Land unter im Paradies

«Der Park», Gabriel Vetters Abgesang auf die Schweiz der Zukunft als reine Simulation, als pseudo-idyllischer Rückzugsort für Reiche, feierte am Freitag am Theater Basel Premiere – und wurde von den Zuschauern zu Recht euphorisch bejubelt.

Theater Basel / Der Park / Paul Grill, Martin Hug, Joanna Kapsch, Jan Viethen (Bild: Simon Hallström)

«Der Park», Gabriel Vetters Abgesang auf die Schweiz der Zukunft als reine Simulation, als pseudo-idyllischer Rückzugsort für Reiche, feierte am Freitag am Theater Basel Premiere – und wurde von den Zuschauern zu Recht euphorisch bejubelt.

Dass Gabriel Vetter ein speziell heller Kopf ist, hat sich mittlerweile landläufig herumgesprochen. Nicht nur, weil der heute 30-Jährige bereits vor einem Jahrzehnt damit begann, restlos alles abzuräumen, was im deutschsprachigen Poetry Slam an Preisen und Auszeichnungen zu gewinnen war (inklusive dem prestigeträchtigen Salzburger Stier).

Nein, Vetter hat sich mittlerweile einen Namen als «Comedian» oder Kabarettist (u.a. als Gag-Schreiber für Giacobbo/Müller), als Publizist, Kolumnist und Radiomacher gemacht, sowie mit witzigen Fernsehauftritten ins nationale Gedächtnis eingeschrieben. Kein Wunder also, dass das Theater Basel mit der Verpflichtung des Wahl- oder zumindest Teilzeitbaslers als «Hausautor» vor dieser Saison einen veritablen Coup landete.

Trotzdem mahnte manch besonnene Stimme zu Recht zur Vorsicht: Denn auch wenn es bei beiden Gebieten im engeren Sinne um Performance geht – die dramaturgische Arbeit als Theater-Autor lässt sich nur bedingt mit Vetters bisherigen Tätigkeitsfeldern gleichsetzen.

So blieb es der eigenen Interpretation überlassen, ob man den Jobwechsel als Aufstieg eines ambitionierten Spassvogels in die Welt der Ernsthaftigen und Etablierten verstand, oder hoffte, Vetter möge etwas frischen Wind, genauer: seinen gelassen-bodenständigen Humor, seinen scharfen, satirischen Blick und die Fabulierlust im Umgang mit Sprache in die oft etwas angespannte bis überdrehte Welt der Dramatiker einbringen.

Jenseits der Schmerzgrenze: Akustisch wie inhaltlich

Nun, kurz und schmerzlos: Beide Hoffnungen haben sich mit seinem ersten Stück «Der Park» mehr als erfüllt. Eines der wenigen Ärgernisse während der längst ausverkauften, freitäglichen Premiere war der Lärmpegel auf der Kleinen Bühne, der einerseits dank extensiver musikalischer Untermalung durch Gesang und Schlagzeug andererseits durch einige der in gegenwärtigen Inszenierungen scheinbar obligatorischen Schrei- und Raufmomente immer wieder mal übers Erträgliche hinausschnellte. Vor allem aber beim stürmischen Schlussapplaus, der von soviel Bravo- und Jubelschreien begleitet wurde, dass manch ältere Besucher sich entnervt die Ohren zu hielten.

Natürlich ist «Der Park» trotzdem noch nicht ganz perfekt und trägt in der Versuchsanordnung sowie deren inszenatorischer Umsetzung (Regie: Simon Solberg) einige kleinere «Kinderkrankheiten», also dramaturgische Schwächen und Ungereimtheiten oder riskante Manöver und Fallstricke in sich.

Zuallererst etwa die im Anschluss heiss diskutierte Frage, ob eine derart konkrete Verhandlung eidgenössischer Eigenarten es verträgt, dass deren typisch schweizerische Charaktere mehrheitlich von (hoch-)deutschsprachigen Mimen gespielt werden (man kann getrost geteilter Meinung darüber sein). Aber auch, ob eine etwas gesucht wirkende Liebesgeschichte in diesem dystopischen Panoptikum der Alpenrepublik überhaupt nötig sei, und wieso Charakterzüge oder biografische Details der Figuren teils noch etwas allzu sprunghaft und widersprüchlich skizziert sind. 

