Police-Schlagzeuger Stewart Copeland: «Ich tue nur so, als wäre ich ein klassischer Musiker»

Einst heizte er mit unverwechselbarem Beat seiner Band The Police ein. Heute Donnerstag, 25.8., und am Freitagabend, 28. 8., wird Stewart Copeland mit dem Sinfonieorchester Basel im Römertheater Augusta Raurica seine Orchestersuite zum Stummfilm «Ben Hur» aufführen.

Stewart Copeland will mit dem Orchester dasselbe, wie früher mit The Police: das Haus niederbrennen.

(Bild: Jonas Grieder)

Einst heizte er mit unverwechselbarem Beat seiner Band The Police ein. Heute Donnerstag, 25.8., und am Freitagabend, 28.8., wird Stewart Copeland mit dem Sinfonieorchester Basel im Römertheater Augusta Raurica seine Orchestersuite zum Stummfilm «Ben Hur» aufführen.

Stewart Copeland, können Sie uns verraten, was das Publikum am Donnerstag und Freitag im Konzert erwarten darf?

Sie werden das erleben, was Sie erwarten, nämlich wie ich mein Schlagzeug bearbeite, und Sie werden viel davon mitbekommen. Aber die grosse Überraschung wird dieser Film sein: ein gewaltiger Film, ein Stummfilm in Schwarz-weiss, 1925 entstanden. Die meisten Menschen erwarten von einem Film aus dieser Zeit verwackelte Bilder von Charlie Chaplin oder so. Das ist hier gar nicht der Fall. Dieser Film ist detailreich, es ist eine grandiose, grosse Produktion: ein Meisterwerk aus der Stummfilmzeit. Wir werden diesen Film im wunderbaren Römertheater zeigen, in einer Atmosphäre, die sehr gut zu den Wagenrennen und den Schlachten auf der Leinwand passt. Und das Publikum wird ein fantastisches Orchester erleben: Hier in Basel haben Sie ein wirklich grosses Orchester. Ich habe das in den Proben erleben dürfen. Zusammengefasst werden Sie ein wunderbares Orchester erleben, einen gewaltigen Film und einen bescheidenen Diener.

Ist es das erste Mal, dass Sie in einem echten römischen Theater auftreten?

Mit diesem Stück ja. In Italien, wo ich jeden Sommer Konzerte gebe, haben sie viele solche Anlagen. Für diese Aufführungen ist es die perfekte Umgebung. Ich habe «Ben Hur» noch nie in einem Amphitheater gezeigt.

Wie kamen Sie auf «Ben Hur»? Ist es das Thema, das Sie reizt, oder einfach der Film?

Es war mehr so, dass «Ben Hur» mich wählte. Ich hatte die Anfrage eines deutschen Impresario, der die Idee hatte, die Geschichte von «Ben Hur» live auf die Bühne zu bringen: mit Pferden, den Seeschlachten, mit allem, was vorkommt. Und er beauftragte mich mit der Komposition der Musik. Die Show kam nicht zustande, aber die Musik, die ich schrieb, führte ich konzertant auf. Mein Manager machte mich dann auf diesen alten Film aufmerksam, der zur Obsession wurde. Es war eine lange Reise. Denn die einzig existierende Version des Films war eine Videokopie – keine wirklich gute. Als ich bei Warner Brothers um die Rechte anfragte, erhielt ich die 80 Jahre alte Filmrolle. Wir mussten dieses Original restaurieren und digitalisieren – eine komplizierte Geschichte. Der Film lief mit 20 Bildern pro Sekunde – wir fanden kein Gerät, welches das zeigen konnte. Die Bearbeitung des Films war eine Riesenarbeit. Die Synchronisation mit dem Orchester war ein weiterer Berg, den wir erklimmen mussten. Aber wir schafften alle Berge und sind nun hier in Basel und werden in 90 Minuten das zeigen, was mir drei Jahre Arbeit beschert hat.

