Superstar David Garrett ist da – und spielt letztlich doch nur die zweite Geige

Teufelsgeiger David Garrett ist da und spielt mit dem Sinfonieorchester Basel im Musicaltheater Tschaikowsky. So richtig zufriedenstellen konnte er bei seinem ersten von zwei Auftritten weder seine jungen Fans noch die vornehmlich nicht ganz so jungen Konzert-Abonnenten.

David Garrett bei einem früheren Auftritt mit dem Sinfonieorchester Basel.

(Bild: Sinfonieorchester Basel)

Teufelsgeiger David Garrett ist da und spielt mit dem Sinfonieorchester Basel im Musicaltheater Tschaikowsky. So richtig zufriedenstellen konnte er bei seinem ersten von zwei Auftritten weder seine jungen Fans noch die vornehmlich nicht ganz so jungen Konzert-Abonnenten.

Dieses Mal hat die Marketing-Maschinerie gegriffen: «Garrett spielt Tschaikowsky», verkündete das Sinfonieorchester Basel auf den Plakaten. Und schwupps waren die beiden Konzerte von gestern Mittwoch und heute Donnerstag (15./16. März) ausverkauft. Ganz anders im letzten Sommer, als das selbe Orchester den Namen des berühmten Solisten Stewart Copeland verschämt versteckt hatte und sich beim launigen Kino-Konzert im weiten Rund des Römertheaters Augusta Raurica mit vielen leeren Plätzen konfrontiert sah.

Jetzt also war (und ist) er da. Der, den man in Anlehnung an die Violinisten-Legende Niccolò Paganini gerne «Teufelsgeiger» nennt, für seine vielen jungen, vornehmlich weiblichen Fans aber letztlich ein Engel ist.

Wo sind die vielen Garrett-Groupies?

Aber zu Beginn des ersten Konzertabends im Musicaltheater Basel ist von dieser Fangemeinde, die für das «Ausverkauft»-Schild am Eingang gesorgt hatte, noch nicht viel zu spüren. Auf jeden Fall nicht in der Mitte der 18. Reihe: Rundherum sitzen die eher angegrauten oder ganz enthaarten Musikfreunde, die man vor dem Umbau auch in den Abonnementskonzerten im Musiksaal des Stadtcasinos antraf.

Kommt dazu, dass das Konzert ganz anders beginnt, als sich dies ein eingefleischter Garrett-Fan wohl erhofft hat. Nämlich mit der Sinfonie Nr. 12 in d-Moll von Dmitri Schostakowitsch. Das ist ein 38-minütiger Schwall von sowjetischem Pathos, ausgesprochen wuchtig in den Tutti und geheimnisvoll flirrend in den leiseren Stellen.

Die 1961 uraufgeführte Sinfonie zum Andenken an Lenin ist vielleicht nicht das beste Werk von Schostakowitsch, aber in seiner Basler Erstaufführung toll und mit hörbarer Liebe zum vollen Klang gespielt vom Orchester unter der Leitung von Dennis Russell Davies.

Der Star begeistert seine Fans erst am Schluss

Man mag sich beim Lesen dieser Zeilen jetzt vielleicht fragen, wo denn nun endlich der Garrett bleibt! Das haben sich vielleicht auch seine Fans gefragt, als es ohne Stareinsatz in die Pause und danach gleichermassen weiterging. 12 Minuten Tell-Ouvertüre von Rossini waren noch zu überstehen. Zumindest ein Gassenhauer des klassischen Repertoires, der mit dem berühmten und schmissigen finalen Galopp direkt zu ihm führte, dessentwegen doch so viele gekommen waren.



Diese Schild freut jeden Veranstalter.

Dieses Schild freut jeden Veranstalter. (Bild: Dominique Spirgi)

Endlich also tritt David Garrett aufs Podest. Ohne pyromanische Spezialeffekte zwar und auch sonst relativ zurückhaltend in der Erscheinung: schwarzer Anzug, dunkles T-Shirt und die sonst wallenden langen Haare zum «Pfürzi» zusammengeknäult. Schliesslich geht es dieses Mal nicht um Crossover, sondern um seriöse Klassik beziehungsweise Romantik mit dem berühmten Konzert für Violine und Orchester in D-Dur, op.35 von Tschaikowsky.

Etwas gar forciert

Aber es ist trotz der äusserlichen Zurückhaltung unverwechselbar der Garrett. Und das Violinkonzert, das er als Solist begleitet, ist mit seinen Trillern, Akkordgriffen und Tonleiterkaskaden, den sentimentalen und überhöht gefühlsbetonten Passagen nicht die schlechteste Wahl für einen Teufelsgeiger – zumal der Solist hier doch vergleichbar viele Freiheiten hat.

Entsprechend kraftvoll legte sich Garrett ins Zeug, als ginge es darum, seine Stradivari zum Bersten zu bringen (was ihm aber glücklicherweise nicht gelingt). Eines steht ohne Zweifel: Spielen kann er meisterlich. Und er demonstriert dies auch, indem er der unglaublichen Virtuosität und Dynamik der Solopassagen noch etwas draufsetzt.

Da stimmt alles, die Töne und Tempi sitzen, die Empathie ist spürbar, nur wirkt es letztlich halt etwas gar forciert. Dazu kommt, dass Dirigent Russell Davies das Orchester so weit zurücknimmt, dass es nicht viel mehr als Begleitung des Solisten ist und nicht mehr wirklicher musikalischer Partner.

Nun endlich zeigen sich die Groupies

Nach 33 Minuten ist es vorüber. Und nun werden die Garrett-Groupies, die sich offensichtlich in den ersten Sitzreihen niedergelassen haben, sichtbar: Vor den grauen und kahlen Häuptern der Saalmitte ragen blonde, rote und andersfarbige Hinterköpfe jüngerer Frauen empor.

Aber so richtig frenetisch ist der Applaus nicht. Noch nicht. Das wird er erst bei den Zugaben. Bei Paganinis Geigenkabinettstückchen «Carnevale di Venezia», bei dem das Orchester noch als Pizzicato-Körper mittun kann, und bei einem kurzen letzten Solo ohne Orchesterbegleitung, das wohl einem Song von Michael Jackson nachempfunden ist. Da rauscht der Jubel auf.

Am Schluss nehmen wohl alle ein leicht zwiespältiges Gefühl mit. Die grossen Fans werden das Crossover-Blingbling vermisst haben. Andere denken, dass man Tschaikowskys Violinkonzert schon stimmiger gehört hat. Mit der Zeit aber taucht im Hinterkopf die Schostakowitsch-Sinfonie wieder auf. Als wirklicher Höhepunkt des Konzertabends des Sinfonieorchesters Basel, an dem Garrett letztlich doch nur die zweite Geige gespielt hat.
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«Garrett spielt Tschaikowsky». Konzert mit dem Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Dennis Russell Davies und David Garrett als Solist. Das Konzert von Donnerstag, 16. März 2017, ist ausverkauft.

Konversation

  1. Auch der/die Kritiker/in wird mal älter werden und froh sein überhaupt noch wahrgenommen zu werden… aber ganz sicher schubladisiert in „graue kahlköpfige“ Masse…

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