Die Schweiz als simulierter Ballenberg

Aber all diese zaghaften Versuche, das Stück mit adäquater kritischer Distanz zu rezensieren, schlagen ultimativ ins Leere. Denn grundsätzlich ist Vetter mit «Der Park» ein grosser, ja geradezu kühner Wurf gelungen. Die Parabel von der Schweiz als Simulakra, eine Nation, die sich als Reaktion auf den Sturz des restlichen Europas in Armut und Chaos ins praktisch-psychologische Reduit zurückzieht und in einen Nationalpark im Sinne einer ‚Suisse Miniature‘, oder in einen ewigen Ballenberg verwandelt: Ein Erholungsgebiet für Luxustouristen, die den von der Bevölkerung gemimten vermeintlich ‚authentischen‘ Schweizer Schoggi-, Ski- und Fondue-Alltag für bare Münze nehmen und nostalgisch auf eine scheinbar ‚intakte‘ Tradition und einfache Lebensweise zurück blicken – eine Idylle, die aber zunehmend zur Schicksalsfrage fürs Volk wird, und nur unter grosser Anstrengung und chamäleonartiger Anpassungsfähigkeit aufrecht gehalten werden kann.

Vollends zu überschlagen beginnen sich die Ereignisse mit zwei dramatisch ins ‚falsche‘ Bewusstsein eindringenden, fremden Fötzeln: Einer ob all der Lieblichkeit unbeeindruckter, wichtiger weiblicher Gast (Joanna Kapsch) rüttelt das Beziehungsgefüge von Patron Nippes (herrlich bösartig: Martin Hug) und seinen Mitarbeitern ordentlich durch, während ein unerlaubt aus dem Norden eingewanderter ‚Biber‘ (Özgur Karadeniz) die Chalet-verkleidete Idylle löchrig werden lässt, und von allem Flehen unbeeindruckt seine Berufung zum Staudamm-Bauer in Realität verwandelt.

Ein Staudamm, der durch seine absehbare Implosion nun droht, alles Leben im kalkuliert-konstruierten Klischeeland zu vernichten. Doch der findige Patron Nippes wäre kein typischer Schweizer, wenn er nicht auch diese katastrophale Krise zur Chance fürs Land umdeuten und sich mit seinen Feinden arrangieren würde – bereit, sein Lebenswerk fürs eigene Wohlergehen zu opfern, oder schliesslich sogar im Opfer selbst die Erlösung zu entdecken. Doch am Ende, als das Beben der brechenden Dämme die Ordnung implodieren lässt, kommt doch noch alles anders.

Emil, Frisch und Dürrenmatt in zeitgemässem Gewand

Vetters Stück ist die brillante Verknüpfung eines dystopischen Szenarios einer (leider nicht allzu) fernen Zukunft mit einem unbestechlichen und unbarmherzigen Blick auf typische, wenig rühmliche Schweizer Eigenarten und Verhaltungsweisen, die er zu einer brüllend komischen, schwarzhumorig-satirischen Parabel zusammenbraut, die von Anfang bis Schluss durchgehend zu unterhalten, amüsieren und fesseln vermag, aber gleichzeitig stets auch offen politisch Farbe bekennt.

Fantastisch kreativ und voller Fabulierlust siedelt sich Vetter irgendwo zwischen legendären Sternstunden typisch schweizerischen Humors, zwischen Emils Schweizermacher, der Absurdität eines ‚Beresina‘ und Giacobbos Polit-Satire ein, und verbindet die scharfe Beobachtungsgabe eines Meienberg mit dem kritischen Impetus eines Max Frisch, zuallererst allerdings an die bis heute unübertroffene Ikone der Schweizer Literatur gemahnt: An den genialen Querkopf Friedrich Dürrenmatt.

Eines ist sicher: Hätte dieser von ennet seines Gartenhags dem Geschehen in «Der Park» beiwohnen dürfen, er wäre angesichts dieser zeitgemässen Interpretation sicherlich begeistert gewesen. Das Basler Premierenpublikum war es auch und überschüttete die Inszenierung im Anschluss förmlich mit Dankesbezeugungen und Gratulationen – und das zu Recht.

Rechtmässiger Erbe eines lange verwaisten Throns

Vetter selbst ist zu wünschen, dass er sich schon bald neue, noch grössere Ziele zu stecken vermag, um von der Hoffnung der Slam-Poetry- zur Hoffnung der Schweizer Autoren- und Theaterszene mutieren, und den lange unbesetzten Thronfolgerplatz der grössten intellektuellen Ikonen dieses Landes mit der ihm eigenen, gelassen-humorvollen Bodenständigkeit zu beanspruchen.

Uns restlichen, normalsterblichen Durchschnittsbürgern bleibt dagegen nur, sich des bis-zum-Hals-stehenden Wassers der eigenen Nation gewiss zu werden und konstruktivere Schlussfolgerungen daraus zu ziehen als Vetters Protagonisten dies tun.

Weitere Aufführungen: 19.04., 22.04., 25.04. auf der Kleinen Bühne des Theater Basel.

 

 

Quellen

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