Der Film lebt von grossen dramatischen Gesten mit dem berühmten Wagenrennen, Seeschlachten und so weiter. Liegen Ihnen als Musiker die grossen Gesten nahe?

Das Wichtigste ist, dass es sich um einen Stummfilm handelt. Also dass alles, was man hören wird, mein Werk ist – ich fülle alles auf. Es gibt viele Kampfszenen im Film, aber auch gefühlvolle Passagen und vor allem hochreligiöse Momente. Der Origininaltitel des Buchs und Films lautet: «Ben Hur – die Geschichte eines Christen». Im Stummfilm sind die religiösen Elemente viel präsenter als in der späteren Verfilmung mit Charlton Heston. Es ist nicht so sehr das Religiöse, das mich anspricht, sondern das Sprituelle. Es ist ein spiritueller Film mit vielen Seeschlachten und Wagenrennen. So mag ich das Spirituelle.

«Wenn ich mit Rockmusikern spiele, ist es wie ein nuklearer Rüstungswettlauf.»

Als Schlagzeuger von The Police spielten Sie in einem Trio, jetzt haben Sie 60 Musiker um sich herum. Was macht da den Unterschied in Ihrem Auftritt aus?

Das wird Sie überraschen: Um mit diesen 60 Musikern spielen zu können, muss ich viel leiser sein, als wenn ich mit meinen ehemaligen beiden Bandkollegen zusammenspielte. Das macht keinen Sinn, denken Sie? Mein Instrument ist so konstruiert, um mit verstärkten Instrumenten zusammen zu funktionieren. Mit verstärkten Gitarren, Boxen von solcher Grösse und Power. Es ist viel lauter als ein Orchester. Wenn alle 60 Typen zusammen fortissimo aufspielen würden, dann wäre es dasselbe. Aber das ist nicht so. Das Orchester hat wunderbare Variationen: Mal hört man nur eine Oboe, zusammen mit vier Geigen, bevor alle 20 Streicher wieder einsetzen. Das sind dynamischen Variationen, der Ausdruck ist viel breiter als bei einer Rockband. Wenn ich in einem Orchester spiele, muss ich mit meinem Schlagzeug – gemacht um eine Arena zu füllen – eine einzelne Flöte begleiten können. Da muss ich sehr zurückhaltend sein, denn ich mag sehr, was diese Flöte tut. Wenn ich mit Rockmusikern spiele, ist es wie ein nuklearer Rüstungswettlauf. Mit dem Orchester ist es ganz anders.

Wussten Sie das, als Sie das Stück komponierten?

Die Komposition ist eine andere Geschichte in meinem Leben als Musiker. The Police nahm acht Jahre in Anspruch – acht Jahre war ich ein Rockstar. Ich bin jetzt 64 Jahre alt, was spielen da acht Jahre für eine Rolle? Es war eine sehr wichtige, aber kurze Phase. Viel längere Zeit war ich ein hauptberuflicher Filmkomponist: Du gibst mir das Geld, ich schreibe dir die Musik.

Sie arbeiteten wie ein Wokaholic.

Ja, ich musste eine Familie ernähren. Das Spezielle daran ist eigentlich, dass du als professioneller Filmkomponist all das machen musst, was man von dir erwartet. Das lernte ich unter anderen durch Francis Ford Coppola, mit dem ich meinen ersten Film machte. Das war «Rumble Fish». Ich musste lernen, wie ich mit einem Orchester umgehe. Er wollte Streicher für den Soundtrack. Und das Schöne war die Erkenntnis, dass wenn du deine Hausaufgaben machst und die ganze Musik aufs Blatt bringst – nicht nur das «da-da-da-da», sondern die ganzen Akzente, die Artikulation –, dann werden die Musiker genau das spielen, was du im Kopf hattest. In einer Rockband ist alles Verhandlungssache. Du machst dem Gitarristen einen Vorschlag, er bringt seine eigenen Sachen mit ein. Es ist eine schöne Zusammenarbeit. Aber als Komponist musst du fähig sein, das aufs Papier zu bringen, was du haben willst. Das musste ich lernen. Und es war eine tolle Erfahrung. Ich schreibe aber keine Filmmusiken mehr. Jetzt kommt die Kunst.

