So sollte Theater immer sein

Musiktheater über das Sterben, Dokumentartheater über den Krieg: Zwei herausragende Produktionen am Theaterfestival Basel bleiben hängen und verleiten zum Aufruf: Bitte mehr davon.

Hinreissende Trauerzeremonie in «Requiem pour L.» von Alain Platel und Fabrizio Cassol.

Theater kann unterhalten, überraschen, kann verärgern und erfreuen, ist Nahrung für den bildungsbürgerlichen Geist. Und es kann, wenn es sich zu Höhenflügen aufschwingt, so berühren und packen, dass einen das Erlebte nicht mehr loslässt.

So geschehen am Wochenende beim Theaterfestival Basel. Das Dokumentartheater-Projekt «Campo Minado / Minefield» der Argentinierin Lola Arias und das Musiktheater-Ereignis «Requiem pour L.» von Alain Platel und Fabrizio Cassol wurden beide vom Publikum absolut zu Recht mit Standing Ovations gefeiert.

Beginnen wir beim Letzteren. Als Rezensent ist man bemüht, dem Geschehen auf der Bühne mit einer gewissen kritischen Distanz zu folgen, den Notizblock auf dem Schoss, um Atmosphäre und vermeintliche Schlüsselmomente festzuhalten.

Ein mitreissendes Fest des Todes

Unmöglich am Sonntag im Zuschauerraum der Grossen Bühne des Theaters Basel. Mit offenem Mund und mit Tränen in den Augen lasse ich mich von der hinreissenden Musik, von den wunderbaren Musikern und Sängerinnen überwältigen, die 100 Minuten mit einem hohen Mass an Emotionalität und faszinierendem Körpereinsatz die Kunst des Umgangs mit dem Sterben und der Trauer zelebrieren.

«Requiem pour L.» lautet der Titel. «L.» (oder elle?) ist eine alte, aber keine uralte Frau, die begleitet von Verwandten und Freunden stirbt. Wir sehen ihr dabei zu, denn der Moment wurde – mit Einverständnis der Sterbenden – auf Video aufgezeichnet. Dieses wird nun grossformatig in Schwarz-Weiss auf die Hinterwand der Bühne projiziert.

Davor breitet sich ein Feld mit unterschiedlich hohen schwarzen Grabsteinen aus. Nach und nach tauchen Musiker, eine Sängerin und ein Sänger auf, ein Ensemble aus Europa, Afrika und Südamerika, zusammengekommen zu einer Trauerzeremonie, zu einem mitreissenden, multikulturellen Fest des Todes.

Die musikalische Grundlage des Abends ist Mozarts berühmtes Requiem, das gewissermassen zu seiner eigenen Totenmesse wurde. Das Werk blieb zum Zeitpunkt des Todes des genialen Komponisten Fragment und wurde von zwei Komponisten posthum vollendet.

So also kann Musiktheater heute sein. Bitte mehr davon, auch hier auf dem heimischen Theaterspielplan.

Der belgische Komponist Fabrizio Cassol hat sich nun die Freiheit genommen, das Requiem auf ganz eigene Art neu zu vollenden. Mit afrikanischer und brasilianischer Musik, mit Opernsängern und Sängern aus dem Kongo und mit Instrumenten, die in der Wiener Klassik noch nichts zu suchen hatten: E-Bass und -Gitarre, Schlagzeug, Akkordeon, Euphonium – eine kleine Tuba – und afrikanische Daumenklaviere, Likembe genannt.

Was dabei herauskommt, ist schlicht hinreissend: Die zauberhaften Harmonien des Mozartschen Originals verschmelzen mit den wunderbaren rhythmischen Klängen afrikanischer Musik. Ein fantastisches Wechselspiel entwickelt sich zwischen den in sich gekehrten, trauernden D-moll-Wohlklängen Mozarts und den energiegeladenen, expressiven Totentanz-Weisen Afrikas.

Das funktioniert so gut, weil grandiose Musiker und Sänger auf der Bühne sind, die sich, von Festival-Superstar Alain Platel choreografiert, mit voller körperlicher Vitalität in Szene setzen. Voller Hingabe bewegen sie sich durch das Gräberfeld, heben auf den stilisierten Grabsteinen zum Tanz ab, kehren von Trauer übermannt in sich. Und im Hintergrund sieht man auf der grossen Leinwand, wie «L.» langsam ihre Lebensgeister aushaucht.

