Verhüllter Riese

Auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein wurde die neue Lager- und Montagehalle von SANAA offiziell eingeweiht. Vor zahlreichen Interessierten erklärten die Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa von SANAA ihren Bau und weitere Projekte.

(Bild: Julien Lanoo)

Auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein wurde die neue Lager- und Montagehalle von SANAA offiziell eingeweiht. Vor zahlreichen Interessierten erklärten die Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa von SANAA ihren Bau und weitere Projekte.

Über eintausend Besucher schafften es am 19. April an den in Zusammenarbeit mit der Stiftung Architektur Dialoge veranstalteten Eröffnungstalk der beiden Protagonisten des Architekturbüros SANAA. Die Zahl ist beachtlich und erfreulich, zumal an einem Freitagabend selbst in Basel einiges los ist, der Vitra Campus noch nicht einmal im Zentrum Weils liegt, sich das frühlingshafte Wetter vorübergehend verabschiedet hatte und es ja letztlich «nur» um die Eröffnung einer Fabrikhalle ging.

Nur eine Fabrikhalle? Dem würde wohl nicht bloss Vitra als Auftraggeberin, sondern auch eine Vielzahl der Anwesenden widersprechen. Am ehesten damit einverstanden wären vermutlich die Architekten selbst, die in japanischer Bescheidenheit ihre Absichten so erklärten, dass nie die Vermutung aufkam, sie hätten die verschiedenen Elemente der Halle aus irgendetwas anderem als ihrer Funktion abgeleitet. Tatsächlich ist ihnen aber alles andere als ein durchschnittlicher Industriebau gelungen – von der Bauherrin Vitra hat man auch kaum etwas anderes erwartet.

Abseits der Verkehrsachse

Beim SANAA-Bau, der etwas abseits der Hauptverkehrsachse im Campus quasi hinter den Gebäuden von Nicholas Grimshaw und Frank Gehry liegt, fällt zunächst die für eine Fabrikhalle untypische Kreisform auf. Wobei sich dem Besucher diese Form gar nie völlig erschliesst, was natürlich in der Natur eines so gross angelegten Kreises begründet ist und von allem Anfang an im Kalkül der Architekten gelegen hat. Ein konventioneller Grundriss hätte die Frage nach der Ansichtigkeit und damit das Problem einer möglichen Hierarchisierung der verschiedenen Gebäudeseiten und der entsprechenden Gestaltung mit sich gebracht.

Gerade beim Industriebau ist die Frage der Fassadengestaltung besonders brisant, da aufgrund der Ausmasse das Problem der Monotonie in den Griff bekommen werden muss. SANAA lösen diese Schwierigkeit denkbar einfach, indem sie eine runde Form wählen – die im übrigen gar keinen perfekten Kreis beschreibt, sondern ähnlich einem mit freier Hand gezeichneten Kreis leichte Unregelmässigkeiten aufweist und damit seine Wurzeln in einer typisch japanischen Auffassung des Ästhetischen hat. Das Gebäude zwingt demjenigen, der sich ihm nähert, keinen bestimmten idealen Betrachterstandpunkt auf. Es ist vielmehr so, dass es sich, von welchem Punkt aus man es auch anschaut, den Blicken entzieht, weil sich seine Aussenhülle stets in der Tiefe des Raums verliert.

So unnahbar das Gebäude von aussen erscheint, so klar und übersichtlich ist die Gestaltung seines Innern.


Dieser Effekt wird zusätzlich unterstützt durch die Oberflächengestaltung der Aussenwände. Die tragenden Betonplatten sind mit unregelmässig gewellten Acrylglaspaneelen verkleidet, deren vertikal verlaufende Fältelung an einen endlosen weissen Vorhang erinnert – eine Assoziation, die auch deshalb geweckt wird, weil die Paneele nicht ganz bis zum Boden reichen und so den Blick auf einen schmalen Streifen der verdeckten Betonwand freigeben. Indem sich im Scheitelpunkt der einzelnen Welle das sichtbare Halbrund der Gebäudeform spiegelt, schafft die Unregelmässigkeit der Wellen im Kleinen, was das Gebäude als ganzes auszeichnet: Die Oberfläche gibt dem Auge des Betrachter kaum Halt, indem sie ständig vor- und zurückspringt. Der Vorhang ist damit keine blosse Metapher, sondern er verhüllt die über zwanzigtausend Quadratmeter messende Fläche tatsächlich.

Unnahbar, doch übersichtlich

Wie es sich für einen Vorhang gehört, verbirgt er eine Überraschung: So unnahbar das Gebäude von aussen erscheint, so klar und übersichtlich ist die Gestaltung seines Innern. Es schwingt fast schon eine leise Enttäuschung mit, wenn man auf das Erwartete trifft, eine nüchterne Halle, die durch ein Stahlträgerskelett strukturiert wird, auf dem Fachwerkträger das leichte Dach tragen. Hier zeigt die Halle, was sie eigentlich ist: Ein Ort zur Aufbewahrung der Halbfertigteile für Ladeneinbauten, die an grossen Werkbänken nach Massgabe der Kunden zusammengesetzt und dann mit Lastwagen abtransportiert werden.

Aber auch auf der vergleichsweise profanen Ebene der Funktionalität fallen die Qualitäten des Baus auf. Die in langen Streifen angeordneten Dachfenster ergeben in Kombination mit der filigranen Trägerkonstruktion, einer klugen Anordnung der Hochregale und einer Farbgebung, die von Weiss und hellen Grautönen dominiert wird, einen durchwegs gut ausgeleuchteten und freundlichen Raum. Dass dabei nicht das übliche Gewirr von Kabeln und Rohren der Haustechnik stört, scheint selbstverständlich, ist es aber durchaus nicht.

Klagen auf hohem Niveau

Der SANAA-Bau erträgt den harten Kontrast zwischen innen und aussen erstaunlich gut. Damit zusammenhängen dürfte, dass sowohl die Überlegungen, die zur Gebäudeform und der Aussenhülle geführt haben, wie auch die Gründe für die Innenraumgestaltung verständlich und nachvollziehbar sind, ohne dabei einfach banale Lösungen darzustellen. Angesichts dieser hervorragenden Qualitäten ist der eigentliche Grenzbereich zwischen Innen und Aussen eine der wenigen Stellen, an denen man diese prätentiöse Selbstverständlichkeit etwas vermisst.

Den längsformatigen Betonplatten, die aneinandergereiht die Aussenmauer bilden, fehlt auf der einen Seite die Dynamik der Kunststoffpaneele, gleichzeitig fügen sie sich nicht recht in das orthogonale Raster des den Innenraum beherrschenden Stahlskeletts ein. Sie machen den freien Grundriss der Halle nur halbherzig mit und fügen sich ihm doch so weit, dass sie keine klare Position zum Innenraum mehr beziehen. Damit wirken sie vergleichsweise schwer und unbeholfen. Hält man sich allerdings vor Augen, dass es sich dabei um die Wände einer Fabrikhalle handelt, sind das freilich Klagen auf hohem Niveau. Sie ändern sicher nichts daran, dass der Vitra Campus um einen weiteren architektonischen Höhepunkt reicher ist.

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