Theater Basel zwischen Auf-, Ein- und Umbruch

Simon Solberg geht, Calixto Bieito kommt – und daneben werden ein neues Publikum und eine neue Gesamtleitung gesucht. Das Theater Basel rackert sich an einigen Baustellen ab.

Ganz schön trashig: Simon Solberg hat mit seinen Inszenierungen – hier «Moses» – auch hinter den Kulissen für einigen Wirbel gesorgt. (Bild: Judith Schlosser)

Simon Solberg geht, Calixto Bieito kommt – und daneben werden ein neues Publikum und eine neue Gesamtleitung gesucht. Das Theater Basel rackert sich an einigen Baustellen ab.

Wir wollen, dass das Theater für den gesellschaftlichen Diskurs in dieser Stadt wieder zur kulturellen Instanz wird», sagte Simon Solberg noch vor einem Jahr. Zusammen mit dem Chefdramaturgen Martin Wigger und seinem Regiekollegen Tomas Schweigen hatte er sich, mit Jahrgang 1979 jüngstes Mitglied des Trios, vor einem Jahr mit viel Elan in die Aufgabe gestürzt, das Basler Schauspiel aus der Lethargie zu reissen; dieses hatte nach sechs Jahren unter Elias Perrigs Leitung arge Ermüdungserscheinungen gezeigt.

Nun aber wird Theaterdirektor Georges Delnon an der Spielplan-Präsentation am 7. Mai öffentlich bestätigen, was die TagesWoche online bereits am 29. April publik gemacht hat: dass ­Solberg nach dieser Saison bereits wieder aussteigen wird.

Solbergs Sturmschäden

Offiziell will das Theater Basel zu dieser «Annahme einer Mutation in der Schauspielleitung» nicht Stellung nehmen, wie Sprecher Michael Bellgardt mitteilt. Und seit wir diese durch mehrere glaubwürdige Quellen bestätigte Nachricht veröffentlicht haben, herrscht erst recht Funkstille. So war bisher auch nicht zu erfahren, ob das Gerücht stimmt, wonach ­Solbergs Leitungsstelle intern neu ­besetzt werde.

Es ist indes kein Geheimnis, dass der begabte, aber umtriebige Vollblut-Theatermann Solberg in seiner Funktion als Co-Spartenleiter keine wirklich glückliche Hand hatte – und letztlich mit dieser Aufgabe auch nicht glücklich wurde. Mit seinem kompromisslosen Einsatz in eigener Sache sorgte er auf der Bühne zwar für ­frischen Wind, hinterliess hinter den Kulissen aber etliche Sturmschäden.

Durchzogene Bilanz

Solbergs zügellose Arbeitswut, die schon einmal dazu führen konnte, dass der Regisseur nur wenige Tage vor der Premiere ein neues Bühnenbild bestellte, soll den technischen ­Apparat des Theaters mitunter arg ­belastet haben.

Dazu kommt, dass Solbergs aktuelle Arbeiten nach seinem beachtlichen Basler Einstand mit Schillers «Räubern» (2010) und Ibsens «Volksfeind» (2011) inhaltlich nur noch bedingt zu begeistern vermochten. Sein plakativer «Moses»sehr elementarer Shit») fiel in Basel ebenso durch wie sein durch die Trash-Mangel gedrehter «Don Karlos» von Schiller. Für die Höhepunkte der Schauspielsaison sorgten andere. Etwa Thom Luz mit seinem skurril-poetischen «Werther»-Abend oder Volker Lösch, der das Publikum mit seinem fulminanten chorischen Bühnenfeuerwerk «Angst» bombardiert hatte.
Auch Solbergs Leitungskollege ­Tomas Schweigen, der zur letzten ­Premiere der Schauspielsaison lädt, setzte mit Strindbergs «Traumspiel» und dem Bob-Dylan-Projekt «Like a Rolling Stone» Zeichen, die länger nachhallten und besser ankamen.

Calixto Bieito als Hausregisseur

Solbergs Abgang wurde, so die Informationen, die der TagesWoche vor­liegen, vor einigen Wochen an einer Mitarbeitersitzung des Schauspiels bekanntgegeben. Ebenso die Tatsache, dass der gefeierte und zum Teil auch gefürchtete katalanische Theater­macher Calixto Bieito fest als Haus­regisseur für Oper und Schauspiel verpflichtet werden soll. Bieito war mit seinen herausragenden Opern­inszenierungen am Theater Basel massgeblich mitverantwortlich für die zweimalige Auszeichnung des Drei-Sparten-Hauses als «Opernhaus des Jahres». Ihn bald als Schauspielregisseur kennenlernen zu können, darf als Gewinn gewertet werden.

