Künstler, jede Künstlerin in der Darstellung und Schreibweise viel über sich verrät. Bewusst oder unbewusst. Eigentlich aber muss man doch danach kochen, oder nicht? Also probieren wirs aus.

Einmal «Leipziger Allerlei», bitte!

Ich lasse mir von Jahic und Röthlisberger ein Rezept geben – aber bitte nicht zu viel Herausforderung, so meine einzige Bedingung. Denn ich will das Rezept auf seine Alltagstauglichkeit hin testen.

Dasjenige von Tobias Rehberger also, meinen sie: «Leipziger Allerlei».




Tobias Rehbergers Kochanleitung, in Originalschrift.

Klingt einfach – doch beim Überfliegen schon stosse ich auf die erste Schwierigkeit, und betreffend Alltagstauglichkeit des Rezeptes melden sich leise Zweifel: «Wo zur Hölle kriege ich Flusskrebse her?», rufe ich aus. Googlen bringt wenig, ausser der Information, dass es die Dinger tiefgekühlt in der Ikea gibt. Nun gut. Muss ja noch andere Wege geben.

Auf in den Globus, denn wenn die nicht weiterwissen, schmeiss ich den Kochlöffel gleich in die Ecke. Sie wissen weiter, ich könnte ganze Krebse bestellen. Tiefgefroren und «à la Nage», was so viel heisst wie «im Sud». Lieber aber kauf ich sie gleich geschält, einerseits weil sie die vorrätig haben – andererseits vor allem auch aus ethischen Gründen, weil das mit dem Töten der Tiere problematisch ist, und so ein geschälter Flusskrebs ja keine schön rote Schale haben muss, die er nur kriegt, wenn man ihn lebendig ins kochende Wasser schmeisst. Kurz überlege ich mir sogar, ob ein vegetarisches «Leipziger Allerlei» ein Ausweg aus diesem Dilemma wäre…

Ich lasse mir aber doch ein Plastikschälchen mit Krebsfleisch füllen, und aus dem Regal daneben schnapp ich mir ein Döschen Krebsbutter. Den Rest gibts zum Glück überall, abgesehen von den Semmelknödeln, die ich kurzerhand durch Frühkartoffeln ersetze. Schmeckt mir eh besser. Und weil es grad keinen frischen Kerbel gibt, muss glatte Petersilie herhalten.




Voilà, alles bereit. (Bild: Karen N. Gerig)

Zu Hause wird erst mal alles auf den Tisch gestellt. Dabei merke ich, dass beim Rezept jegliche Mengenangaben fehlen – da zeigt sich der Unterschied zum handelsüblichen Kochbuch. Ein bisschen Improvisation muss also sein.




Die Krebsbutter löst sich. (Bild: Amir Mustedanagić)

Das Kochen aber gestaltet sich recht einfach. Gemüse putzen und schälen, ab in die Gemüsebrühe, knackig kochen. Dann in den Ofen zum Warmhalten. Eine Mehlschwitze bereiten, Krebsbutter rein. Bloss wie viel? Ich versuchs mit zwei Teelöffeln, und plötzlich sieht die Sosse aus wie Kürbissuppe.

Wein, Rahm, Salz und Pfeffer rein und es schmeckt okay, die (mir bislang unbekannte) Krebsbutter hat einen leicht süsslichen Geschmack, weshalb ich auf den Zucker, der im Rezept steht, verzichte.




Krebse und Morcheln im Butterbad. (Bild: Amir Mustedanagić)

Und dann noch die Morcheln und die Krebse in Butter schwenken. Anrichten, und fertig ist der Zauber. Sieht sehr ansprechend aus, obwohl die ganzen Krebse fehlen, die Tobias Rehberger gezeichnet hat.




Noch anrichten, und fertig ist’s! (Bild: Amir Mustedanagić)

Wies geschmeckt hat? Sehr gut. Allerdings trotz des vielen Gemüses relativ schwer, was an der gehaltvollen Sauce liegt. Zu meinem Leibgericht wird es deshalb nicht reichen. Vielleicht muss ich noch ein anderes Rezept ausprobieren…

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Das Buch «Artist’s Recipes» wird am Mittwoch, 17.6., um 19 Uhr abends im Volkshaus Basel vorgestellt. Vorbestellen kann man es bereits auf der Website des Verlags Bolo Publishing.
Ab Donnerstag, 11.6., 18 Uhr, präsentieren Admir Jahic und Comenius Röthlisberger in der Galerie Idea Fixa neue Arbeiten.

Interpretation vom Spitzenkoch
Alltagstauglichkeit ist das eine – doch was macht ein Spitzenkoch aus einem Künstler-Rezept? Thierry Boillat (Stucki) wird für uns Roger Ballens Glace (vgl. Bildstrecke) testen. Das Resultat lesen und sehen Sie in ein paar Tagen.

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