Sing Halleluja

Profitiert die Basler Bandszene von der regionalen Popförderung der Freikirche International Christian Fellowship?

Die Worship-Band bereitet sich an einem Gottesdienst der ICF auf ihren Auftritt vor. (Bild: Stefan Bohrer)

Anna Aaron, We Invented Paris, Sheila She Loves You – profitiert die Basler Bandszene von der regionalen Popförderung der Freikirche International Christian Fellowship?

Sonntagabend, Tellplatz, Basel. Während es draussen dunkel, kalt und leer ist, gehen im Keller des Gundeldinger Casinos die Lichter an. An der Bar gibt es Bier und Hotdogs, auf der Bühne steht eine Band: Schlagzeug, Bass, Synthesizer und Gitarre. Und im Saal strecken rund 150 junge Menschen die Hände hoch. Ein Popkonzert, aber nicht nur: Nach den ersten Applaus-befeuerten Songs tritt einer auf die Bühne und sagt, er sei «druff» vor lauter Liebe, und wer heute Liebe nötig habe, strecke die Arme empor: «Let’s worship!» Lasst uns huldigen.

Der Kellersaal gehört zur Interna­tional Christian Fellowship Basel, kurz ICF – die wachstumsstärkste Frei­kirche für Jugendliche der Schweiz. Gegründet vor 21 Jahren in Zürich, hat sie sich mittlerweile in den übrigen Regionen der Schweiz festgesetzt und ins europäische Ausland expandiert. Ihr Unique Selling Point: Jugendnähe. Anstelle des Kirchenchors singt eine Popband durch den Gottesdienst, statt ­sakral und besinnlich ist es «mega» und «genial», denn so lautet das Credo der Kirche: «Es gehört zu unseren Grundüberzeugungen, dass wir zur Kultur des 21. Jahrhunderts gehören, und Popmusik ist Teil davon», sagt Manuel Schmid, leitender Pastor von ICF Basel. Dafür gibt die Kirche, die in der Nordwestschweiz rund 600 Gläubige umfasst und sich aus Spenden finanziert, Geld aus. Der grösste Teil der Personalkosten fällt an die Musikförderung, und die Musik hat bei dieser Kirche einen Namen: Gottpop.

Missionarischer Inhalt

Gottpop ist das Reservoir, aus dem ICF Basel die Musik schöpft. Wer ein Instru­ment beherrscht, kann sich in den hauseigenen «Worship-Bands» einbringen, wöchentlich wird geprobt, sonntags im Gottesdienst live gespielt, einmal im Jahr fahren die Songschreiber in eine Hütte im Jura und kreieren neues Material. Die Schweiz hat das nicht erfunden, Vorbild ist die australische Hillsong Church, die seit den Achtzigerjahren Platten veröffentlicht, um die frohe Botschaft pop­gerecht zu verbreiten, aber dieses Konzept fällt hier auf fruchtbaren Boden. Im vergangenen Sommer schaffte es ICF Zürich mit einem Song kurz in die Schweizer Charts, stiess bei den Radiosendern jedoch auf Ablehnung: Musik mit missionarischem Inhalt werde nicht gespielt.

In Basel schielt man weniger auf die Charts, sondern auf ein jugendkonformes Profil. «Ich wünsche mir, dass ICF Basel als ein Ort bekannt wird, wo Musik und Kreativität gefördert werden», sagt Schmid. Das klingt nach einer Marketingformel und ist auch so zu verstehen. Über 200 Kirchen, Konfessionen und christliche Gemeinschaften teilen sich den Glaubensmarkt in der Region Basel. Wenn da der Hirte mit den Mitteln der Mainstreamkultur auf Mission geht, füllt sich der Stall schnell mit Schäfchen.Im Juni 2009 verliess ICF Basel für eine Nacht den Kirchenraum und trat für das Zehn-Jahr-Jubiläum in die Clubkultur ein. Auf dem Programm des Szenelokals Schiff im Rheinhafen standen Musiker mit freikirchlicher Biografie – unter anderem Flavian Graber und Cécile Meyer. Beide feiern in den kommenden Tagen in Basel die Taufe ihrer Debütalben. Graber als Kopf des Musikerkollektivs We Invented Paris, Meyer unter ihrem Künstlernamen Anna Aaron. Und beide ver­neinen vehement eine Verbindung zwi­schen ihrem persönlichen Glauben und ihrer künstlerischen Tätigkeit.

Internationale Ausrichtung

Ihre Profile als Musiker belegen das. Graber hat in Mannheim die Popakademie absolviert, und dort erst formte sich das Kollektiv, das Graber zu We Invented Paris vereint hat. Anna Aarons Platte «Dogs In Spirit» erscheint im Lausanner Haus von Two Gentlemen – dieselbe Adresse, die hinter dem Erfolg von Sophie Hunger steckt. Religiöse Milieus verströmen einen anderen Stallgeruch.

Und dennoch: Völlig trennen lassen sich die Sphären des Pop und der Religion nicht. Beide sind bereits als Gäste der ICF-Songwriterwoche in den Jura gefahren, Flavian Graber hat zudem an der diesjährigen Ausgabe des Festivals «LiestalAir» das Programm für eine Bühne zusammengestellt und dafür Sängerinnen von ICF Basel eingeladen. Und Cécile Meyer sang, bevor sie Anna Aaron erschaffen hat, in der Basler Band Aiph – die erste Band aus dem Worship-Biotop, die von der Kirchenbühne herabstieg, eigenes Material schrieb und in den Konzertclubs der Region aufzutreten begann.

