Opulentes Barock-Zirkusmahl

Aufwändige Choreographie, barocke Fülle und Perfektion bis ins Detail verknüpft der Cirque Du Soleil in seinem jüngsten Schweizer Programm «Corteo» mit unaufgeregt grossartiger Zirkusakrobatik. Die Mischung ist ein hinreissendes Spektakel ohne einen einzigen Augenblick langer Weile.

Schwebende Engel und ein radfahrender Clown (Bild: Marie-Reine Mattera / Cirque du Soleil)

Aufwändige Choreographie, barocke Fülle und Perfektion bis ins Detail verknüpft der Cirque Du Soleil in seinem jüngsten Schweizer Programm «Corteo» mit unaufgeregt grossartiger Zirkusakrobatik. Die Mischung ist ein hinreissendes Spektakel ohne einen einzigen Augenblick langer Weile.

Zwei «Mongolen» liefern sich einen erbitterten Schaukampf mit ihren meterlangen Haarzöpfen; sie lassen sie um ihre Häupter kreisen und springen und hüpfen in rasendem Wirbel über die eigenen und des Gegners Haare. Das ist keine Szene aus dem neuen Schweizer Programm «Corteo» des «Cirque Du Soleil», sondern aus einer Vorstellung anfang der neunziger Jahre, als die Kanadier am Anfang ihres kometenhaften Aufstiegs standen. Sie ist mir in Erinnerung geblieben, weil sie so einfach wie faszinierend, noch nie gesehen und in der Inszenierung zugleich meilenweit entfernt vom traditionellen «Manegenzirkus» war.

Was der zum Mega-Unternehmen angewachsene kanadische «Cirque Du Soleil» seit der Première vom Donnerstag, 6. September 2012 in Zürich und später auf Tournee in Deutschland zeigt, steht dem Eindruck aus den 90er-Jahren in nichts nach. «Corteo» des Schweizer Intendanten und Regisseurs Daniele Finzi Pasca ist in der Rahmenhandlung eine fröhliche «Begräbnisprozession» von barocker Fülle, in deren Zentrum nach wie vor artistische Stücke von atemberaubender Perfektion stehen. Zugleich aber wird das opulente Mahl komplettiert mit bisweilen clowneskem Spektakel, leisen, poetischen Momenten, einem Hauch Erotik und der hinreissenden und zugleich stilistisch vielfältigen Live-Musik.

Trapezakte an Kronleuchtern

Ein Clown stellt sich sein Begräbnis vor und lässt die bunten Momente seines Lebens vor sich passieren. Das Rahmenstück bietet Möglichkeiten für schwebende Engel en masse, anmutige Artistik, für Liebes- und Ulk-Szenen und pure Groteske. Die typischen  Zirkusakte werden dabei gerade soweit verfremdet, dass eine zusätzliche Dimension sie aufwertet: Trapezakte an riesigen Kronleuchtern, Trampolinnummern auf gigantischen Betten in einem Kinderzimmer; Hochseil-, Sprungbrett-, Massenreck- und Jongleurtruppen sind locker in die Prozession eingebunden und können dennoch jeweils eine ganz andere Stimmung ins gigantische Zelt bringen.

Ein Rezept des Cirque Du Soleil, das sowohl in den jährlich neuen Zelt-Programmen weltweit als auch in den grossen Shows in Las Vegas zu beobachten ist, besteht im permanenten Einbezug fast aller beteiligten Artisten: Neben ihren eigentlichen Kunstakten wirbeln sie als Begleitclowns, Pantomime-Pferdchen oder Schwebende Engel fast ständig während der kaum wahrnehmbaren Umbauszenen auf der Bühne und in den Zuschauerrängen herum. Wie in der Rockmusik die «Wall of Sound» eine neue Dichte kreierte, lässt der Cirque Du Soleil so einen Trommelwirbel an kleinen und grossen Sehenswürdigkeiten entstehen, dass man als Zuschauer kaum mehr weiss wo hinschauen: Es passiert immer irgendwo etwas, oft auch an zwei oder drei Stellen im Zelt gleichzeitig.