Es ist eine grossartige, überwältigende Trauerzeremonie, in der zugleich so unglaublich viel Lebendigkeit steckt. So also kann Musiktheater jenseits des bildungsbürgerlichen Kanons heute sein. Bitte mehr davon, auch hier auf dem heimischen Theaterspielplan.

Ehemalige Kriegsgegner auf der Bühne

In der Anlage und der Ästhetik ganz anders, aber ebenfalls sehr eindringlich ist das Dokumentartheater-Projekt «Campo Minado / Minefield» der Argentinierin Lola Arias. Sie hat es geschafft, sechs Veteranen aus dem Falkland-Krieg von 1982 auf die Bühne zu bekommen. Es sind drei Briten und drei Argentinier, die heute um die 60 Jahre alt sind und sich vor 36 Jahren bekriegen mussten, womöglich sogar aufeinander geschossen haben.

Falkland-Veteranen aus Argentinien und Grossbritannien treffen auf der Bühne aufeinander.

Arias inszeniert nun nicht ein künstlerischers oder gar gekünsteltes Versöhnungsepos. Die ehemaligen Soldaten streiten sich noch immer darüber, zu welcher Nation die Falklands oder Islas Malvinas nun wirklich gehören sollen. Das, was die einstmaligen Feinde miteinander verbindet, ist vielmehr die Auseinandersetzung mit den ureigenen Kriegstraumata.

Einer der Engländer erzählt zum Beispiel, wie er auf einen sterbenden Kriegsgegner trifft, der ihn mit seinen letzten Worten auf Englisch anspricht und ihm plötzlich menschlich ganz nahe ist. Ein Moment, der ihn nie mehr losgelassen hat.

Durch das Zusammentreffen der ehemaligen Feinde entsteht eine merkwürdige, aber berührend-komische Gemeinschaft, die in eine Art Zweckfreundschaft mündet. Ungeschminkt, wahrhaftig und ungespielt.

Nun, ganz ungespielt dann doch nicht. Denn immer wieder nehmen die Teilnehmenden ihre Musikinstrumente in die Hand, um rockig gegen den Krieg anzusingen. Mit dem Beatles-Hit «Get Back», oder ganz zum Schluss mit einem Punk-Riff, zu dem einer der ehemaligen Soldaten dem Publikum entgegenbrüllt: «Have you ever been to war? Have you ever killed anybody?»

Das geht durch Mark und Bein. Anders, weniger emotional berührend als das oben beschriebene Requiem, aber ebenso lange nachhallend.

Die beiden Produktionen sind bereits abgespielt. Das Theaterfestival Basel dauert aber noch bis zum 9. September 2018.

Konversation

  1. Es ist natürlich ziemlich frivol den Applaus der übrigen 800 ZuschauerInnen als Hohn zu bezeichnen. Alles offensichtliche GeisterfahrerInnen, welche nichts kapiert haben und den wendelin’schen Ansprüchen nicht genügen können. ZuschauerInnen, welche dummdreist einer seichten «Weltmusik« huldigen und sich dann auch noch mitten im Mainstream zu einer stehenden stehenden Ovation hinreissen lassen. Pfui, und nochmals pfui! Nur Wendelin & seine Mutter wissen, welche Interpretation Mozart verdient hat. Ein bisschen viel Allmachtsgefühl und wenig Toleranz für andere Sicht- und Hörweisen. Man müsste Mozart ausbuddeln und ihn befragen… Aber halten wir’s kurz: Mir hat dieses Requiem sehr gut gefallen. Die Aufführung fand ich berührend und die musikalische Erweiterung hat mich begeistert.

