Vom Nähzirkel zum Label – das Kollektiv «Zweites Design»

Necessaires aus Jeans, Ringe aus Patronenhülsen – das Kollektiv «Zweites Design» zeigt, wie aus vermeintlichem Abfall einzigartige Kreationen entstehen können.

Simone Cueni (l.) von «Zweites Design» produziert, managt, verkauft – und informiert ihre Kunden gerne, auch auf engstem Raum.  

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Necessaires aus Jeans, Ringe aus Patronenhülsen – das Kollektiv «Zweites Design» zeigt, wie aus vermeintlichem Abfall einzigartige Kreationen entstehen können.

Jetzt nur keine hektischen Bewegungen. Das ist unser erster Gedanke, als wir das Geschäft des Labels «Zweites Design» in der Falknerstrasse betreten. Die geschätzt zehn Quadratmeter Ladenfläche sind randvoll: Rechts springen uns farbenfrohe Kleider aus Stoffresten und Necessaires aus ausgedienten Jeans ins Auge. Links glitzert Schmuck aus Silberbesteck und Geschirr aus Altglas in den Regalen. Wir realisieren schnell: Hier gibt es alles für Neugierige mit einem Herz für Nachhaltiges.

Simone Cueni, Mitgründerin des Labels, begrüsst uns herzlich in ihrer schmucken Wunderkammer. Wobei ihrer nur zum Teil stimmt: «Zweites Design» ist ein Kollektiv, ein Zusammenschluss von kreativen und handwerklich begabten Köpfen mehrheitlich aus der Region, die sich dem Upcycling verschrieben haben. 

Aus alt mach neu 

Upcycling heisst: aus alt mach neu, um es vor der Mülltonne zu retten. Es ist ein Zug, auf den in den letzten Jahrzehnten immer mehr Handwerker aufgesprungen sind und mit dem es sich gut fahren lässt – man denke nur an die Gebrüder Freitag und ihre Taschen. 

Dass «Zweites Design» das neue Freitag werden könnte, käme Cueni jedoch nie in den Sinn. Allein, dass sie einmal ein Label gründen würde, hätte sie noch vor ein paar Jahren für unmöglich gehalten.



Ein erster Blick verrät bereits: hier wird kreativ gearbeitet – und wiederverwertet. 

Ein erster Blick verrät bereits: hier wird kreativ gearbeitet – und wiederverwertet.  (Bild: Alexander Preobrajenski)

Denn am Anfang stand ein nachbarschaftlicher Nähzirkel. Eine Kollegin sprach Cueni an, die damals noch als Ernährungsberaterin tätig war. Es gebe da ein kleines Atelier im Quartier, wo man sich wöchentlich zum Nähen treffe – dass sei doch was für sie. Die Idee mit dem Upcyclen entstand dann aus finanziellen Beweggründen heraus: «Es war uns schlichtweg zu teuer, alles aus neuem Stoff zu nähen», sagt die 39-Jährige. 

Seine neuen alten Kleider präsentierte der Nähzirkel im Jahr 2013 an einem Quartierfest – in der Annahme, dass sich sowieso niemand dafür interessieren würde. Doch es kam anders: «Innerhalb von zwei Stunden hatten wir alles verkauft.»

Vom Nähzirkel zum eigenen Label 

Das gab Bestätigung, und so gründete Cueni daraufhin zusammen mit Nähkollegin Rahel Schütz das Label «Aufgehübscht in Baselwest». Doch nur zu zweit die Öffentlichkeit zu suchen, das getrauten sich die beiden Frauen nicht. «Deshalb kamen wir auf die Idee eines Kollektivs – um gemeinsam mit Menschen, die auch kreativ schaffen, sichtbarer zu werden.» Auf dem Online-Marktplatz der Uni Basel schalteten sie ein Inserat. Fünf Personen bekundeten ihr Interesse, und so wurde 2014 «Zweites Design» gegründet. 



«Es war uns schlichtweg zu teuer, alles aus neuem Stoff zu nähen» – Simone Cueni erklärt, wie sie auf die Idee des Upcyclings kam. 

