Manch Totgeglaubter steht wieder auf

Wenn der Samichlaus zweimal klingelt – eine Weihnachtsgeschichte der anderen Art.

(Bild: Anja Kofmel)

Wenn der Samichlaus zweimal klingelt – eine Weihnachtsgeschichte der anderen Art.

25. Dezember, halb neun Uhr abends, es klingelt an der Tür. Ich sitze in der Küche und esse Spaghetti mit Senf. Aus Protest. Gegen Weihnachten. Es ärgert mich, dass ich überhaupt weiss, dass heute Weihnachten ist. Da beginnt doch im Grunde das Übel. Und es ärgert mich, dass es jetzt zum zweiten Mal klingelt. Hat jemand keine Kerzen? Oder brennt das Haus? Mürrisch öffne ich die Tür. Da steht ein Sami-chlaus. Oder ein Weihnachtsmann. Oder ein Santa Claus. Oder was weiss ich. Bleiben wir heimisch und ­sagen Samichlaus. Ausgerechnet an Weihnachten. Welch eine grossartige Überraschung. Ein Klabautermann oder ein Zyklop wären aufregender.

Aus dem Bart rieselt leise der Schweiss

Der Samichlaus ist zwei Meter gross, ein Meter breit und trägt das klassische Kostüm: eine rote Kutte mit weissem Rand, eine entsprechende Mütze, schwere Stiefel und im Gesicht ein wattiger Bart. Er schwitzt. Aus dem Bart rieselt leise der Schweiss, er keucht und öffnet den Mund. Er will etwas sagen, kann aber nicht. Er stützt sich am Türrahmen ab und schaut mich an. Ich schaue ihn an. Es geschieht länger nichts. Er schwankt. Ich sage: Hier hat es keine Kinder, oben sind Kinder.

Er japst und verliert das Gleichgewicht. Ich sehe ihm dabei zu. Ich hoffe, er fällt rückwärts in das Treppenhaus. Doch er fällt vorwärts in meine Wohnung. Die Küchenuhr tickt. Ich schlies-se die Tür. Wegen den Nachbarn. Ich betrachte den am Boden liegenden roten Brocken. Er sollte ein Glas Wasser trinken. In meinem Gang zu liegen, ist sicher falsch. Der Mann gehört in einen Sessel. Ich schleife den Störefried ins Wohnzimmer und hieve ihn in einen Sessel. Jetzt schwitze ich, er aber kippt zur Seite. Ich tätschle ihm die Wangen und sage: Hallo. Er macht keinen Wank, keucht nicht mehr und schwitzt nicht mehr. Er ist tot.

Nichts überstürzen bei Todesfällen

Ärger, sagt ein Gedanke. Drei Minuten warten, sagt ein anderer Gedanke. Nichts überstürzen bei Todesfällen. Manch Totgeglaubter steht wieder auf und überlebt seine Trauergemeinde um Jahrzehnte.

Ich gehe in die Küche und schaue dem Sekundenzeiger drei Runden lang zu. Da höre ich ein dumpfes Geräusch. Er ist aus dem Sessel gefallen. Aber immer noch tot. Immerhin. Ich ziehe ihn in den Sessel zurück. Leichen haben einen Hang zur Flucht. Ich prüfe Puls und Atem. Kein Zweifel. Ich suche ein Wort und finde Zuständigkeit. Wem gehört dieser Samichlaus? Er muss abgeholt werden. Hat er einen Ausweis? Ich knöpfe seine Kutte auf. Darunter wird er etwas Ziviles ­tragen. Tut er aber nicht. Er trägt auch keine Unterwäsche und die Kutte hat weder Innen- noch Aussentaschen. Ich gehe in die Küche. Ein unidentifizierbarer Samichlaus ist kein Weltuntergang. Ruhe bewahren, Radio einschalten. Einer behauptet, Melchior habe das Gold gebracht, Balthasar den Weihrauch und Kaspar die Myrrhe. Radio wieder ausschalten. Ich schaue zum Küchenfenster hinaus. Im Halteverbot steht ein Schlitten mit vier Rentieren. Also doch kein Sami­chlaus, eher ein Weihnachtsmann. Womöglich ein Ami. Im Wohnzimmer tut sich etwas. Ich höre ein Rascheln. Sind Leichen nur dann tot, wenn wir sie im Auge behalten? 

Ich muss einschreiten und dem Leichnam Einhalt gebieten. Vorsichtig schleiche ich ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsmann sitzt unverändert im Sessel. Gemeinsam mit Toten erlebt man die tollsten Sachen. Ich stelle mich in den Türrahmen und schaue ihm beim Totsein zu. Plötzlich nervt mich sein Kostüm. Dieser Mensch begeht nicht nur die Frechheit, hier derart unverfroren in meine Wohnung hineinzusterben, nein, er tut das auch noch weihnächtlich kostümiert. Ich frage mich, wie das nun weitergehen soll, worauf der Weihnachtsmann wiederum aus dem Sessel fällt. 

Manchmal kann er nicht, der Weihnachtsmann

Jetzt nervt mich auch der Sessel. Unglaublich. Was ist das für ein dummer Sessel? Ausserstande, einen toten Weihnachtsmann zu beherbergen. Doch genug geklagt. Es liegt an mir, etwas Schwung in die Sache zu bringen. Ich hole meine Säge und zersäge den Sessel. Ich schwitze wieder.

Wenig später liegen zerfetzte Polster und ein paar Holzscheiter neben dem Weihnachtsmann auf dem Wohnzimmerboden. Ich sammle die Holzscheiter zusammen und gehe in den Hof. Dort lege ich sie auf einen Haufen und zünde sie an. Eine angenehme Wärme fährt mir in die Knochen.

Nach einer Weile kommen drei Kinder in den Hof. Sie sind in dicke Jacken gepackt und schauen mich traurig an. Ich frage sie, was los sei. Der Weihnachtsmann ist nicht gekommen, sagt das Älteste von ihnen.

Ja, ja, manchmal kann er nicht, murmle ich und lege meine Arme um die Kinder. Gemeinsam schauen wir ins Feuer. Ich beginne leise zu summen. Die Kinder steigen darauf ein. Wir singen zusammen Stille Nacht, Heilige Nacht. Die Augen der Kinder leuchten.

 

  • Matto Kämpf (*1970) lebt als ­Autor, Film- und Theatermacher in Bern. Seine «Tiergeschichten» und sein Krimi, ein sprachliches Kleinod namens «Krimi», sind im Luzerner Verlag «Der gesunde Menschen­versand» erschienen.
  • Anja Kofmel (*1982) ist als Animationsfilmerin und Illustratorin tätig und arbeitet aktuell an einem von Dschoint Ventschr produzierten Langfilm. Ihr Kurzfilm «Chrigi» wurde mehrfach ­ausgezeichnet.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 23/12/11

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