Zwerge und tote Hühner

Dabei gelingt es auch, die Groteske, um nicht zu sagen die «Freakshow» des traditionellen Zirkus in einer poetischen Form mitzubringen: Das kleinwüchsige Artistenpaar in «Corteo» wird derart liebevoll und ausdrucksstark in die Szenerie eingebunden, dass man sich als Zuschauer nie in die Rolle des Voyeurs versetzt fühlt, sondern ob dem vergnügten Piepsen der kaum 50 Zentimeter grossen Artistin, die in einer Szene an grossen Heliumballons durch den Zuschauerraum gestubst wird, in moralinfreie Verzückung geraten darf.

Im nächsten Zwischenstück sorgt ein sprechender Golfball in der Bühnemitte für Schenkelklopfer-Klamauk, und der Artist, der auf seiner frei stehenden Leiter nach einem über ihm schwebenden Engel hascht, wird während der gesamten Nummer von zwei mechanischen Lämpchen-Robotern umrollt, geneckt und beleuchtet, die an die Tischlampe im Vorspann von Pixar-Trickfilmen gemahnen. Mal läuft eine Reihe Schuhpaare zusammenhanglos durch die Szenerie, dann regnet es tote Hühner aus der Zeltkuppel, und irgendwann läuft der Kopf – nur der Kopf – des einen Pantomimenpferds auf den Beinchen des kleinwüchsigen Pferdedompteurs über die Bühne.

Das Herz in diesem fellinihaften «Corteo» ist die Mischung aus Einfachheit der Artistik, gepaart mit der aufwändigen Perfektion der Technik und der opulenten Inszenierung. Der Cirque Du Soleil gibt sich nie mit einem Hingucker zufrieden. Wenn Artisten im Cyr Wheel (einem simplen, mannshohen Reifen, der Bewegungen und Tricks weit jenseits des bekannten Rhönrads erlaubt) auf der Bühne herumrollen, dann entweder in atemberaubendem Tempo oder gleich zu fünft in herzstockendem Durcheinander. Wenn dagegen eine einzelne Künstlerin am Schwebeband aus der Kuppel herunter gleitet, wird das komplexe System der Umlenkrollen, an denen sie hängt, als Kunstwerk in sich selbst und als bestaunenswertes Requisit ganz bewusst ins Blickfeld gebracht.

Musik von Oper bis Klezmer

Zumeist tritt die Technik in den Hintergrund, und ihr Einsatz unterstützt den Augenschmaus, ohne ihn zu konkurrieren. Trotzdem ist jedes Detail festgelegt: Die drehbare Bühne im zweigeteilten Zelt weist als Bemalung ein Kreis-Labyrinth auf, das jenem aus der Kathedrale von Chartres nachempfunden ist; die Körbe für die Beleuchter an den vier Hauptmasten des Zelts wirken wie Jugendstil-Kanzeln und werden unaufdringlich einbezogen, die mit einer barockszene bemalten Vorhänge beiderseits der Bühne sind durchscheinend und mal geschlossen, mal hochgerollt.

Der Zirkus-Abend (mit einer halbstündigen Pause zum Abverkauf der unzähligen Merchandise-Artikel in den Vorzelten) ist zwar geprägt von den artistischen Filet-Stücken der Darsteller, aber dem Schweizer Regisseur Daniele Finzi Pasca ist es wohl zu verdanken, dass deren Vielfalt und die Stilwechsel (auch in der Musik: Von der Oper über südamerikanische Rythmen bis zu Klezmer steckt alles in der live gespielten Begleitung drin) die Vorstellung nicht auseneinanderbrechen lassen, sondern zu einem Gesamterlebnis zusammenschweissen.

Das Premierenpublikum jedenfalls war hin- und von den Stühlen gerissen. (Spieldaten, Tickets und weitere Informationen siehe Artikel-Rückseite)

Quellen

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