Ihr ehemaliger Kollege Sting ging mit einem philharmonischen Orchester auf Tour, Sie komponieren für ein klassisches Orchester …

… das ist ein grosser Unterschied! Er heuerte ein grosses Orchester an, ich werde vom grossen Orchester angeheuert.

Natürlich. Aber ist es für einen Rockmusiker, wie Sie einer sind oder waren, das Ziel, auf dieselbe Stufe zu gelangen wie die grossen Namen der Musikgeschichte, etwa Beethoven oder Mozart?

Bei den ersten Aufführungen meiner Kompositionen sah ich meinen Namen auf den Plakaten neben denen von Mendelssohn, Brahms, Strauss und so weiter. Da fühlte ich mich erstmals als richtiger Musiker. Das war der letzte Eiswürfel in meinem Cocktail. Aber abgesehen davon: Das Orchester ist ein fantastisches Instrument. Es sind 60 Leute, ja, aber ihre Aufgabe ist es, ein einziger Klangkörper zu sein: das Register der Holzbläser auf der einen, das der Blechbläser auf der anderen Seite, aber alle wollen und müssen eins sein. Und das Vokabular dieses einen Instrumentes ist so breit: Es kann riesig sein, aggressiv, sanft und lieblich. Es kann dein Herz brechen mit Mitgefühl, es kann verrückt sein. Darum arbeiten wir mit Orchestern. Ich spiele auch gerne Gitarre und Bass, das macht einfach Spass. Aber manchmal will man etwas, was komplexer ist.

«Ich will das Haus rocken.»

In der deutschen Sprache wird der Unterschied zwischen E- und U-Musik gemacht. Können Sie das nachvollziehen?

Ich bin ein Geheimagent. Und ich habe mich hier als Punk-Rocker eingeschlichen. Und ich tue so, als wäre ich ein klassischer Musiker. Um mit einem klassischen Orchester, mit klassischen Musikern spielen zu können, muss ich deren Sprache beherrschen. Ich kenne ihre Sprache und ich weiss, wie ich mich verkaufen kann. Die Manager wollen neue Komponisten präsentieren, und das ist gut für mich. Aber ich bin nicht wirklich ein klassischer Musiker. Ich habe nicht den Ehrgeiz, Brahms zu machen oder der neue Wagner zu sein. Ich mache meine Sachen, ich will mit den Musikern das Haus niederbrennen. Ich will dasselbe mit den 60 Leuten, was wir einst zu dritt wollten. Ich will das Haus rocken.

Wenn man sich Ihre Komposition anhört, dann klingt es wie eine Mischung aus Strawinsky und Progressive Rock.

Danke, danke, danke. Ich fahre auf Strawinsky ab. Das ist ein schöner Vergleich. Ja.

Sie haben ein Schlagzeug, das eigentlich ein kleines Orchester im Orchester ist. Warum brauchen Sie eigentlich die anderen Musiker noch?

Ich kann mit einem kleinem Schlagzeug spielen. Beatles-Produzent George Martin fragte mich einmal an, in der Hollywood Bowl bei einem Konzert mitzuspielen, alle Beatles-Songs. Für eine Nacht war ich Ringo Starr. Ich machte «Bum-bum», das war es. Und es bereitete mir grossen Spass. Aber ein Drum-Set zusammenzustellen, ist, wie ein Auto-Freak zu agieren. Es sieht cool aus, auf der Bühne viele Drums zu haben und auf ihnen zu spielen. Allerdings wechselt das immer wieder. Ich war einst Roadie für Wishbone Ash, so habe ich im Showbusiness angefangen. Die Drum-Sets zusammenzustellen, das war das Grösste für mich. Und ich habe so grosse Drum-Sets, weil ich es liebe, sie zusammenzustellen.

