«Söhne»: Integriert doch heimatlos

Gefangen im Niemandsland zwischen den Kulturen: In ihrer zweiten Produktion «Söhne» präsentiert die Volksbühne Basel auf unprätentiöse und glaubwürdige Art das Schicksal von Männern, die in der modernen urbanen Welt heimatlos geworden sind.

Die «Söhne» im Kulturenstress (Bild: Dominik Labhardt)

Gefangen im Niemandsland zwischen den Kulturen: In ihrer zweiten Produktion «Söhne» präsentiert die Volksbühne Basel auf unprätentiöse und glaubwürdige Art das Schicksal von Männern, die in der modernen urbanen Welt heimatlos geworden sind.

Es gibt kaum einen Platz, der sinnbildlicher sein kann für Einsamkeit, Aufenthalts- und Heimatlosigkeit wie der Bahnhofsimbiss. Einem solchen sieht man sich in der Produktion «Söhne» der Volksbühne Basel gegenüber, die sich, nicht weit vom tatsächlichen Bahnhof entfernt, in einem Nebenraum der grossen Markhallenkuppel eingenistet hat.

Es ist aber nicht das Klischeebild der heruntergekommenen Imbissbude, das da zu sehen ist. Der Raum ist sauber, die Einrichtung mit einer Bar aus Harassen, hübschen Sperrguttischen und -stühlen entspricht eher desingmässiger Hipness als einer verwahrlosten Schmuddel-Umgebung. Und die Sandwiches, die der Barmann (Robert Baranowski) mit routinierter Sorgfalt zubereitet, sehen schmackhaft aus.

Integriert…

Auch die Figuren, die schon da sind oder nach und nach eintreten, sind nicht die verlorenen Seelen, die von Armut, Alkoholismus und Arbeitslosigkeit geprägt sind. Es sind alles Menschen, die eine Aufgabe und ein Auskommen haben: neben dem Barmann die Musiker (Haki Kilic und Delchad Ahmad), ein Schauspieler (Orhan Müstak) und ein Autor (Nadim Jarrar).

Es sind junge und nicht mehr ganz so junge Menschen, die sehr wohl einen Migrations- (oder Emigrations-)Hintergrund haben, aber als integriert zu taxieren sind: Der Kurde, der in Deutschland als Schauspieler arbeitet (und entsprechend die Sprache perfekt beherrscht), der Palästinenser, der auf deutsch Bücher schreibt, die Musiker, die sich virtuos mit ihren Instrumenten ausdrücken können. Nur der Barmann, der von seiner Tätigkeit her gesehen eigentlich als einziger einen typischen Ausländerberuf ausübt, besitzt scheinbar keinen Migrationshintergrund.

…und doch heimatlos

Und doch ist es eine Integration, die an der Oberfläche steckengeblieben ist. Der Schauspieler zum Beispiel bekommt stets die Rolle des Ausländers zu spielen, wie er sagt, den unsympathischen und schwierigen Ausländer, der aggressiv und klischeehaft auf Provokation und Streit aus sein muss, obschon er doch eigentlich viel lieber Verse von Goethe deklamieren würde. Die andere Kultur lässt ihn auch privat nicht los: Er, der von seinem Vater verstossen wurde, weil er seine als Ehefrau auserwählte Cousine nicht heiratete, muss im Dreiminutentakt am Telefon die Geschicke seiner Grossfamilie regeln.

Wirkliche Integration oder Heimat ist anders. Aber es ist nicht in erster Linie der Nationalitätenhintergrund, der die Heimatlosigkeit in der urbanen deutschsprachigen Welt ausmacht, es ist zu einem grossen Teil auch das patriarchale Gefüge der provinziellen Dorfgemeinschaft, das diese Menschen auf wackligem Boden wandeln lässt.

Jeder für sich

Anina Jendreyko lässt diese Figuren nun als Zufallsgemeinschaft in diesem Bahnhofsimbiss aufeinandertreffen. Obschon der Begriff Gemeinschaft schon viel zu weit geht. Jeder sitzt für sich an seinem Tisch, und wenn gesprochen wird, dann sind dies, obschon die Schicksale der Figuren vergleichbar sind, mehr Monologe als Dialoge. Ein wirklicher verbaler Austausch findet nicht statt, die Heimatlosen bleiben heimatlos, bis sie das Lokal schliesslich so unvermittelt wieder verlassen, wie sie erschienen sind.

Neben dem Barmann sind am Schluss nur noch die Musiker da. Anders als die anderen Figuren bietet ihnen die virtuos vorgetragene und atmosphärisch dichte Musik Halt. Sie beklagen sich nicht über ihre Väter, die ihnen das Leben schwer machen, nicht über die Mütter, die im Elend untergehen.

Ein Psychogramm

Anders als bei der ersten Produktion «Romeo und Julia» wird bei «Söhne» nicht ein Stück gespielt oder eine eigentliche Geschichte erzählt. Es ist vielmehr das Psychogramm der zwischen den Kulturen Gestrandeten, das hier von verschiedenen Seiten her beleuchtet wird. Dieses geschieht auf ausgesprochen glaubwürdige und erhellende Art und Weise. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Akteure auf der Bühne die Figuren nicht einfach spielen, sondern zu einem grossen Teil wirklich sind.

Die kraftvolle Authentizität dieser Daseinsbeschreibung ist aber zugleich eine kleine Schwäche des an sich präzise inszenierten und eindrücklich gespielten Abends. Denn über die Momentaufnahme hinaus geschieht, wenn man von einem unvermittelt aus- und sogleich wieder abbrechenden Wutanfall des Barmanns absieht, nicht allzu viel. Die Figuren erscheinen auf die Dauer doch sehr in ihrer vom Schicksal bestimmten Opferrolle gefangen.

Am Schluss verlassen sie den Bahnhofsimbiss, so wie sie gekommen sind: gefangen und heimatlos im Niemandsland zwischen den Kulturen. Und das Publikum bleibt etwas ratlos zurück. Aber Ratlosigkeit regt letztlich auch zum Nachdenken an. Und das ist wahrlich kein schlechtes Fazit eines Theaterabends.

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Weitere Vorstellungen: 30. Mai und 3. bis 6. Juni, Markthalle Basel.

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