Paris, New York? Basel zeigt Original-Plakate!

Werner Röthlisberger besitzt eine von weltweit zwei vollständigen Sammlungen von Picassos Original-Plakaten – und zeigt diese nun einer breiten Öffentlichkeit. Heute Abend ist Vernissage in der Galerie am Spalenberg.

Galerist Werner Röthlisberger arbeitet nur noch aus Leidenschaft. (Bild: Nils Fisch)

Werner Röthlisberger besitzt eine von weltweit zwei vollständigen Sammlungen von Picassos Original-Plakaten – und zeigt diese nun einer breiten Öffentlichkeit.

Es bleibt immer nur ein Plakat hängen. Das ist so – und wird immer so bleiben: Da kleben etliche Plakate an einer Wand an der Strasse, der Betrachter merkt sich aber automatisch nur eines. Mehr Platz gibt es nicht auf der menschlichen Festplatte im Hirn.

Was also tut ein Künstler, der mit Plakaten auf eine Ausstellung aufmerksam machen will? Er stellt Kunst her. Kunst, die auffällt. Dann kann es sogar passieren, dass sein Ausstellungsplakat irgendwann in einem Rahmen in einer Stube fernab von Abgasen und Regen hängen bleibt. Und nicht zerrissen und entsorgt wird, wenn die Ausstellung vorbei ist.

Plakate entstanden aus der Not

So weit dachte Pablo Picasso allerdings nicht, als er nach dem Zweiten Weltkrieg begann, seine Ausstellungsplakate von der Skizze bis zum Druck selber zu produzieren. Das heisst: Er fertigte die jeweiligen Druckplatten selbst an und niemand änderte sie danach ab. Unter anderen Umständen hätte er diese Arbeit nebst der täglichen Kunst höchstwahrscheinlich nicht auf sich genommen.

Doch die Umstände an der südfranzösischen Küste, wo Picasso damals lebte, zwangen ihn dazu: Weit und breit gab es kein lithografisches Ate­lier. Plakate mussten dennoch her, denn Werbung war damals schon wichtig.

Schätze aus staubigen Estrichen

Ob diese Grafiken danach – wie die meisten Werbeplakate – im Abfallsack landen würden, spielte keine Rolle. Noch war bei Plakaten, die vom Künstler allein hergestellt wurden, nicht von «Original-Grafiken» die Rede. Der Kunstwelt war es ziemlich egal, ob da noch ein Lithograf seine Finger im Spiel hatte. Werbung war Werbung, Kunst war Kunst. Erst in den Sechzigerjahren beurteilten Kenner die Lage neu und schrieben solchen Plakaten einen hohen künstlerischen Wert zu.

Eine späte Einsicht, wenn man bedenkt, dass Picasso seine ersten Original-Grafiken bereits in den Vierzigerjahren herstellte und sich in den darauffolgenden Jahren kaum jemand darum bemühte, möglichst viele Exemplare zu erhalten. Einige überlebten dennoch in irgendwelchen staubigen Estrichen, wenn auch nur zufällig.

Ausgleich zur Technik

Als Picasso 1973 starb, besass der heute 70-jährige Basler Werner Röthlisberger zwar bereits einige Plakate von ihm, auch solche von Zeitgenossen wie Braque und Matisse. Das Bewusstsein, dass zwischen Originalen und Nicht-Originalen unterschieden werden muss, fehlte Röthlisberger jedoch noch. Für ihn war die Kunst «ein Ausgleich zur Technik», die für ihn mit seinem Geschäft für computergesteuerte Werkzeugmaschinen Alltag war. Damals hätte sich Röthlisberger noch vorstellen können, später einmal eine alte Garage zu übernehmen und Oldtimer zu restaurieren.

Fest stand für ihn aber immer: «Mit 50 arbeite ich nicht mehr, um Geld zu verdienen, sondern nur noch aus Leidenschaft.» An eine Galerie dachte er trotz seiner immer grösser werdenden Kunstsammlung nicht. «Die Bilder stapelten sich hinter dem Sofa, weil wir keinen Platz an den Wänden mehr hatten.» Das wussten auch die Galeristen Werner und Erna Breitmaier – und boten Röthlisberger an, ihre Galerie und das Rahmen­atelier am Spalenberg zu übernehmen.