Sie hatten mit The Police 2007/2008 eine sehr erfolgreiche, kurze Wiedervereinigung. Wann dürfen wir die nächste erwarten?

Well, how many times can hell freeze over?

«The Police gehört uns eigentlich nicht mehr, es ist das Beste, nicht mehr daran zu denken.»

Äähm…

Das war eine rätselhafte Gegenfrage. Auf Englisch sagen wir, wenn wir ‹niemals› meinen: «Erst wenn die Hölle zufriert.» The Eagles haben diesen Spruch als Titel für ihre Tour gestohlen: «Hell froze over». Das gilt auch für uns. Wir denken nicht mehr daran zusammenzuspielen. Ich denke nicht mehr wirklich an The Police. Früher war ich einmal Rockstar, jetzt bin ein professioneller Filmmusik-Komponist. Meine Auftraggeber wollen keinen Rockstar engagieren. Dasselbe gilt für Sting: Er hat eine neue Band, Sting selber ist ein neuer Brand. Die Power unserer ehemaligen Songs – sie sind jetzt 30 Jahre alt – ist noch da. Damals, als sie ständig am Radio zu hören waren, und heute noch. Diese Power würden wir mit neuen Songs nicht mehr ausstrahlen können. Wir unternahmen eine zweijährige Reunion Tour, das war so emotionsgeladen. Aber danach war Schluss für uns Musiker. Für mich und die beiden anderen Typen. Dies auch deshalb, weil The Police uns eigentlich nicht mehr gehört. The Police ist eine gewaltige Institution, und die Police-Songs sind wie eine Liturgie. Wir kamen vor ein paar Jahren wieder zusammen, jetzt denken wir nicht mehr daran. Und es ist das Beste, nicht mehr daran zu denken. Aber wer weiss …

Sie haben Ihren Platz in der Hall of Fame der Rockmusik. Die Zeitschift «Rolling Stone» kürte Sie zu einem der zehn besten Schlagzeuger aller Zeiten. Haben Sie keinen Ehrgeiz, auf Platz eins zu gelangen?

Mitch Mitchell (der legendäre Schlagzeuger von Jimi Hendrix’ Band Experience., Anm. d. Red.) taucht in den Top Ten nicht auf. Wenn Mitch Mitchell da nicht auftaucht, hat diese Liste keine Bedeutung. Solche Bestenlisten sind nicht das, wofür wir Musik machen. Wenn du in einem Fussballteam spielst oder Tennisspieler bist, dann ist so etwas das Wichtigste. Aber für Musik ist das nicht massgebend. Jeder Musiker hat seinen Instinkt. Elton John macht das, was er machen kann und will. Ich mache das, was ich möchte oder was mir mein Instinkt als Musiker vorgibt. Und das ist nicht Mainstream; nicht jeder mag, was ich tue.

Sie sind Komponist des Stücks, das gespielt wird. Und Sie treten als Solomusiker auf, nicht aber als Dirigent. Fällt es Ihnen schwer, die Leitung des Orchesters einem Musiker anzuvertrauen, mit dem Sie noch nie zusammengespielt haben?

Ich habe mit meinen Filmmusiken Erfahrungen mit Dirigenten gemacht, die nicht wirklich gut waren. Nicht so hier. Der Dirigent Robert Emery ist jung, er ist mit 32 Jahren exakt halb so alt, wie ich es bin. Aber er hat den richtigen Instinkt, die Kraft und er ist ein grosser Musiker. Die Musiker, die mit mir auftreten, machen ihre Sache «pretty good».
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Stewart Copeland: Concert & Cinema: «Ben Hur». Mit dem Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Robert Emery. Im Römertheater Augusta Raurica am Donnerstag, 25., und Freitag, 26. August, 20.30 Uhr.

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