Theater-Tauchgang in eine virtuelle Welt

Das Cyber-Theaterexperiment «Terra Nova» der belgischen Gruppe Crew lädt zu einem faszinierenden Tauchgang in eine virtuelle Welt, bettet das Ganze aber inhaltlich in einen etwas langfädigen Rahmen ein.

Zwischen der realen und der virtuellen Welt (Bild: Stefan Dewickere)

Das Cyber-Theaterexperiment «Terra Nova» der belgischen Gruppe Crew lädt zu einem faszinierenden Tauchgang in eine virtuelle Welt, bettet das Ganze aber inhaltlich in einen etwas langfädigen Rahmen ein.

Es kann sein, dass man auf der Cybertheaterreise durch «Terra Nova» mit weissen Mäusen in Kontakt kommt. Die Tierchen sind zwar nicht real vorhanden, über Datenbrille und Kopfhörer aber dennoch auf wohl beunruhigende Weise präsent.

Mir selber ist diese Begegnung als direkte Erfahrung erspart geblieben. Aber ich konnte von aussen einen Eindruck erhalten, was die Gruppe der verkabelten Zuschauerinnen und Zuschauer – oder besser: Mitwirkenden – gerade durchlebt. Aber nur ungefähr, denn die Übertragung der virtuellen Umgebung auf eine Leinwand ist natürlich sehr viel distanzierter als das, was man über die umgeschnallte Datenbrille direkt empfängt.

Diese Erfahrung hatte ich, eingeteilt in eine andere Gruppe, bereits hinter mir. Und auch diese war, wenn auch inhaltlich ganz anders geartet, nicht wirklich entspannend. Es fing damit an, dass ich mich, nachdem ich auf einer Rollbahre in die Horizontale zurückgekippt worden war, in einem Sarg wiederfand, der dann in einen zum Kirchenraum umfunktionierten Fabrikraum gekarrt wurde.

Immersives Theater

«Immersives Theater» nennt die belgische Gruppe Crew des Comiczeichners und Theaterkünstlers Eric Joris diese Performance im Grenzbereich zwischen Theaterexperiment, Film und Medienkunst. Mit Immersion ist das Eintauchen in eine technisch generierte künstliche Welt gemeint. Als Zuschauer oder Beteiligter wird man zum Avatar in einer virtuellen Umgebung, zum Teil einer Geschichte, die einen wie in einem Traum gefangen hält.

Das immersive Theaterprojekt, das aktuell im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Portable Reality» des Hauses für elektronische Künste, des Museums Tinguely und der Kaserne Basel zu erleben ist, trägt des Titel «Terra Nova». Dieser ist mehrdeutig zu verstehen. Einerseits wird damit eben das Eintauchen in eine technische und formale Terra Nova angesprochen. Auf der anderen Seite nimmt der Titel inhaltlich Bezug auf die gleichnamige Antarktisexpedition des Briten Robert Falcon Scott, die 1910 ein tragisches Ende fand.



Mit Kopfhörer und Datenbrille gehts in eine virtuelle Welt.

Mit Kopfhörer und Datenbrille gehts in eine virtuelle Welt. (Bild: Stefan Dewickere)

Das Eintauchen in die technische und formale Terra Nova ist erst einmal mit einigem Aufwand verbunden. Da muss die Datenbrille übergestülpt und angepasst werden. Der persönlich zugeteilte freundliche Helfer, der einen später durch den virtuellen Raum fährt und führt sowie für die Vermittlung gewisser taktiler Effekte zuständig ist, geht mit grosser Sorgfalt vor. Eine Stoffhaube schottet einen vollständig von der visuellen Wahrnehmung der realen Welt ab. Dann werden die Kopfhörer aufgesetzt, ein brauner Umhang wird übergestülpt und ein Laptop-Rucksack geschultert.

Faszinierende Effekte

Und flugs sieht man sich in einer neuen Umgebung wieder. Dieses Eintauchen in die virtuelle Theaterwelt ist überaus faszinierend und auch etwas verstörend. Anders als im 3-D-Kino kann man sich in diesem Raum umsehen, durch diese Räume bewegen. Zu Beginn erhält man die beruhigende Ankündigung, dass man jederzeit aus dieser virtuellen Welt aussteigen kann.

Leider dauert dieser theatrale Tauchgang nur relativ kurze Zeit. Schliesslich müssen vier Publikumsgruppen durch die neuen Welten geführt werden. Eine knappe Viertelstunde dürfte der Trip gedauert haben. Das ist letztlich nur ein kleiner Teil der insgesamt zweistündigen Performance.

Der längste Teil des Theaterabends besinnt sich wiederum auf konventionellere Theaterformen zurück und ist der Antarktis-Expedition «Terra Nova» gewidmet – also dem Rückblick auf ein tatsächliches Ereignis aus dem Jahr 1910, als es noch ohne Datenbrille und Kopfhörer möglich war, in gänzlich unbekannte Welten einzutauchen. Konkret besteht dieser Teil aus einem längeren Monolog des Schauspielers Jorre Vandenbussche, der in der Rolle des gescheiterten Entdeckers Scott von Grenzerfahrungen berichtet, die einem auf einer Südpol-Expedition offensichtlich widerfahren.

Er tut dies weitgehend bewegungslos und an einem Mischpult assistiert von einer Art psychologischer Himmelstor-Empfangsdame (Sara Vertongen). Nur ab und zu tritt er auf die quadratische fluoreszierende Bodenplatte, die mehrmals durch ein Lichtband «aufgeladen» wird und damit die Illusion des zerbrechlichen eisigen Untergrunds ganz stimmig zu vermitteln vermag. Aber vielleicht liegt es an den vorangegangenen Erfahrungen mit dem eigenen Trip durch eine Terra incognita, dass es schwerfällt, dem langen und mit der Zeit auch etwas langfädig wirkenden Monolog mit anhaltender Aufmerksamkeit zu folgen.

Sprung zurück in die reale Theaterwelt

Verstandesmässig lässt sich die inhaltliche Brücke zwischen den beiden neuen Welten, der erlebten auf der einen und der erzählten auf der anderen Seite, durchaus schlagen – auch wenn der eigene Trip mit Südpol und Eismeer nichts zu tun hatte. Der Sprung in die konventionelle Theaterwelt hat aber zur Folge, dass der gedankliche Nachhall nach der Rückkehr aus der virtuellen in die reale Welt allzu rasch unterbrochen und damit auch verdrängt wird. Das ist schade.

«Terra Nova» von Crew im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Portable Reality» des Hauses für elektronische Künste (HeK), der Kaserne Basel und des Museums Tinguely.
Die nächsten Vorstellungen: 25. bis 27. September, jeweils 17.30 und 21.00 Uhr, in der Reithalle der Kaserne Basel

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