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  2. Erstaunlich und natürlich auch gut, dass man eine «Theaterproduktion» so unterschiedlich erleben kann. Aber, Mozart? Requiem?? Nun, meine Mutter und ich haben offen gestanden erwartet, dass wir eine spannende Auseinandersetzung mit dem fantastischen Fragment von Mozart erleben würden. Gerne auch eigenwillig und unkonventionell, auch kresnikmässig durchtrieben (zu seinen besten Zeiten), bitte aber immer intelligent. Schnell mussten wir aber zu unserem grossen Bedauern – mitten in der Sitzreihe – feststellen, dass man uns den berühmten Früchtequark auftischt, in dem vieles drin ist, nur keine Früchte. Mozart zumindest braucht keine solche «Interpretation» eines «Requiem pour L.». Und, ein Requiem ist nun mal ein Requiem.

    Mozart ist an diesem Abend allenfalls in stark trivialisierten Anleihen überhaupt nur zu ahnen gewesen, so ganz nach dem Grundsatz: wir bedienen uns mal wie’s beliebt und schauen, dass alles technisch nicht zu schwierig wird. Dafür exaltieren wir vordergründig künstlich dermassen, dass die Betroffenheitsfalle ganz automatisch zuschnappt, ja zuschnappen muss. Zum Fremdschämen. «Dies Irae» kommt als Tiefpunkt in einen Dreivierteltakt verschoben mit dem Duktus zum Mitschunkeln. Aber das kam dann erst später im heiteren Teil. Ja, Weltmusik natürlich, genauer: belangloses, klischeebehaftetes Irgendwas. Dies hört man aber leider jederzeit besser und mitreissender auf jeder Ex Libris-Compilation «Best of African Sound».

    Verheerend dazu kam der vollkommen einfallslose, sequentielle Ansatz der Mise-en-Espace: ein Musikstück nach dem anderen runter spielen zu lassen, ohne diese kompositorisch und inszenatorisch zu binden, finde ich schon fast dreist. Nur, für einen gewieften dramaturgischen Ansatz, für die Entwicklung einer musikalischen Form wäre zuerst einmal profundes Handwerk notwendig.
    Auch hätte man kein störendes und «hallo, wir sind auf einem Friedhof»-schreiendes Bühnenbild benötigt, dass in der Strenge der Anlage leider auch noch ein einziges Grab eliminiert hat, um dem Schlagzeuger Platz für sein Drumset zu verschaffen. Wie peinlich ist das denn! Es gibt genügend talentierte Schlagzeuger in Europa, die nichts brauchen ausser ein paar gute Ideen und ein paar Resonanzkörper. Als dann – kein Witz – tatsächlich noch ein Schlagzeug-Solo (na, ja) kommen musste, war der Anflug des letzten Zaubers, den der eine oder die andere Darstellerin doch noch zu erzeugen vermochte, wieder verflogen. Geht alles gar nicht.

    Warum nicht einfach ehrlich sein und ein Konzert veranstalten ohne dieses pseudo-intellektuelle Gedöhns im Begleittext? Leider auch nein. Die Qualität des Vortrages (die Sopranistin ausgenommen) hätte selbst an irgendeinem beliebigen, frühen Dienstag Abend am regnerischen Genfersee, sozusagen als Vorabend-«Ethno-Happening» in Montreux nicht gereicht. Wenn man leichtfüssig von der Form wegkommen will, sollte man diese zuerst einmal beherrschen, idealerweise ziemlich virtuos.

    Und so sassen wir dann eine Ewigkeit ab, dauerten durch diese Ansammlung belangloser und völlig beliebiger Versatzstücke schlecht umgesetzter Populärkultur. Je länger sich das hinzog hat, desto mehr habe ich gehofft, dass bitte endlich einer scharf von rechts aus der Gasse auftritt, um mal ein bisschen Stringenz reinzubringen. Ich wäre bereits nach einer gefühlten Stunde mit einem Überraschungsgast André Rieu schon mehr als zufrieden gewesen.

    Ich bezweifle, dass die Dame, die auf der rückwandfüllenden Leinwand 90 Minuten präsent war, zu dieser eigentlich unfreiwillig tief traurigen Umsetzung ihre Zustimmung gegeben hat – sie hat ja ganz offensichtlich nicht mehr sehen können, auf welche Art sie ausgestellt wird. Und das hinterlässt am Ende ein dramatisch schlechtes Gefühl. Standing Ovations – was für ein Hohn. Beklemmend.

    Karajan 1975 (Fassung von Franz Beyer), Harnoncourt 2003

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