Paul McCartney lud zur grossen Revue

Einige Lieder von Paul McCartney sind so genial, man könnte meinen, dass sie von den Beatles gespielt worden seien. Natürlich nur ein kleiner Scherz. Der 69-jährige Brite beglückte das Publikum im ausverkauften Hallenstadion mit zahlreichen Pop-Klassikern.

Alles im Griff: Paul McCartney liess 150 Minuten lang seine Karriere Revue passieren. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Einige Lieder von Paul McCartney sind so genial, man könnte meinen, sie seien von den Beatles gespielt worden. Kleiner Scherz. Der 69-jährige Brite beglückte das Publikum im ausverkauften Hallenstadion mit zahlreichen Pop-Klassikern.

Der Auftakt liess noch nichts Brillantes erahnen: Paul McCartneys Stimme kratzte sich gestern Abend um 20.20 Uhr durch die «Magical Mystery Tour». Nur mit Mühe zwang er seinen Leadgesang in die hohen Lagen dieses chorlastigen Psychedelik-Songs, den die Beatles 1967 auf Platte, aber nie live auf die Bühne gebracht hatten. Man rieb sich die Ohren – auch weil die Abmischung des Bandsounds noch nicht optimal klang – und bangte um die Stimme des Frontmanns: Hatte sie auf der laufenden «On The Run»-Tour Abnützungserscheinungen erlitten?

Harziger Start

So richtig warm werden wollte man auch mit der zweiten Nummer nicht: «Junior’s Farm», das er 1974 mit seiner Post-Beatles-Band Wings veröffentlicht hatte, ist eine eher vernachlässigbare Nummer, wenn man auf eine so grosse Anzahl legendärer Songs zurückgreifen kann wie McCartney.

So richtig ins Rollen kam die Konzertmaschinerie erst mit dem dritten Lied: Mit wunderbarer Leichtigkeit shuffelte sich das Quintett durch «All My Loving», der Hallensound war crisp und transparent, die Stimmen präzis. Paul McCartney, so stellten wir beruhigt fest, war in seinem Schweizer Konzert angekommen – spätestens bei «Paperback Writer» war man gar völlig entzückt angehörs der fantastischen, sauberen Chorgesänge. 

Viele Beatles-Klassiker

McCartney, der im Juni seinen 70. Geburtstag feiern wird (aber hallo!), liess sich nicht lumpen. Satte 2,5 Stunden lang stand er auf der Bühne des Zürcher Hallenstadions. Er sei ehrgeizig, erzählte mir mal sein alter Freund Klaus Voormann – ehrgeizig und geizig. McCartney geizte nicht mit Songs – rund 40 Lieder gab er dem Publikum zum Besten, mehr als die Hälfte davon aus der Beatles-Ära. Wohl aber geizte er in Sachen Besetzung. So überliess er seinem langjährigen Keyboarder Paul Wickens die Aufgabe, alle Bläser- und Streichersätze auf Tastendruck abzurufen. Dieser erledigte seine Aufgabe zwar gewohnt souverän, dennoch bleibt unverständlich, warum einer der reichsten Musiker der Welt darauf verzichtet, «Eleanor Rigby» kammermusikalisch darzubieten oder für «Got To Get You Into My Life» und «A Day In The Life» eine Horn Section auf die Bühne zu bitten.

Exquisite Begleitmusiker

Was aber die Darbietung jener fünf Musiker, die von Bildschirmen flankiert wurden, angeht, so geriet man immer wieder ins Schwärmen. Herrlich, wie der charismatische Abe Laboriel Jr. Schlagzeug spielt und dabei – wie alle anderen – herausragend singt. Prächtig, wie Brian Ray und Rusty Anderson McCartney an den Saiteninstrumenten ergänzen. Und wie gesagt: Vielhändig, wie Paul Wickens, neben McCartney der einzige Brite in dieser Band, über die Tasten gleitet und mitunter ein halbes Orchester imitiert.

Dass die Ansprüche an seine Mitmusiker hoch sein müssen, steht bei Paul McCartney ausser Frage. Er gibt den Ton an und geht mit bestem Beispiel voran: «Something», das er dem Urheber George Harrison widmet, stimmt er gewitzt auf der Ukulele an. Für «Dance Tonight», vor fünf Jahren veröffentlicht und damit einer der jüngsten Songs im Live-Repertoire, raspelte er stilsicher über die Mandoline. Seine Bassläufe, etwa in der krachenden Zugabe von «Helter Skelter», sind legendär, ebenso seine Pickings auf der akustischen Gitarre.

Magische Momente

Besonders magisch dann der Moment, als er ganz alleine auf der Bühne «Blackbird» anstimmte, angekündigt mit der lapidaren Anekdote, dass er in den 60ern von den Unruhen während der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung erfuhr und ein bisschen Hoffnung spenden wollte. Fantastisch, wie sanft McCartney in diesem stillen Moment die Gitarre zupfte und voller Wärme dieses wunderbare Lied intonierte.