Unter dem Strich hat das Schauspiel mit dem Leitungswechsel bereits an Frische gewonnen. Was sich offenbar auch auf die Zugkraft auswirkt: ­Obschon keine offiziellen Zahlen zu erhalten sind, ist zu vernehmen, dass das Schauspiel in der laufenden Spielzeit wieder ein grösseres Publikum anzusprechen vermag. Angesichts der miserablen Auslastung von gerade mal 48 Prozent im Vorjahr heisst das aber noch nicht viel.

Der versprochene «Vollkontakt» mit dem Publikum blieb bisher aus.

Zum «Vollkontakt» mit dem Publikum, wie sich Solberg vor Saison­beginn ausgedrückt hatte, ist es allerdings nicht wirklich gekommen. Das Versprechen, vermehrt und aktiv auf die Bevölkerung zuzugehen, wurde nur marginal erfüllt. Zwar installierte das Schauspiel im Foyer des Schauspielhauses die niederschwellige Veranstaltungsreihe «Bar aux fous».

Produktionen ausserhalb der ­Theatermauern gab es bislang aber nur eine Einzige («Expats. Eidgenossen in Shanghai» im Hotel Dorint). Am 3. Mai wird mit «Vaudeville! Open Air» auf dem Theaterplatz die zweite Aussenproduktion folgen.

Ein stärkerer Kontakt zum Publikum insbesondere auf dem Lande wäre für das Theater durchaus von Nutzen gewesen. Denn bereits im kommenden Jahr beginnen die Verhandlungen über die neuen Subventionsverträge. Die finanziellen Folgen der verlorenen Theaterabstimmung im Baselbiet wiegen nach wie vor schwer. Während das Theater wohl auf die Unterstützung durch Basel-Stadt im bisherigen Rahmen zählen kann, sind die Aussichten auf mehr Subventionen aus dem Landkanton höchst ungewiss – zumal die Finanzlage in Baselland nach wie vor angespannt ist.

Wer folgt auf Georges Delnon?

Die ungewisse finanzielle Zukunft des Theaters trägt nicht gerade zur ­Erleichterung der Aufgabe bei, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin von Theaterdirektor Georges Delnon zu finden, der das Theater Basel im Sommer 2015 verlassen wird. Eine Findungskommission, angeführt vom Vizepräsidenten des Theater-Verwaltungsrats, Rudolf Grüninger, befasst sich gegenwärtig intensiv mit einer «Short List» potenzieller Kandidatinnen und Kandidaten.

Wie viele Kandidatinnen und Kandidaten sich auf dieser «Shortlist» ­befinden, wollte der Basler Kulturbeauftragte und Findungskommissionsmitglied Philippe Bischof auf Anfrage nicht verraten. Nur dass man sich zum Ziel gesetzt habe, bis im Herbst den Namen der künftigen Theater­direktorin oder des künftigen Direktors bekannt zu geben. «Dann bleibt der neuen Leitung noch genügend Vorbereitungszeit», so Bischof.

Hört man sich in Publikums­kreisen um, dann bekommt man den Eindruck, dass eine Reinkarnation von Frank Baumbauer die Idealbesetzung wäre. Unter Baumbauer avancierte das Theater Basel 1988–1993 zu einer der meistbeachteten Bühnen im deutschsprachigen Raum. Von einer Reinkarnation Baumbauers möchte Bischof, der unter ihm als Regieassistent tätig war, nicht gerade sprechen. Eher von «Baumbauers Geist» oder etwas konkreter von dessen «Fähigkeiten, das Theater zu elektrisieren, neue Talente und Handschriften aufzuspüren und diese konsequent zu fördern». Eigenschaften, die dem Theater Basel guttun würden.

Heiss gehandelte Namen

Bislang haben sich an der Spitze des Theaters Basel in schöner Regel­mässigkeit Schauspiel- und Opernspezialisten abgelöst. Demnach wäre nach Delnon wieder ein Schauspielspezialist an der Reihe. Oder wie wäre es mit einer Spezialistin?

Amélie Niermeyer (*1965) etwa kennt das Theater Basel von verschiedenen Regiearbeiten her (zuletzt inszenierte sie Frischs «Biografie: Ein Spiel»). Mit dem Theater Freiburg (2002–2005) hat sie mit Erfolg bereits ein Drei-Sparten-Haus geleitet. Als Direktorin des Düsseldorfer Schauspielhauses agierte sie von 2006 bis 2011 indes weniger glücklich.

Barbara Weber (*1975) feierte als Co-Direktorin am Zürcher Theater Neumarkt grosse Erfolge. Die gebürtige Toggenburgerin gilt als aufstrebendes Theatertalent, das überdies über ein beachtliches Netzwerk verfügt. Der Sprung von der kleinen Schauspielbühne zum grössten Drei-Sparten-Haus der Schweiz wäre aber sehr gross, eher in Kombination mit einem Opernspezialisten denkbar.