«Es war uns schlichtweg zu teuer, alles aus neuem Stoff zu nähen» – Simone Cueni erklärt, wie sie auf die Idee des Upcyclings kam.  (Bild: Alexander Preobrajenski)

Im April desselben Jahres folgte eine halbjährige Zwischennutzung in der Markthalle. «Das war der Ort, wo das Geschäft am besten lief», erinnert sich Cueni. Das Kollektiv gewann an Selbstbewusstsein und eröffnete an der Allschwilerstrasse ein eigenes, fixes Geschäft. «Ein guter, wichtiger Schritt», findet Cueni, doch die unbeschwerte Anfangsphase war damit beendet. Nun war jeden Monat Miete fällig, es musste Buchhaltung geführt und in die Zukunft geplant werden. 

Gut 40 Personen waren zu jener Zeit Teil des Labels. Nicht alle, aber viele beteiligten sich aktiv am Laden, verkauften abwechselnd ihre Produkte direkt an die Kunden und tüftelten am Label mit. Doch das Ladenlokal war gross und teuer. Ohne finanzielle Unterstützung von aussen war das Geschäft nicht mehr tragbar. Also zog man im September letzten Jahres in das kleine Gemach neben dem Spitzenfachgeschäft Caraco in der Innenstadt. Heute wechseln sich elf Menschen im Laden ab, dazu kommen fünf Labelmitglieder, die ihre Werke verkaufen lassen, ohne selbst im Laden zu arbeiten.

Die Ab- und Zugänge, die seien normal, sagt Cueni. Die Dynamik im Kollektiv sei schön und inspirierend. Fungiert «Zweites Design» denn als Sprungbrett? «Ja, irgendwie schon», antwortet Cueni nach kurzem Überlegen. Das Label sei für Hobby-Kunsthandwerker eine Möglichkeit, Selbstbewusstsein zu gewinnen. 

Weder Unternehmer, noch Weltverbesserer 

Das Label hat den Durchbruch jedoch noch nicht geschafft – zumindest auf finanzieller Ebene: «Die Leute kommen in den Laden, sagen, wie toll sie die Produkte finden – doch besässen sie bereits alles, was sie bräuchten.» Cueni hat Freude an diesen Gesprächen, finanziellen Gewinn bringen sie aber keinen.

Die Kunsthandwerker von «Zweites Design» sind keine Unternehmer – das sagt Cueni selbst. Es sind Menschen, die Freude daran haben, etwas zu schaffen, und diese Freude weitergeben wollen. «Jeder, der bei uns mitmacht, soll sich entfalten können», sagt die vierfache Mutter. Ein Plus am Jahresende wäre natürlich toll, aber finanziell abhängig vom Laden sei niemand.

Ist das Label also bloss ein Zusammenschluss von Weltverbesserern? «Ganz und gar nicht», wehrt sich Cueni. Ein bewusster Umgang mit Ressourcen sei allen wichtig und auch an den Produkten abzulesen. Doch sei dies weder der Hauptantrieb für ihre Arbeit, noch wolle man missionieren.



Mit dieser Patronenhülse schiessen Sie höchstens noch jemandem ins Auge – ästhetisch gesprochen natürlich. 

Mit dieser Patronenhülse schiessen Sie höchstens noch jemandem ins Auge – ästhetisch gesprochen natürlich.  (Bild: Alexander Preobrajenski)

Dass sei vielleicht auch das Problem von «Zweites Design»: dass man keine stringente Botschaft an die potenziellen Kunden herantragen könne. Andererseits ist die Möglichkeit, unverfänglich so zu kreieren, wie man es für richtig hält, vielleicht gerade der springende Punkt, der das Label auszeichnet. 

Wen diese Möglichkeit reizt, der kann sie jetzt wahrnehmen: «Vor Kurzem haben vier Personen das Label verlassen – wer mitmachen will, soll sich ungeniert bei uns melden!»  

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«Zweites Design», Falknerstrasse 54, neben dem Caraco. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 12 bis 18.30 Uhr, und Samstag, 12 bis 17 Uhr. Das Kollektiv nimmt gerne Ihre alten Gegenstände und Materialien entgegen – was genau benötigt wird, sehen Sie hier. Und wer sich selber in der Handwerkskunst üben will: Das Kollektiv bietet monatlich Workshops an

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