Mehrmals an diesem Abend stellte er solch grosse Qualitäten unter Beweis. Immer wieder wurde sich das Publikum gewahr, wie sehr die Melodien aus McCartneys Feder berühren. So zum Beispiel, als er sich an den Flügel setzte, seine Finger nonchalant über die Tasten springen liess, um dann mit kräftigen Akkorden das schwelgerische «The Long And Winding Road» anzustimmen. 

Herrlicher Wohlklang

Auch bei «Eleanor Rigby», «Maybe I’m Amazed» oder dem Abbey-Road-Schluss mit «Golden Slumbers» und Co. fuhr einem ein wohliger Schauer über den Rücken und man ertappte sich gar dabei, dass da vor Glückseligkeit Augenwasser die Sicht zur Bühne trübte. Um weitere Highlights zu nennen: «Back In The USSR» (der beste Beach-Boys-Song der Beatles), der laidbacke Bluesrock von «I’ve Got A Feeling» oder die herrliche Bossa-Clave-Nummer «And I Love Her». Wann kommt man schon in den Genuss, solche Klassiker vom Original zu hören? In den letzten 23 Jahren war McCartney meines Wissens nur dreimal zu Gast in der Schweiz, zuletzt vor acht Jahren, als er im alten Letzigrund-Stadion den Regen vergessen machte.

Unterhaltsame Anekdoten

Dass er bei seiner Rückkehr überaus routiniert durchs Programm führte, erneut einige Fetzen «Swiizertüutsch» von Zetteln ablas, völlig okay und charmant. Zumal er zwischen den Liedern auch immer wieder mal locker einige nette Sätze einschob, etwa die Fans aufzog («Ich liebe Dich auch – wobei, ich kenne Dich doch gar nicht!») oder Anekdoten erzählte – sei es über Jimi Hendrix (den er mit «Foxy Lady» auch kurz würdigte) oder über den russischen Verteidigungsminister, den er bei einem Konzert auf dem Roten Platz kennengelernt habe. Seltsam genug, dass dieser Verteidigungsminister jünger sei als er. «Und dann gestand er mir auch noch, dass er dank mir Englisch gelernt habe: Hello Goodbye.» Mit Sprüchen wie diesen sicherte er sich die Sympathien des Publikums.

Dickes Ende

Wenn man Paul McCartney am Ende etwas vorwerfen konnte, dann war es die Songauswahl. Allzu kalkuliert und allzu sehr aus dem ursprünglichen Kontext gerissen wirkte der Einschub von Lennons «Give Peace A Chance». Er hätte gerade so gut darauf verzichten können. Und mit der geballten Balladenladung («Let It Be», «Hey Jude», «The Word», «Yesterday»…) trug er gegen Schluss ein bisschen zu dick auf.

Auf sein neuestes Lied, eine austauschbare Ode an seine neue Frau Nancy, hätte man gerne verzichtet und stattdessen «Michelle» gehört oder «Drive My Car». Und auch der eine oder andere Wings-Song – «Band On The Run» und «Live And Let Die» mal ausgenommen – hätte nicht sein müssen. Oder haben Sie auf «Mrs. Vandebilt» gewartet? Immerhin spürte McCartney genau, dass dieses Lied in Zürich keine Euphorie auslöste, erwähnte er danach doch fast schon entschuldigend, er habe bei einem Konzert in Kiew festgestellt, dass dies in der Ukraine sein grösster Hit sei.

Entschuldigung angenommen, den kleinen Dämpfer hingenommen. Es dauerte nie länger als einen Song, bis man mit einer Perle entschädigt wurde, die völlig zu Recht einen festen Platz in der Popgeschichte einnimmt. Die Revue des Paul McCartney entliess einen beglückt in die Nacht. Ob man die lebende Legende an diesem 26. März 2012 zum letzten Mal in der Schweiz erlebt hat? Man weiss es nicht – und ist froh darüber, noch einmal die Gelegenheit genutzt zu haben.

  • Eine Setliste finden Sie hier.

Artikelgeschichte

27. März, 9.40 Uhr: Setliste hinzugefügt.

Konversation

  1. Die Kritik von Marc Krebs bringt praktisch alles auf den Punkt, insbesondere das Timing für den richtigen Song zur richtigen Zeit (z.B. nach einem nicht so „richtigen“ Song) – über zu sparsame musikalische Besetzung kann man sich streiten. Auf jeden Fall hat er eine Super-Band zusammen: Kalt kann es einem immer noch den Rücken runter laufen, wenn man sich die Inszenierung von „Something“ noch einmal anschaut und anHÖRT (http://www.youtube.com/watch?v=iNUgqKyL4ZM) – wunderschön der Harrison-ähnliche Gitarrensound, die Bilder dazu und der zweistimmige Gesang. Paul McCartney ist aber nach wie vor auch ein Rock’n’roller, wie Helter Skelter bewies. Schön, die verschiedenen Momente an diesem langen, kurzweiligen Abend miterlebt zu haben.

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