Etwa mit Albrecht Puhlmann (*1955), der als ehemaliger Basler Operndirektor das Haus und die Stadt sehr gut kennt. Puhlmann gilt als ­versierter Netzwerker und Förderer junger Talente. Als ehemaliger Intendant der Staatsopern in Hannover und Stuttgart konnte er Erfahrungen in der Leitung von grossen Theaterhäusern sammeln.

Oder gar ein Lörracher?

Zu den grossen Favoriten gehört aber auch Sebastian Nübling (*1960). Der gebürtige Lörracher, der immer wieder in Basel inszeniert und auch als Opernregisseur bereits Erfahrungen sammeln konnte, gilt bei vielen Theaterleuten als Wunschkandidat. So war Nübling von einer ausgesprochen prominenten Fangruppe im Internet bereits als Interims-Schauspielleiter ab 2012/13 ins Gespräch gebracht worden – unter anderem unterstützte ihn ­damals auch der gefeierte deutsche ­Regisseur Stephan Kimmig (*1959).

Er gehört wie Nübling zu den regelmässigen Gästen am renommierten Berliner Theatertreffen. Und wie sein Lörracher Berufskollege hat er ebenfalls schon Erfahrungen als Opern­regisseur sammeln können. Allerdings dürften Kimmig die Verhältnisse in Basel wenig vertraut sein.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 03.05.13

Konversation

  1. In der Print-Ausgabe der TagesWoche vom 3. Mai schreibt Dominique Spirgi unter dem Titel «Theater Basel zwischen Auf-, Ein- und Umbruch» u.a.: «Hört man sich in Publikumskreisen um, dann bekommt man den Eindruck, dass eine Reinkarnation von Frank Baumbauer die Idealbesetzung wäre. Unter Baumbauer avancierte das Theater Basel 1988–1993 zu einer der meistbeachteten Bühnen im deutschsprachigen Raum. Von einer Reinkarnation Baumbauers möchte Bischof, der unter ihm als Regieassistent tätig war, nicht gerade sprechen. Eher von ‹Baumbauers Geist› oder etwas konkreter von dessen ‹Fähigkeiten, das Theater zu elektrisieren, neue Talente und Handschriften aufzuspüren und diese konsequent zu fördern›. Eigenschaften, die dem Theater Basel guttun würden.»
    Dazu ein paar Fakten, die sowohl Dominique Spirgi als auch Philippe Bischof bekannt sein müssten:
    Seit der Spielzeit 1968/69, also seit dem Zusammenschluss des Stadttheaters Basel mit der Komödie Basel zu den Basler Theatern, erreichte Horst Statkus in der Saison 1983/84 mit 308 824 verkauften Karten den höchsten Publikumszuspruch. Am Ende seiner Direktionszeit in der Spielzeit 1987/88 verzeichnete das Theater immer noch 275 884 Zuschauerinnen und Zuschauer – so viele wie seither nie mehr.
    Dieses «Erbe» nahm unter der Direktion von Baumbauer kontinuierlich ab: bis 1991/92 sank die Besucherzahl auf 228 123. Innert vier Spielzeiten hat Baumbauer also 14 Prozent des «ererbten» Publikums aus dem Theater verjagt. Dass er in der folgenden Spielzeit die Nachfrage um knapp 4 Prozent steigern konnte, ändert am Gesamtbild wenig: dass Baumbauer weniger «Theater für Basel» als mit bewundernswerter Konsequenz und viel Erfolg (Intendanz des Hamburger Schauspielhauses, Leiter des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen, Intendanz der Münchner Kammerspiele) «Theater für Baumbauer» gemacht hat.
    Übertroffen» wurde die von Baumbauer erreichte Entfremdung des Basler Publikums von seinem Theater nur noch durch die «Leistung» Schindhelms, der innert fünf Spielzeiten die Zuschauernachfrage (1995/96 [letzte Spielzeit Doll] 245‘424, 2000/2001 157‘726) um mehr als ein Drittel (35,7%) grad dreifach dezimierte – ein absoluter «Rekord» in der neueren Basler Theatergeschichte! Am Ende seiner Direktionszeit 2005/06 hatte er immerhin wieder auf 177‘781 aufgeholt. Nach einem «Taucher» von fast 11 Prozent in seiner ersten Spielzeit 2006/07 übertraf Delnon 2009/2010 die Schlussnachfrage seines Vorgängers knapp mit 178‘718, verlor seither aber wieder kontinuierlich und brach in der letzten abgerechneten Saison 2011/12 wieder um 7 Prozent auf 164‘645 ein.

    Dass Besucherzahlen allein kein Kriterium für die Qualifikation eines Theater sein können, ist unbestritten. Sie zu ignorieren und mit faktenwidrigen Mythologisierungen wie «Baumbauers Geist» zu «argumentieren» ist trotzdem unzulässig.

    hansueli w. moser-ehinger

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  2. Delnon legt noch schnell ein Ei? Ein Brutalo-Bieito pro Saison reicht doch vollauf!

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