Es fehlten noch vier Plakate

Ein Wunsch hatte sich Röthlisberger mit dem Entscheid, «Arbeiter» aus Leidenschaft und nicht mehr Geschäftsmann zu sein, erfüllt. Er konnte es sich leisten: Mit seinem Geschäft hatte er während Jahrzehnten genug Geld verdient, um sich seine Existenz langfristig zu sichern. Als Galerist spezialisierte er sich auf Plakate, tauchte tief in die Kunstwelt ein – und hegte bald einen neuen Wunsch.

Es war der Wunsch, nebst dem Kunstmuseum im deutschen Heidenheim über die weltweit einzige vollständige Sammlung der 55 Original-Picasso-Plakate zu verfügen. Die Zahl 55 ist dokumentiert im Werkverzeichnis von Christoph Czwiklitzer, das als Bibel unter Picasso-Kennern gilt.

Werner Röthlisberger hatte Glück: Ein befreundeter Sammler bot ihm 51 der begehrten Plakate aufs Mal an, Das forderte Röthlisberger heraus: Es fehlten noch vier. Die Suche begann. Sie führte ihn um den ganzen Globus.

55. Grafik lag in Basler Tresor

Allerdings bestand diese Weltreise nicht aus Besuchen in fremden Estrichen, sondern fand vorwiegend virtuell statt. Als inzwischen anerkannter Galerist teilte Röthlisberger seinen Berufskollegen mit, wonach er suchte. Einmal war er mit seiner Frau auf einer Ferienreise in Spanien, als ihn ein Sammler aus Hamburg anrief und ihm von einer Auktion in New York erzählte, an der eines der gesuchten Plakate versteigert werde.

«Was willst du ausgeben?», fragte der Hamburger. «Egal, kauf es!», sagte Röthlisberger. Der Mann insistierte, wollte einen Höchstbetrag hören. «Ich würde mein Auto dafür verkaufen», antwortete Röthlisberger. Wenige Wochen später kam das Plakat mit der Post in Basel an. Es fand den Weg in den ersten Stock der Galerie oben am Spalenberg, wo die anderen Plakate bereits hingen. Jahrelang fehlte nur noch ein Exemplar. Und dieses fand Röthlisberger ausgerechnet in Basel.

Ein Kunstsammler erzählte ihm, dass er bereits über die komplette Sammlung verfüge und diese in einem Safe der Credit Suisse aufbewahrt habe. Röthlisberger bot dem Mann an, die ganze Sammlung zu kaufen. Der Mann wollte nicht. Bis er ein Jahr vor seinem Tod schliesslich doch einwilligte und Röthlisberger die Sammlung verkaufte. Womit auch dieser Wunsch in Erfüllung ging.

Aggressiver Vogel für Frieden

Röthlisberger verfügt zum Teil über mehrere Exemplare des gleichen Plakates. Ihm reicht aber ein Exemplar von jedem der 55 Grafiken. Den Rest verkauft er. Geschichten weiss er über jedes Bild zu erzählen. Eine hängt mit einem Plakat zusammen, das kein Original ist. Sie dreht sich um Picassos Taube, die das Plakat des Friedenskongresses von 1949 ziert und die Taube zum ewigen Friedenssymbol machte – was Picasso selber jedoch gar nicht gut fand.

Diese Taube wurde ohne sein Wissen von den Kongressveranstaltern auf das Plakat gedruckt. Als Picasso davon erfuhr, war es zu spät, seinen Ratschlag zu befolgen und mit einem anderen Vogel zu werben: Taubenzüchter Picasso wies die Verantwortlichen darauf hin, dass er keinen aggressiveren Vogel als die Taube kenne.

Mit seinem neusten Wunsch ist Röthlisberger auf gutem Weg. Ziel ist es, die 102 Lieblingsgrafiken des Pariser Starlithografen Fernand Mourlot zu sammeln. Vier fehlen ihm noch. Aber das ist eine andere Geschichte.

Parallel zur Picasso-Ausstellung im Kunstmuseum zeigt die Galerie am Spalenberg die Picasso-Originalplakate.

Vernissage: Donnerstag, 18. April, 18 Uhr. Petersgraben 73 – Rosshofgasse, 4051 Basel.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 17 Uhr bis 18.30 Uhr. Samstag, 11 Uhr bis 16 Uhr.
Die Ausstellung dauert bis am 29. Juni 2013.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 18.01.13

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