Per Motorbike durch die zugemüllte Galaxis

Intergalaktische Motorräder, aggressive Nanny-Roboter und wilde Weltraumkäfer: Die neue Graphic Novel von Craig Thompson gibt alles – für Kinder und Erwachsene.

Gut anschnallen!: Craig Thompsons Reise in die Zukunft ist nichts für dröge Gemüter.

(Bild: © Reprodukt/Craig Thompson)

Intergalaktische Motorräder, aggressive Nanny-Roboter und wilde Weltraumkäfer: Die neue Graphic Novel von Craig Thompson gibt alles – für Kinder und Erwachsene.

«Mami, bitte sei mir nicht böse», sagt die kleine Violet, während sie ins weite All hinausblickt. «Ich weiss, dass es gefährlich ist und wir keine Motorfahrzeuge lenken sollten und dass der Weltraum kein Ort für Kinder ist. Aber Papa ist in Not. Und manchmal braucht es eben Kinder.» Dann schläft sie erschöpft ein – am Esstisch ihres Daheims oder dem, was davon übrig geblieben ist, nachdem eine Horde wilder Weltraumkäfer mit ihren Monsterscheren das ganze Elternhaus kurz und klein gehackt hat. 

Wir befinden uns im Weltraum, von der Erde ist längst nichts mehr übrig, und auch sonst hat das All wenig mit dem Sehnsuchtsort zu tun, den wir heute in ihm sehen: Überall fliegen Schrott und Ausscheidungen von Weltraummonstern rum und die Menschen, die noch übrig sind, leben in einer Klassengesellschaft wie frisch aus der Dystopie eines Slavoj Žižek: Die unendlichen Weiten ermöglichen den Wohlhabenden ein zurückgezogenes Leben in schicken Raumstationsgemeinden – riesige transparente Kugeln mit gläsernen Gängen und paradiesischen Wasserfällen –, während die weniger gut Betuchten in dürftigen Wohnwagen auf herumschwebenden Trailerparks hausen.



Alles andere als rosig: Unsere Zukunft, laut «Weltraumkrümel».

Alles andere als rosig: Unsere Zukunft, laut «Weltraumkrümel». (Bild: © Reprodukt/Craig Thompson)

Die kleine Violet ist eine davon. Zusammen mit ihren Eltern – einer Schneiderin und einem galaktischen Holzfäller (wobei «galaktischer Müllmann» besser passt, er befreit hauptberuflich Sonden und Stationen von Gerümpel und Ungeziefer) – bewohnt sie einen Trailer in den ärmeren Gebieten, der, wie eben erwähnt, nun mehr oder weniger vollständig zerstört ist.

Violet ist allein, die Mutter sitzt auf der schnöseligen Fashion-Abteilung einer gehobeneren Raumstation fest, ihr Vater steckt im übersäuerten Magen einer Weltraum-Wal-Mama (richtig: Weltraum-Wale; gruselig, gross, grausam).


Für Violet ist klar: Ihr Papa braucht Rettung. Da Violets beste Freundinnen aber nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen – der einen ist sie zu posh, der anderen zu proletarisch, Klassenkampf macht in «Weltraumkrümel» auch nicht vor dem Kinderzimmer halt – macht sie sich mit ihrem alten Freund Zacchäus, einem orangefarbenen, Jellybean-artigen Geschöpf und Elliot, dem schwächlichen Intellello-Hühnchen, der in den Kleiderbergen der Fashion-Abteilung als Knopfsucher arbeitet, auf den gefährlichen Weg durch die zugemüllte Galaxis.

Und so müssen sich Violet und ihre Freunde auf einem gepimpten intergalaktischen Bike gegen aggressive Diszplinar-Roboter in Nannyform beweisen («Seifenwarnung!» kurz vorm Mundauswaschen), gegen bösartige Riesenkäfer, versnobte Designer, ignorante Erwachsene und gegen die riesigen Weltraum-Wale, die mit ihren Ausscheidungen das Universum verpesten. 

Ein Kind, eine Jellybean und ein Spacko-Hühnchen im interstellaren Kampf gegen all die Gefahren, die der Weltraum bereithält? Auf einem crazy Motorbike-Raumschiff-Raketenhybrid? Ziemlich dichte Sache, würde man meinen. Ist es auch. Jede Seite ein einziger Wimmelbild-Schmaus, geizt «Weltraumkrümel» nicht mit seinen Reizen. Kein Wunder: Kreativer Kopf der Geschichte ist schliesslich Craig Thompson, genialer Zeichner und grosser Star der Graphic-Novel-Szene, jener Gattung, die den Comic ein für alle Mal salonfähig gemacht hat.



Violet und ihr Papa, post-Walmagen.

Violet und ihr Papa, post-Walmagen. (Bild: © Reprodukt/Craig Thompson)

Bekannt geworden mit «Blankets», einer mehrfach ausgezeichneten autobiografischen Liebesgeschichte aus den christlichen Tiefen Wisconsins, hat sich der amerikanische Zeichner in «Weltraumkrümel» mit Hingabe einem jüngeren Publikum verschrieben, ohne dabei seine Target Group – Graphic Novel-Nerds Ü20 – ausser Acht zu lassen: Wo Kinder die vielen popkulturellen Anspielungen, etwa wenn Zacchäus nach einem Erfolg «Orange is the new black!» ruft oder Elliot während seinen psychedelischen Schwächeanfällen eine biblische Vision nach der anderen erlebt, dank der fantastischen Zeichnungen grosszügig überschauen werden, kommen die Erwachsenen gerade in diesen kleinen Randbemerkungen voll auf ihre Kosten. Und können aufatmen: endlich basta mit den ewigen Asterix-Schenkelklopfern im Kinderzimmer!

Der Weltraum – das lehren uns Violet und Craig Thompson in diesen 300 vollbepackten Abenteuerseiten – ist eben doch ein Ort für Kinder. Und Kindgebliebene.

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Craig Thompson: «Weltraumkrümel», Reprodukt Berlin

 

 

 

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