Hier könnte man nun, im Geist der Hoffnung von Pastor Schmid, eine gerade Linie ziehen von der Freikirche zum späteren musikalischen Erfolg der ehemaligen Worshipper. Auch die Mitglieder von Sheila She Loves You, eine der meistversprechenden Basler Popbands, standen erstmals im ICF-Keller gemeinsam auf einer Bühne, und die nächste Generation steht schon in den Startlöchern: Vor wenigen Tagen nahmen die Bands Delorian Cloud Fire und The Drops am «Sprungbrett», dem Nachwuchswettbewerb des Basler Rockfördervereins (RFV), teil. Beim RFV hat man die «relativ hohe Dichte an Bands aus diesem Umfeld» registriert, sagt Geschäftsleiter Tobit Schäfer. «Das überrascht mich nicht, weil dahinter eine Organisation steckt, die Musik fördert.» Und Gaetano Florio, jahrelanges RFV-Vorstandsmitglied, Eventmanager und Christ, bestätigt, dass ICF die Potenziale der Jugendlichen für die kircheneigenen Bedürfnisse nutzt und fördert. «Ich kenne einige Veranstaltungstechniker, die erstmals für einen ICF-Gottesdienst Tonkabel installiert haben und heute beim Schweizer Fernsehen angestellt sind.»

Unbeliebter Freikirchen-Stempel

Aber die These von der jugendkultur­affinen Freikirche, die als Durchlauferhitzer für spätere Popkarrieren dient und damit neue Mitgliedermärkte erschliesst, erzählt nicht einmal die halbe Wahrheit. Missionarische Motive finden sich in den Liedtexten der genannten Bands nicht. Flavian Graber, der ausgebildete Popmusiker, ist der Überzeugung, dass «kirchliche Musik Laienmusik bleiben und nicht professionalisiert werden soll».

Cécile Meyer, die in ihren Texten gekonnt mit kulturellen, auch biblischen, Mythen hantiert, lehnt jede Aussage über ihr privates Glaubensverständnis ab, um ihre Schöpfung Anna Aaron nicht in einen solchen Kontext zu rücken. Und trifft man Alain Meyer zum Kaffee, beschwert er sich als erstes darüber, dass Sheila She Loves You für einen Artikel über Pop und Christentum herhalten müssten. Meyer ist Gitarrist der Band, er ist auch der Bruder von Cécile Meyer und trägt wie sie heute noch den Freikirchen-Stempel. «Als Musiker haben mich Partys geprägt, wo der Sound der neusten Bands aus England und den USA gespielt wurde. Und das Online-Netzwerk MySpace, wo ich Songskizzen austauschen konnte.» Und ICF? Seit fast fünf Jahren haben er und seine Bandkollegen keinen Gottesdienst mehr besucht. Dennoch kriegt er noch immer zu hören, die Kirche sorge für das Publikum an den Konzerten von Sheila She Loves You und habe Proberaum, Instrumente und Equipment finanziert. «Was ich meiner Zeit als ICF-Musiker zu verdanken habe», sagt Alain Meyer trocken, «ist eine innere Ruhe, wenn ein Monitormix ausfällt.»

Solche Werdegänge seien typisch innerhalb trendorientierter Jugendkirchen, sagt der Religionswissenschaftler und Sektenexperte Georg Schmid. «Die jungen Kirchgänger entstammen meist einem freikirchlichen Elternhaus und werden im Teenageralter von der ICF, die als Eventkirche auf säkulare Attraktionen wie Popkonzerte baut, angezogen», um sich, angekommen in der Erwachsenenreife, vom institutionellen Christentum nach und nach völlig zu verabschieden. «ICF ist nach meiner Beobachtung vermehrt eine Durchgangsschleuse junger Christen in die Säkularität», sagt er, «da findet in der Regel keine zwanghafte Anbindung statt.» Dass eine Kirche Popbands aufbaut, um ausserhalb ihres Milieus auf Mission zu gehen, glaubt Schmid nicht. «Nur durch ein Lied, wie gut es auch gemacht ist, wurde noch niemand bekehrt.»

Gerade in Europa, wo der christliche Musikmarkt im Vergleich zu den USA vernachlässigbar ist, «wagen nur wenige Bands den zweigleisigen Weg», wie es Gaetano Florio ausdrückt, denn es drohe eine doppelte Ablehnung. In der religiösen Gemeinde werde Pop und Rock noch immer häufig verurteilt, in der nichtreligiösen Rockszene hingegen gelte ein christlicher Hintergrund als suspekt, weil missionarisch, und werde nicht ernst genommen. Man muss schon einen ziemlich unerschütterlichen Glauben haben, um beide Wan­gen hinzuhalten.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 26/10/11

Konversation

  1. Das Thema ist bekannt – und brisant. Leider kommt der Artikel am Schluss etwas gar versöhnlich daher und hat letztendlich nur an der Oberfläche gekratzt. Hier wäre etwas mehr (kritischer) Mut angebracht gewesen. Trotzdem; solche Storys will ich künftig lesen.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  2. ICF – Geschäftsmodell Gottesdienst als jesusmaximiertes Navi durch die Untiefen der Popkultur, ein Heilsversprechen mit viel Trockennebel, noch mehr Anglizismen – und einer rigiden Auslegung der Bibel mit schwulen- und lesbenfeindlicher Propaganda. Käme dies in traditionellem Gewand daher, würde wohl kaum jemand mitmachen. Aber die machen ja auch gutes und fördern junge, musizierende Menschen!
    Danke der TagesWoche für den spannenden Bericht, obwohl ich mich dem Vorkommentator Bäumli anschliesse und mir mehr Tiefgang gewünscht hätte.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  3. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel über ICF und dessen Auswirkungen auf die lokale Musikszene. Bin auch im Worshipministry dabei und finde es interessant zu reflektieren! Weiter so!

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten

Nächster Artikel