«Play Strindberg»: Die Demontage einer Basler Theaterlegende

Florian Fischer nimmt in der neuen Experimentier-Box des Theater Basel Friedrich Dürrenmatts «Play Strindberg» auseinander. Viel mehr als ein Misstrauensvotum gegen die legendäre Vorlage resultiert daraus nicht.

Chargiert: Elias Eilinghoff und Leonie Merlin Young in der Basler Demontage von Dürrenmatts «Play Strindberg»

(Bild: Kim Culetto)

Florian Fischer nimmt in der neuen Experimentier-Box des Theater Basel Friedrich Dürrenmatts «Play Strindberg» auseinander. Viel mehr als ein Misstrauensvotum gegen die legendäre Vorlage resultiert daraus nicht.

Misstrauen prägte schon den Beginn der Geschichte: 1968 machte sich der grosse Friedrich Dürrenmatt als Dramaturg und Co-Direktor der Basler Theater daran, den «Totentanz» des grossen Dramatikers August Strindberg neu zu schreiben. Aus der bürgerlichen Ehetragödie wurde eine typisch Dürrenmatt’sche Kömödie über die bürgerliche Ehetragödie. «Play Strindberg» nannte er seine Umarbeitung, die bis heute in vielen Ländern gespielt wird.

Misstrauen wenn nicht gar Geringschätzung prägt auch die aktuelle Beschäftigung mit dem Stoff am Theater Basel. Der junge Regisseur Florian Fischer bezeichnet Dürrenmatts Vorlage in einem kurzen Gespräch im Programmfaltblatt als «uninteressant» mit Figuren, die «nicht genug Saft» hätten. Sein Versuch, diesen Manko mit einer Demontage zu beheben, könnte man mit «Don’t Play Dürrenmatt» überschreiben.

Hinterfragen des Hergebrachten

Dass das Theater Basel Dürrenmatts als legendär bezeichnete Überschreibung von Strindbergs «Totentanz» auf den Spielplan gesetzt hat, ist nachvollziehbar – beruft sich der neuen Intendant Andreas Beck doch explizit auf die einstige «Basler Dramaturgie» und deren Ansatz, alte Stoffe neu zu denken. Wenn sich nun aber ein Regisseur an den Stoff macht, von dem er sich von vornherein deutlich distanziert, gibt zu denken.

Aber erstens schadet Denken nicht, zweitens ist Misstrauen nicht nur schlecht und drittens sind Worte in einem Programmheft erst einmal nur Worte. Zudem hat das Theater Basel mit der Box im Foyer der Grossen Bühne eine neue Plattform geschaffen, die eben dazu da sein kann und soll, Hergebrachtes auch vehement zu zerpflücken.

Die neue Box

Die neue Box ist ein Metallkasten an der Stelle, wo sich einst das Nachtcafé befand: Ein Kasten, in dem rund 50 Zuschauerinnen und Zuschauer Platz finden. Im aktuellen Fall werden sie auf eine Bankreihe gezwängt, die sich an drei Seiten den Wänden entlang zieht. Dadurch ergibt sich eine Arena-Situation, die den Boxring, den sich Dürrenmatt bei der Uraufführung als Spielstätte ausgedacht hat, räumlich konkretisiert.

In der Mitte befindet sich ein Biedermeier-Tisch mit einem Teeservice, umgeben von zwei Stühlen, einem Sessel und einem Hocker, auf dem die Souffleuse im Frack Platz nimmt (Bühne: Stefan Britze). Das deutet noch nicht auf Demontage hin. Und tatsächlich ist ein längerer Ausschnitt aus dem ursprünglichen Stück zu sehen – wenn auch ziemlich chargiert gespielt, was aber durchaus im Sinne Dürrenmatts ist, der im Zusammenhang mit seiner Strindberg-Bearbeitung von «Schauspielerartistik» sprach.

Video der Uraufführung

Strindberg schrieb mit seinem «Totentanz» ein Stück über ein Ehepaar, das sich seit vielen Jahren durch eine regelrechte Beziehungshölle kämpft. Dieses Paar erhält Besuch von einer dritten Person, die sich als Mitstifter der Ehe herauskristallisiert und von den Eheleuten wechselseitig als personifizierte Waffe benutzt wird.

Dürrenmatt dampfte die dämonische Seelenstudie zur bitterbösen Groteske ein mit Kunstfiguren, die aus einem seiner anderen Stücke stammen könnten oder aus einem Klassiker des absurden Theaters. In der Videoeinspielung einer Szene aus der Uraufführung von Dürrenmatt und Erich Holliger ist zu sehen, dass es schon damals nicht darum ging, ein naturalistisch-psychologisierendes Abbild der drei Protagonisten zu zeigen.

Ob der Regisseur ernsthafte Absichten verfolgte, muss bezweifelt werden.

Regisseur Florian Fischer dreht den Stoff nun auch noch durch die Spasstheater-Mühle. Er lässt das Schauspieler-Trio, bevor es in die Handlung einsteigen kann, über Schauspiel und Liebe, über gespielte oder echte Hingabe, über echte oder gekünstelte Nähe philosophieren oder besser schwadronieren. Dabei stecken sie, weil es um Intimität und Verletzlichkeit geht, in Ganzkörper-Haut-Strümpfen, unter denen sich als weitere Innenschicht ein Muskelfleischkostüm befindet (Kostüme: Julian Zigerli).

Wenn man Fischer ernsthafte Absichten zuerkennen würde, könnte man dahinter eine Etüde über Innigkeit und Zerfall von Liebe vermuten. Aber ob der Regisseur ernsthafte Absichten verfolgte, muss bezweifelt werden.

Im zweiten Teil lässt er nach der erwähnten Videoeinspielung der Uraufführung das Schauspielertrio in Kostümen aus der Strindberg-Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende auftreten. In ihrer gekünstelten Fahrigkeit lässt die Inszenierung aber stets durchblicken, dass der Regisseur mit der Vorlage ausgesprochen wenig anzufangen wusste.

Zerdehnte Schluss-Viertelstunde

Das sind schlechte Voraussetzungen für einen Theaterabend. Trash kann durchaus unterhaltsam und lustig sein. Und die drei Schauspieler im Ring (Leonie Merlin Young als Ehefrau Alice, Elias Eilinghoff als Ehemann Edgar und Mario Fuchs als Besucher Kurt) lassen in vereinzelten Sequenzen durchblicken, dass sie zu einem überzeugenden Auftritt fähig gewesen wären. Leider konnten sie den Beweis dazu nicht wirklich antreten.

«Meine Generation hat erst einmal eine grosse Distanz zu diesem Dürrenmatt-Material», lässt sich Fischer im Programmblatt zitieren. Schade, dass der Regisseur keinen Weg gefunden hat, diese Distanz auf welche Weise auch immer zu überwinden oder sie zumindest auf eine überzeugenden Art auszuzspielen.
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«Play Strindberg» von Friedrich Dürrenmatt. Box im Foyer der Grossen Bühne. Die nächsten Vorstellungen:  4., 6., 31. März und im April 2016

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