Letzter Liebesakkord

Wer nach «Amour» nicht gleich aufspringt, muss kein Sitzenbleiber sein.

Was bleibt im Angesicht des Todes von Georges’ Liebe zu Anne (Emanuelle Riva)? (Bild: zVg)

Wer nach «Amour» nicht gleich aufspringt, muss kein Sitzenbleiber sein.

«Amour» fällt mit der Tür ins Haus. Mit Gewalt verschafft die Feuerwehr sich Zutritt. Hinter der nächsten Türe liegt eine Tote, im fahlen Blumenbett. Der Tod scheint für die Eindringlinge kein Alltagsgeschäft. Das ist ein Prolog, der bereits den ganzen Film umreisst. Die ersten Einstellungen des Films dauern, wie alle anderen bei Michael Haneke, gerade lang genug, um uns zu erlauben, die Einstellung des Autors zu seiner Geschichte zu lesen.

In gelassenem Schnitttakt folgt die Vorbereitung eines Konzertbesuchs: Im Zuschauerraum eines Theaters sitzt uns ein Publikum gegenüber, das, erst aufgeräumt, dann gespannt, dann gebannt, uns so lang entgegenschaut, wie wir ihm alle auch entgegenschauen, bis es fast magisch verklärt verstummt – im ersten Klavier-Akkord, der auch ein Schlussakkord sein könnte.

Der Österreicher Michael Haneke untersucht in jedem seiner Filme auch das Wesen der Gewalt, seziert sie jedoch immer auf der Suche nach ihrem Gehalt. Er erweist sich auch mit «Amour» erneut als ihr Meister. Hier ist es die Liebe, die zur Gewalt reift und im Liebesakt endet, der ein Gewaltakt ist. Unendlich poetisch ist die Einstellung, die ihm folgt: Der alte Mann schneidet den Blumen die Köpfe ab, Kopf um Kopf. Da wissen wir bereits, dass er sie übers Totenbett streuen wird.

Haneke setzt mit jedem Film Grenz­steine. Mit jedem Film überrascht er uns, was umso mehr überrascht, als wir dies ­bereits erwarten: Wie schafft er es? Still, höchst wachsam folgt er seinen Schauspielern, schreibt für Trintignant ein Drehbuch, der bei Bertolucci, Truffaut, Kieslowski das Autorenkino geprägt und sich dann vom Film verabschiedet hat, verheiratet ihn mit Emanuelle Riva, die in «Hiro­shi­ma, mon amour» Kinogeschichte schrieb, und er bleibt Isabelle Huppert treu: Sie spielt die Tochter des alten Liebespaares.

Bei aller unaufgeregten Reduktion aufs Wesentliche ist «Amour» nicht nur ein leicht zugänglicher französischer Liebesfilm. Er fordert uns auch heraus: Meisterwerke brauchen Meisterzuschauer. Lassen Sie sich von «Amour» dazu machen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 05.10.12

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