«Velvet Goldmine» – der beste Film über Bowie, in dem er gar nicht vorkommt

Das Stadtkino widmet dem US-Regisseur Todd Haynes eine Retrospektive. «I’m not there», eine Annäherung an Bob Dylan, hat ihn berühmt gemacht. Doch schon in den 90er-Jahren gelang ihm eine liebevolle Hommage: «Velvet Goldmine» erinnert an Bowies Ziggy-Stardust-Ära. Und an die sexuelle Befreiung dieser Zeit.

Flamboyant: Jonathan Rhys Meyers in der Rolle des Glamrock-Stars Brian Slade.

(Bild: Peter Mountain)

Das Stadtkino widmet dem US-Regisseur Todd Haynes eine Retrospektive. «I’m not there», eine Annäherung an Bob Dylan, hat ihn berühmt gemacht. Doch schon in den 90er-Jahren gelang ihm eine liebevolle Hommage: «Velvet Goldmine» erinnert an Bowies Ziggy-Stardust-Ära. Und an die sexuelle Befreiung dieser Zeit.

David Bowie war auch Schauspieler. Daran wurde man in den Nachrufen erinnert, die auf seinen Tod vor sechs Wochen folgten. Auch auf der Bühne und vor den Kameras war er ein Meister der (Selbst-)Inszenierung. Doch einen Kinofilm, worin er seinen eigenen Aufstieg und seine Verwandlungen reflektiert, hat er zeitlebens nicht realisiert. Diese Lücke füllte Todd Haynes 1998 mit «Velvet Goldmine».

Darin schickt der US-amerikanische Filmregisseur einen britischen Journalisten (Christian Bale) auf Spurensuche nach dem grössten Popstar der frühen 70er-Jahre. Brian Slade heisst dieser (Jonathan Rhys Meyers). Mit seinem bunten, flamboyanten Auftreten versetzte er die Londoner Jugend ab 1971 in Ekstase.

Mit seiner androgynen Erscheinung weichte er die Gendergrenzen auf, ermutigte Jungs, Plateauschuhe zu tragen – und auch Schminke. Nicht nur modisch setzt Slade Akzente, sondern auch mit seinem Rollenspiel auf der Bühne. Er weiss genau, was einen Sänger zur Legende macht. Und schockiert seine Fangemeinde, als er sich auf der Bühne erschiesst. Es ist für ihn der einzige Fluchtweg, um sich von der Kunstfigur, die er geschaffen hat, zu verabschieden. Als die Fans realisieren, dass dieser Tod nur eine Inszenierung war, erlischt sein Stern und er gerät in Vergessenheit.

Fiktion voller Anspielungen

Ob er noch lebt? Das fragt sich der Journalist und taucht ein in die eigenen Erinnerungen, als er selber die Glamrockstars anhimmelte. Und recherchiert zudem im Umfeld von Brian Slade. Allem voran geht er der Geschichte nach, die Slade mit dem US-Sänger Curt Wild verband, einem blonden Rabauken (Ewan McGregor).

Keine Frage: Die fiktionale Handlung dieses opulenten, farbenprächtigen Spielfilms ist an zahlreiche reale Figuren angelehnt. Curt Wild steht für Iggy Pop, jenen US-Sänger, der bis heute mit vollem Körpereinsatz die Kraft des Rock ’n‘ Roll auf die Bühne trägt. Im Namen Brian Slade verbergen sich zwar Anspielungen auf Brian Eno oder Bryan Ferry von Roxy Music, der Nachname hingegen steht für eine andere britische Band dieser Zeit. Slade gehörten zu jenen Bands, die mit Liedern wie «C’mon Feel the Noize» die Post-Hippie-Jugend elektrisierten.

Die Figur selber aber ist unverkennbar von David Bowie inspiriert. Dieser schuf die Kunstfigur Ziggy Stardust – und begrub diese symbolisch, als sie ihm zu viel wurde. Auch war es Bowie, der danach in weitere Rollen schlüpfte, ungreifbar blieb, abtauchte – um in den 80er-Jahren seinen kommerziellen, nicht aber künstlerischen Höhepunkt zu erreichen.

Toller Soundtrack ohne Bowie-Songs

Der Aufstieg und Fall einer Glamrock-Kunstfigur wird in Haynes‘ Film bildstark nachgezeichnet. Mit viel Liebe zum Detail in der Ausstattung wie auch in den Verknüpfungen zu real existierenden Personen und Anekdoten aus den 70er-Jahren. Toni Collette etwa spielt unverkennbar Angela Bowie, die Gattin, die in ihrer Autobiografie freizügig von den bisexuellen Begierden ihres Mannes berichtete. Und keinen Hehl daraus machte, dass ihr Mann gewillt war, jegliche Konventionen zu sprengen, um Legendenstatus zu erreichen.

Man muss diesen Film nur für seinen Soundtrack lieben: Herrliche Glamrock-Hymnen, die heute kein Kind mehr kennt, erfreuen Ohren, Bauch und Seele, von Roxy Music über T. Rex bis Cockney Rebel. Bowie-Songs fehlen allerdings. Er gab sie nicht frei, weil er selber vorhatte, einen Film zu drehen. Regisseur Todd Haynes ist es zu verdanken, dass er sich dadurch nicht abhalten liess, «Velvet Goldmine» fertigzustellen. Mit einem Soundtrack, an dem auch jüngere, vom Glamrock inspirierte Musiker wie Thom Yorke (Radiohead) oder Placebo mitwirkten.  

Schade, dass sich der Erfolg des Films, damals 1998, an den Kinokassen in Grenzen hielt. Vermutlich weniger aufgrund partieller Schwächen in Handlung und Erzählweise. Viel eher kam der Film einfach zum falschen Zeitpunkt auf den Markt. Und Timing entscheidet gerade in der Popkultur oft darüber, ob etwas einschlägt oder nicht. 

Umso mehr ist es diesem visuellen und musikalischen Bijou zu gönnen, dass es jetzt im Stadtkino Basel auf grosser Leinwand gezeigt wird. Anlass ist eine Retrospektive des bisherigen Schaffens von Todd Haynes. Das Timing stimmt diesmal, wenige Wochen nach Bowies Tod, tragischerweise besser für dieses musikalisch-performative Sittengemälde.

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«Velvet Goldmine» im Stadtkino Basel:
Samstag, 20. Februar, 19.45 Uhr.
Mittwoch, 24. Februar, 18.30 Uhr. 


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