Schauspielhaus: Warten auf den Durchbruch

Das Theater Basel feiert Jubiläum: Zehn Jahre Schauspielhaus. Im Unterschied zur früheren Komödie hat dieses die Herzen des Publikums noch nicht erobert.

Das Schauspielhaus Basel: Seine Multifunktionalität wurde vor zehn Jahren gepriesen, aber rückblickend selten vollumfänglich ausgenutzt. (Bild: Dominik Plüss)

Das Theater Basel feiert Jubiläum: Zehn Jahre Schauspielhaus. Im Unterschied zur früheren Komödie hat dieses die Herzen des Publikums noch nicht erobert.

Autsch! Gleich ganz zu Beginn gab es eine gehörige Watsche vom deutschen Grossfeuilleton. Gerhard Stadelmeier, Cheftheaterkritiker bei der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», kanzelte das neue Basler Schauspielhaus als «klotzig-schmales Tortenstück mit verglaster Schwarzbrotkruste» und einen «der hässlichsten Theaterbauten Europas» ab, sah sich «auf wackeligen Sesseln in einer grauen, leeren, kalten, atmosphäre- und ­geheimnislosen Sichtbetonschachtel» sitzend «miserabel sprechenden Mimen» gegenüber. Selbst das als so ­vorbildlich gelobte finanzielle Enga­gement der «Schauspielhaus Ladies first» wertete Stadelmeier als «gesellschaftliches Fanal und ein kulturpolitisches Debakel», weil da ein «oberes Hundert» von Bürgerinnen eine kulturelle Staatsaufgabe privatisiert habe.

Baulicher Kompromiss

Das ist pure Griesgrämigkeit. Mit zehn Jahren Abstand darf man aber auch in Basel die rosarote Brille absetzen, die man aus Respekt vor der mäzena­tischen Grosstat aufgesetzt hatte. Das neue Schauspielhaus ist kein gros­ser architektonischer Wurf, sondern ein offensichtlicher baulicher Kompromiss, eingezwängt in eine enge Lücke zwischen historischen Bauten und ausgestattet mit unbequemen Stühlen. Aber man soll ein Theater ja nicht aufgrund seiner Hülle, sondern am Inhalt messen. Und immerhin hat das neue Haus den Vorteil, als Spielort sehr flexibel zu sein. Oder besser: flexibel sein zu können.

Zu Beginn nutzten die Theaterleute die technische Freiheit der Raum­gestaltung noch rege; sie kehrten die Anordnung von Bühne und Zuschauerrängen um, bauten einen Boxring mitten in den Raum oder eine lange Rampe durch die Zuschauerreihen. Aber bereits in der zweiten Spielzeit war Schluss damit: Seither beherrscht der konventionelle Guckkasten die Theaterwelt im Schauspielhaus – für regelmässige Umbauten im Repertoirebetrieb fehlt das Geld.

Unerfüllte Hoffnungen

Und nicht nur das. Während sich die Musiksparte im grossen Haus nebenan zweimal hintereinander mit der Auszeichnung «Opernhaus des Jahres» schmücken konnte, während Christoph Marthaler und Werner Düggelin die Zuschauer mitsamt dem internationalen Feuilleton auf der Kleinen Bühne erfreuen, scheint das Schauspielhaus von einer merkwürdigen Lethargie erfasst zu sein. Wer diese Tage abends der Steinentorstrasse entlanggeht, findet die grosse Glasfront meist verdunkelt vor. Rund zehn Vorstellungen nur stehen auf dem Januar-Spielplan des Schauspielhauses; die ganze Woche vor dem Jubiläumsfest am Samstag, 21. Januar, ist spielfrei. Und am Abend des Festtages findet, wie wenn es darum ginge, vom Schauspielhaus abzulenken, auf der Kleinen Bühne eine Schauspielpremiere statt.

Die Hoffnungen, dem Basler Schauspiel mit dem neuen Haus frische ­Impulse zu verleihen, haben sich bislang nicht erfüllt. Das bestätigt ein Blick auf die Zuschauerstatistiken: In der Übergangs- und Eröffnungsspielzeit 2001/02 (Komödie und Schauspielhaus) wies die Statistik 56 300 Zuschauerinnen und Zuschauer aus, 2010/11 waren es gerade noch 39 030.

Dünner Spielplan

Weniger Vorstellungen, geringere Auslastung: Das Basler Publikum hat sein neues Haus nicht wirklich angenommen. Das hat auch inhaltliche Gründe. Natürlich gab es in den vergangenen zehn Jahren auch Momente und Produktionen, die in guter Erinnerung geblieben sind. Mit «Dido und Aeneas» wurde auch eine Schauspielhaus-Produktion zum renommierten Berliner Theatertreffen eingeladen. Die eigentlichen Highlights fanden derweil aber andernorts statt: Mit Nüblings spannungsgeladenem Kampf der Spinnenweiber in Ibsens «John Gabriel Borkmann» fiel der inhaltliche Höhepunkt der Eröffnungsspielzeit in die letzten Tage der alten Komödie. Stefan Bachmann liess für seine fulminante Abschiedsproduktion (Paul Claudels «Der seidene Schuh») eine Arena in das ­Foyer des Grossen Hauses bauen und Lars-Ole Walburg versetzte «Faust I» mitsamt teuflischem Gefährten in die Elisabethenkirche.

Und doch gibt es im dünnen Januarspielplan zwei bemerkenswerte Produktionen, die vielleicht Anlass zu Hoffnung geben: Ibsens «Volksfeind» und «Krabat» nach Otfried Preussler. Es ist dies die Inszenierung von Simon Solberg und Tomas Schweigen, die zusammen mit Chefdramaturg Martin Wigger kommende Spielzeit die interimistische Leitung des Basler Schauspiels übernehmen werden. Aber nur vielleicht. Die jungen Theatermacher haben zwar bewiesen, dass sie packendes Theater machen können, man traut ihnen auch die Zusammenstellung eines aussergewöhnlichen Spielplans zu. Die Aussage aber, man werde das Schauspiel vermehrt in die Stadt hinaustragen, spricht wiederum nur bedingt für eine Belebung des Schauspielhauses. Webcode: @apvbu

10 Jahre Schauspielhaus Basel:Ein Fest mit Open-Stage, Führungen, Gesprächen und einer Party.
21. Januar, ab 14 Uhr. 
www.theater-basel.ch

 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 13/01/12

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